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Rehkitzretter mit Käscher und Holzbox: Werner Harant, Schorsch Bielz und Berthold Mader. 

Drohnen-Technologie macht es möglich

Wie modernste Technik Rehkitze rettet

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Früher fielen Rehkitze oft Mähdreschern zum Opfer. Das muss heutzutage nicht mehr sein - wie das Beispiel aus Eurasburg zeigt. 

Eurasburg– Leise surrend steigt die Drohne auf und fliegt über ein Feld bei Herrnhausen. In etwa 80 Metern Höhe sucht sie die große Wiese ab, die in ein paar Stunden gemäht werden soll. Es ist früh am Morgen, etwa 5 Uhr. Doch das ist für die Gruppe Jäger und ihre Helfer zweitrangig. Sie sind auf der Suche nach Rehkitzen, die sich im Gras versteckt halten. Hier setzt die Geiß nach der Geburt ihr Kitz ab, damit es vor Feinden sicher ist. Durch den fehlenden Eigengeruch und dem gefleckten Fell ist es von natürlichen Feinden kaum auszumachen.

Doch den erst ein paar Tage alten Tieren droht im Gras eine andere, viel größere Gefahr: Mähmaschinen. Statt zu fliehen, wenn die großen und lauten landwirtschaftlichen Geräte auf das Kitz zufahren, drückt es sich auf den Boden. „Drückinstinkt“ nennt der Jäger dieses Verhalten, das fatale Folgen hat. Die scharfen Messer des Mähwerks erfassen das Tier und töten es.

„Früher mussten wir jedes Jahr 80 bis 120 Kilometer durch das hohe, nasse Gras laufen“, erzählt Peter Pelz, Pächter der Herrnhauser Jagd. Eine anstrengende Arbeit, bei der auch mit der Zeit die Konzentration nachließ. So manches Kitz wurde deshalb übersehen. „Jetzt lassen wir uns von der Technik helfen.“ Und das schon seit 2012: Damals beteiligten sich Pelz und seine Mannschaft an einem vom Bundeslandwirtschaftsministerium initiierten Forschungsprojekt zur „Wildrettung vor der Mahd“.

Zurück nach Eurasburg. Die Zeit drängt. Die Suche muss schnell vor sich gehen. Denn wenn es zu warm wird, kann die Thermalkamera die Kitze nicht mehr zuverlässig aufspüren. Und: „Es braucht alle paar Stunden seine Mutter“, sagt Pelz. „Zudem muss die Zeit, die der Landwirt für die Mahd braucht, auch noch berücksichtigt werden.“ Daher ist eine enge Abstimmung zwischen allen Beteiligten ein absolutes Muss.

Johannes Marzahn und Karl Ludwig von Poschinger, die die Drohne mit der daran befestigten Wärmebildkamera steuern, geben ein Zeichen. Ein Kitz ist erspäht worden. Um den Helfern den genauen Standort zu zeigen und sie dorthinzuführen, werden die Daten auf ein Handy geladen. Für die Flugmannschaft geht es weiter zum nächsten Auftrag.

Pelz nimmt ein paar Büschel Gras in die Hand und hebt das Tier vorsichtig auf. „So überträgt sich der Geruch des Menschen nicht. Die Ricke soll ihr Kind ja auch wieder annehmen.“ Beruhigend redet er auf das Kitz ein. Die nächsten Stunden wird es in einer mit Gras ausgelegten Kiste verbringen. Nicht unbedingt komfortabel, aber sicher. Bis 8 Uhr dauert der Einsatz. 50 Kitze konnten die Jäger und ihre Helfer heuer retten. Und jetzt? Pelz lacht. „Jetzt geht es müde an den eigentlichen Arbeitsplatz.“

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Wie viele Kitze pro Jahr der Mähmaschine zum Opfer fallen, kann nicht genau beziffert werden. „Aber es sind mehrere tausend“, sagt Thomas Schreder, Pressesprecher des Bayerischen Jagdverbands mit Sitz in Feldkirchen. „Aber auch Bodenbrüter und Hasen sind betroffen.“ Seit 20 Jahren forscht der Verband zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, wie man die „fliegenden Wildretter“ am besten einsetzen und optimieren kann.

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An erster Stelle geht es darum, Tierleid zu verhindern – nicht nur aus Gründen der Ethik, sondern auch aufgrund des Tierschutzgesetzes. Ein Kitz zu töten, geht auch dem betroffenen Landwirt nahe. Und: Sollte ein Kadaver in die Silage geraten, entsteht Leichengift. „Das Vieh, das diese Silage frisst, kann krank werden und verenden.“ Außerdem: Kann einem Landwirt nachgewiesen werden, dass er gemäht hat, ohne davor sein Feld abzusuchen, und ein Kitz kommt zu Schaden, drohen empfindliche Strafen. „Das ist dann Sache des Gerichts.“

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