Ein Mann liegt vor einem Auto.
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Was geschah am 14. Oktober 2019 auf dem Hof des Grünen-Landtagsabgeordneten Hans Urban in Eurasburg? Diese Frage beschäftigt Verteidigung, Staatsanwaltschaft und das Wolfratshauser Amtsgericht weiterhin.

Hat Hans Urban Körperverletzung fingiert?

Grünen-Landespolitiker wehrt sich gegen Strafbefehl - doch sein Anwalt verschweigt wesentlichen Satz

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Ist der Grünen-Landtagsabgeordnete Hans Urban aus Eurasburg von einem Google-Fahrzeug angefahren und dabei verletzt worden? Der Anwalt des 42-Jährigen hat dem Amtsgericht jetzt ein Privatgutachten vorgelegt, das die Version seines Mandanten belegen soll.

  • Das Amtsgericht Wolfratshausen hat gegen den Landtagsabgeordneten Hans Urban aus Eurasburg einen Strafbefehl erlassen.
  • Der 42-Jährige steht in dem Verdacht, eine Körperverletzung durch einen Google-Mitarbeiter fingiert zu haben.
  • Jetzt haben Urban und sein Anwalt Andreas Hofreiter beim Gericht ein Privatgutachten eingereicht.

Eurasburg/Wolfratshausen – Ist der Grünen-Landtagsabgeordnete Hans Urban auf seinem Privatgrundstück von einem Google-Pkw angefahren und dabei verletzt worden? Ja – das jedenfalls sei das Fazit des Privatgutachtens, das Urban und sein Münchner Anwalt Andreas Hofreiter jetzt beim Wolfratshauser Amtsgericht eingereicht haben, so Hofreiter auf Nachfrage unserer Zeitung. Das Gutachten stammt vom Erlanger Ingenieurbüro Fürbeth und Kollegen – „nun sollte das Verfahren eingestellt werden“, fordert Hofreiter. Doch eine wesentliche Aussage im Gutachten verschweigt er.

Der vom Amtsgericht bestellte Sachverständige, Prof. Dr. Jochen Buck, Direktor des Instituts für forensisches Sachverständigenwesen in München, war in seiner Expertise, die er im November 2020 dem Gericht vorlegte, zu dem Schluss gekommen: Die „Sturzszenarien“, die bei dem umstrittenen Vorfall am 14. Oktober 2019 auf dem Hof Urbans im Eurasburger Ortsteil Oberherrnhausen von der Dachkamera des Google-Pkw aufgezeichnet worden sind, seien allesamt „willentlich durch den Angeklagten eingeleitet/inszeniert worden“. Dass es einen Kontakt zwischen dem Kleinwagen des Internetriesen und dem 42-jährigen Grünen-Politiker gab, schloss Buck aus.

Urbans Hof wurde akribisch vermessen

Urban und sein Rechtsanwalt Hofreiter hatten in der Folge ein Privatgutachten in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Das Google-Fahrzeug sei gerollt, der Lenker (25) habe den Pkw erst gestoppt, als Urban bereits auf dem Boden gelegen habe. Kam es zuvor zum Anprall? „Da muss ich mich auf die Aussage meines Mandanten verlassen“, antwortet Hofreiter.

Das Büro Fürbeth hatte den Hof Urbans akribisch vermessen, zusätzlich mit einer Drohne Luftaufnahmen gemacht und die Ergebnisse mit dem Dachkamera-Video verglichen. Anders als von Forensiker Buck ermittelt, „hat sich das Auto im Dezimeterbereich bewegt“, sagt Urbans Anwalt. Sein Mandant sei sehr wohl von dem Auto zu Fall gebracht worden, von Schauspielerei könne keine Rede sein. Hofreiter räumt aber ein, dass Urban „dem Pkw hätte aus dem Weg gehen können“. Doch „es ist nun mal so wie es ist“.

Für Urbans Anwalt besteht „Redebedarf“

Für Hofreiter besteht aufgrund des Privatgutachtens jetzt „Redebedarf“. Er strebe die Einstellung des Verfahrens an. Wie berichtet hat das Amtsgericht gegen Urban einen Strafbefehl erlassen, der mit einer Geldstrafe in Höhe von 10 500 Euro verknüpft ist. Der Strafbefehl fußt auf dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Urban habe den Google-Mitarbeiter wider besseren Wissens der vorsätzlichen Körperverletzung angezeigt. In Paragraf 164 des Strafgesetzbuches ist dieser Tatbestand als „Falsche Verdächtigung“ subsumiert.

Das bislang vorliegende Gutachten kommt zu dem Schluss, dass der Pkw bei den vier Ereignissen in Vorwärtsfahrt mit sehr verhaltener Geschwindigkeit von 1 bis 3 km/h war. Dies rechtfertigt dem Gutachten zufolge jedoch weder aus technischer noch aus biomechanischer Sicht das jeweilige Zurückfallen und Absetzen.“ 

Rosemarie Mamisch, Richterin und Pressesprecherin des Amtsgerichts Wolfratshausen

„Zunächst bleibt festzustellen, dass das vom Verteidiger vorgelegte Gutachten bislang nicht vollständig ist“, berichtet Rosemarie Mamisch, Pressesprecherin des Amtsgerichts. Nach ihren Worten fehlen „mehrere Anlagen“, auf die im Text der Expertise Bezug genommen werde. „Das bislang vorliegende Gutachten kommt zu dem Schluss, dass der Pkw bei den vier Ereignissen in Vorwärtsfahrt mit sehr verhaltener Geschwindigkeit von 1 bis 3 km/h war“, so die Gerichtssprecherin. Dies rechtfertige „dem Gutachten zufolge jedoch weder aus technischer noch aus biomechanischer Sicht das jeweilige Zurückfallen und Absetzen“ des Grünen-Politikers. Heißt das, der Privatgutachter bestätigt die Einschätzung des Forensikers Buck, dass Urban die Stürze vor dem Wagen „inszeniert“ hat? „Die Schlussfolgerung überlasse ich Ihnen“, antwortet Mamisch diplomatisch.

Staatsanwaltschaft wird um Stellungnahme gebeten

Die Gerichtssprecherin legt Wert auf die Feststellung, dass die Entscheidung des Amtsgerichts, der Erlass des Strafbefehls, nicht aufgrund des Gutachtens des Sachverständigen Buck getroffen worden sei: „Das erste Gutachten wurde vielmehr auf den Beweisantrag der Beschuldigtenseite hin nach Erlass des Strafbefehls eingeholt. Für den Erlass des Strafbefehls wurden die Videoaufnahmen an sich als aussagekräftig genug erachtet“. Wie geht’s nun weiter? „Das Gericht wird im nächsten Schritt – bei vollständigem Vorliegen des zweiten Gutachtens – dieses an die Staatsanwaltschaft zur Stellungnahme weiterleiten“, erklärt Mamisch. Eine mögliche Hauptverhandlung finde wenn erst im Frühjahr statt. (cce)

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