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Max Kronawitter dreht beeindruckende Todesmarsch-Dokumentation

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Von: Volker Ufertinger

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Max Kronawitter bei der Online-Ansage mit dem Mahnmal des Todesmarschs. Der Titel der Dokumentation: „Als das Grauen vor die Haustür kam“.
Der Regisseur und sein Thema: Der Eurasburger Filmemacher Max Kronawitter bei der Online-Ansage mit dem Mahnmal des Todesmarschs. Der Titel der Dokumentation: „Als das Grauen vor die Haustür kam“. © Ikarus-Film

Viele Jahre hat sich der Eurasburger Regisseur Max Kronawitter mit dem Todesmarsch beschäftigt. Jetzt hatte seine Dokumentation Premiere - der Umstände halber online.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ende April 1945 wachten viele Bewohner des Wolfratshauser Markts von einem unbekannten Geräusch auf und gingen an die Fenster. Was sie sahen, ließ ihr Blut gefrieren: Abgemagerte Gestalten schleppten sich über die Straße, angetrieben von bewaffneten Nazis und deren Bluthunden. Die Holzpantinen der Elenden klapperten auf der Straße. Es war ein Moment, der vielen Menschen schockartig die Wahrheit über den Nationalsozialismus zu Bewusstsein brachte. Die meisten vermieden es ihr Leben lang, darüber zu sprechen. Im neuen Film des Eurasburger Regisseurs Max Kronawitter „Als das Grauen vor die Haustür kam“ spielt dieses Klappern als akustisches Leitmotiv eine wichtige Rolle.

In den vergangenen Jahren ist eigentlich viel passiert, damit das Grauen von einst nicht in Vergessenheit gerät: Entlang des Weges vom KZ Dachau bis zum Ort der Befreiung in Waakirchen wurden 22 Mahnmale aufgestellt. Andreas Wagner, der heutige Bundestagsabgeordnete der Linken, hat ein Buch geschrieben. Und auch im Waldramer Badehaus wird das Schicksal der geschundenen Menschen thematisiert. Dennoch: Ins allgemeine Bewusstsein ist der Todesmarsch nicht gedrungen. Der Film soll dazu beitragen und „Teil der Erinnerungskultur“ werden, wie Kronawitter in der Anmoderation der Online-Premiere am Donnerstagabend sagte.

500 Zuschauer wollen den Film sehen

Wie groß das Interesse an dem Thema ist, zeigte sich gleich zu Anfang: 500 Zuschauer – darunter Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde und Hubertus Pilgrim, Schöpfer der 22 Mahnmale – hatten sich zugeschaltet, der Server geriet an die Grenzen seiner Kapazitäten. Kronawitter machte keinen Hehl daraus, dass eine andere Präsentation ihm viel lieber gewesen wäre. „Eigentlich wollten wir an den jeweiligen Gedenktagen in den jeweiligen Orten des Todesmarschs vorführen.“ Weil das aber derzeit nicht möglich ist, wurde eine kompakte 45-Minuten-Version des eigentlich eineinhalbstündigen Films gezeigt. Die Langversion ist auf DVD erhältlich.

Im Zentrum des Films stehen die Schilderungen von Abba Naor, der das Grauen überlebt hat. Ohne Hass, fast sachlich beschreibt er die Ungeheuerlichkeiten, die ihm widerfahren sind: Wie man aufpassen musste, den Anschluss nicht zu verlieren, weil das den sicheren Tod bedeutet hätte. Wie entsetzt die Menschen auf ihre Anblick reagierten, vor allem auf ihren unbeschreiblichen Geruch. Und wie der Hunger sie dazu trieb, bei Pausen Graswurzeln zu essen. „Sie schmeckten gut.“

Helfen zu wollen, war lebensgefährlich

Zu Wort kommen auch Zeitzeugen aus jenen Gemeinden, durch die die Häftlinge getrieben wurden. Die meisten von ihnen waren 1945 noch jung und wussten nicht, dass es lebensgefährlich war, Hilfe zu leisten. Friedl Kunstwald aus Reichersbeuern etwa tauschte in wahrhaft jugendlichem Leichtsinn frisch gebackenes Brot mit einer Ziehharmonika. Er wurde nicht erwischt. „Jetzt hast Du aber Glück gehabt“, sagten seine Eltern. Noch dramatischer sind die Erzählungen des Eurasburger Landwirts Moritz Sappl, dessen Vater in einem Waldstück von Achmühle nach einem Gemetzel die Leichen beseitigen musste. „Er hat nicht viel darüber geredet“, sagt Sappl jun. vor laufender Kamera. Er selbst fand noch lange Kochgeschirr, Schuhe, Gasmasken im Wald.

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Kronawitters Film ehrt aber auch jene Menschen, die das Erinnern möglich gemacht haben. Etwa Hubertus von Pilgrim, Schöpfer der Mahnmale. Er erklärt in einem Gespräch unter anderem erklärt, warum seine Gestalten keine Holzpantinen tragen: „Die Barfüßigkeit ist ein Ausdruck für das Ausgesetztsein, für das Leid.“ Es war Ekkehard Knobloch, Altbürgermeister von Gauting, der als Erster das umstrittene Pilgrim-Mahnmal aufgestellt hat. Er sagt im Film: „Für viele war die Erinnerung eben so schrecklich, dass sie sie lieber weggesperrt hätten, wie in eine Kiste.“

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Die Dokumentation „Als das Grauen vor die Haustür kam“ arrangiert auf sehr gekonnte Weise Zeitzeugenberichte, historisches Material sowie Impressionen von den Gemeinden, durch die Häftlinge zogen. Geschmacksfrage ist höchstens die sehr dramatische Musik aus dem Off. In der anschließenden Zoom-Konferenz waren die Zuschauer jedenfalls des Lobes voll. „Beeindruckender Film in Recherche, Machart und Message“, hieß es im Chat. Man kann nur zustimmen.

Der Film
Da die Teilnehmerzahl für die Online-Premiere auf 500 begrenzt war, musste Ikarus-Film am Donnerstagmittag die Liste schließen. Er wird deshalb am kommenden Donnerstag, 29. April, um 19.30 Uhr noch einmal gezeigt. Anmeldung ist nötig unter kronawitter@ikarus-film.de

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