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Kommunalpolitik nicht immer Vergnügen

Eurasburger Gemeinderat hat zum Abschied „Anregung zum Nachdenken“

  • vonRudi Stallein
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Stühlerücken im Sitzungssaal: Eine Dame und vier Herren verlassen den Eurasburgs Rat. Stefan Bauer wählt für den Abschied deutliche Worte.

Eurasburg– Wenn Bürgermeister Moritz Sappl am 5. Mai zum ersten Mal den neuen Gemeinderat einberuft, wird er fünf ehemalige Mitstreiter vermissen: Petra Epp (Bündnis 90/ Die Grünen), Bernhard Bromberger (Gemeinsame Wählervereinigung), Michael Wohlfahrter (Eurasburger Liste) sowie Peter Furtner und Stefan Bauer (beide CSC) hatten bei der Kommunalwahl 2020 nicht mehr für einen Platz im 16-köpfigen Gremium kandidiert. Für ihren Rückzug aus der Kommunalpolitik haben die Fünf ganz unterschiedliche Gründe.

„Für manche Leute ist das eine Freude, dabei zu sein. Aber ich habe gemerkt: Das passt nicht zu mir“, sagt Petra Epp, die sich vor sechs Jahren als Bürgermeisterkandidatin um die Nachfolge von Michael Bromberger beworben hatte. „Ich schätze die Kollegen, aber so ein Gremium ist nicht meine Sache.“ Was nicht bedeutet, dass nicht auch schöne Erinnerungen haften bleiben: „Die Entwicklung im Kloster finde ich sehr gut. Und ganz besonders freut es mich, dass mein persönliches Steckenpferd, der Radweg nach Baierlach, ein Meilenstein geworden ist“, sagt die Diplom-Ingenieurin. Vor allem eins sei ihr allerdings während der sechs Jahre abgegangen: mehr Frauen im Gemeinderat. „Es hätte vielleicht mehr Freude gemacht, wenn die Geschlechter anders verteilt gewesen wären“, bedauert Epp. „Der weibliche Blickwinkel ist doch meist ein etwas anderer.“

Berufliche Gründe hindern Bernhard Bromberger an einer Fortsetzung seiner nur sechs Jahre währenden kommunalpolitischen Karriere. „Es ist nicht, weil ich keine Lust mehr hätte. Es fehlt die Zeit“, sagt der Geschäftsführer eines mittelständischen Anlagenbetriebs, der im Gemeinderat zudem Jugendbeauftragter war. „Auch dieser Job war sehr interessant.“ Wobei sich die Arbeit auf unterstützende Maßnahmen beschränkt habe, weil es in der Gemeinde noch ein sehr ausgeprägtes Vereinsleben für die jungen Leute gebe. Eine wichtige Erkenntnis habe er jedoch gewonnen: Auf kommunaler Ebene geht vieles nicht so schnell, wie es mancher gerne hätte, so Bromberger, der in Vereinen weiterhin aktiv bleiben will, politisch aber erst mal nicht. „In der aktuellen Lebensphase passt es nicht rein.“

So geht es ebenfalls Michael Wohlfahrter, dem die Politik neben zwei Jobs, die er bewältigen muss, zu viel geworden ist. „Es war schön und interessant, ich habe viel dazugelernt. Aber wenn man die Zeit nicht hat, wenn es ein Muss wird, macht es wenig Sinn“, sagt der Vater von drei Kindern. „Es sind in den vergangenen Jahren viele gute Entscheidungen getroffen worden. Ich finde sehr wichtig, dass Eurasburg nun den Einzelhandel bekommt und dass die Gemeinde sich dort ein paar Wohnungen für Sozialschwache gesichert hat“, betont der Zimmerer. Aber er habe auch feststellen müssen, dass die Praxis anders aussieht, als ihm vor sechseinhalb Jahren suggeriert worden sei. „Da hieß es, für eine Gemeinderatssitzung im Monat hat man schon Zeit. Aber damit allein ist es nicht getan, man muss auch den Kopf dafür freihaben.“

Die mühsame Suche nach politischen Mitstreitern und engagiertem Nachwuchs habe ihn „im Endeffekt ein bisschen zermürbt“, sagt Peter Furtner, der zwölf Jahre lang die Entwicklung der Gemeinde mitprägte. „Wir haben viele Leute angesprochen, aber wenn es ernst wurde, ist jeder zurückgeschreckt“, bedauert der Prokurist. Er finde es beschämend, dass auf der aktuellen CSU-Liste für die Kommunalwahl nur noch fünf Namen standen. Und das die Partei im Gemeinderat nur noch zwei Plätze hat, sei traurig. „Ich möchte die Zeit nicht missen. Ich konnte oft meine Fach-Expertise einbringen“, zieht Furtner Bilanz, „aber jetzt ist ein guter Zeitpunkt gekommen, um für frischen Wind Platz zu machen.“

Von den scheidenden Gemeinderäten blickt Stefan Bauer auf die längste Amtszeit zurück. Viele der insgesamt 18 Jahre habe er das Amt sehr gerne ausgeführt, die letzten Jahre jedoch nicht mehr, räumt der Dachdecker ein, die Kommunalpolitik sei für ihn nicht immer nur ein Vergnügen gewesen. „Die Vehemenz, mit der so mancher Bürger egoistisch seine Anliegen gegenüber der Gemeinde durchzusetzen versucht, hat teilweise grenzwertige Ausmaße angenommen“, moniert der Zimmerer rückblickend. „Aber Egoismus und Selbstdarstellerei machen leider auch vor dem Gremium nicht halt. Mir wäre sehr viel daran gelegen, dass der eine oder andere Mandatsträger sich einmal Gedanken darüber macht, von wem und warum er gewählt worden ist.“ Jedes Gemeinderatsmitglied solle unabhängig und ausschließlich zum Wohl der Gemeinde beziehungsweise der Gemeindebürger entscheiden und nicht im Interesse des eigenen oder näheren Umfelds, betont Bauer, der seine Kritik „keineswegs als Abrechnung oder Nachtreten“ verstanden wissen will, sondern als „Anregung zum Nachdenken“.

Für seine abschließenden Worte erhält er wohl die Zustimmung seiner vier mit ihm ausscheidenden Kolleginnen und Kollegen: „Dem neuen Gemeinderat wünsche ich allzeit ein gutes Händchen für die richtigen Entscheidungen.“

rst

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