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Hans Kastler in seinem Eurasburger Atelier.

Tochter bringt Lebenserinnerungen heraus 

Hans Kastler, ein Künstlerleben

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Eurasburg - Der Bildhauer Hans Kastler, vor allem berühmt wegen seiner Tierplastiken, ist 2016 gestorben. Jetzt hat Petra Welker die Lebenserinnerungen ihres Vaters herausgegeben, die er nach einem Schlaganfall mühsam mit der linken Hand zu Papier gebracht hat. 

Eurasburg – Es hat nicht viel gefehlt, und Hans Kastler hätte die Welt nicht mit seiner Kunst bereichern können. Er war gerade ein Jahr alt und lag in einem Korb, den seine Mutter auf der Straße seiner oberösterreichischen Heimat Klam für einen Moment abgestellt hatte. In diesem Moment rissen sich beim Nachbarn Pferde los und galoppierten mit furchtbarem Krach über das Kleinkind hinweg. „Wie durch ein Wunder war ich heil geblieben“, schrieb Kastler am Ende seines Lebens in einem Seniorenheim in Benediktbeuern. „Mein Schutzengel hatte seinen Dienst vorzüglich geleistet.“ Die Szenerie hat Kastler mit der ganzen Ausdruckskraft, über die er verfügte, zu Papier gebracht.

Ein Muss für alle Kastler-Fans

Diese Erinnerung samt Zeichnung findet sich in dem Buch „Hans Kastler, Lebenserinnerungen. Von der Klamschlucht in die Welt der bildenden Kunst“. Herausgegeben hat das 135 Seiten umfassende Buch Petra Welker, Kastlers Tochter. Darin enthalten sind die Aufzeichnungen, die der Wahl-Eurasburger – nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt – in Benediktbeuern mühsam mit der linken Hand schrieb. 120 DIN A 4-Seiten füllte er mit den Erlebnissen seines Lebens. Das Buch erlaubt dem Leser einen intimen Einblick in die Gedankenwelt des Künstlers. Auch von seinem Alltag, speziell den Zumutungen des Alters, ja sogar über die Krebserkrankung seiner Frau Renate, spricht Kastler ganz offen. Viele Bilder, biografische Daten und eine Werkauswahl machen das Buch zu einem Muss für alle Kastler-Fans.

Das Interesse an der Kunst weckte bei dem jungen Mann aus Oberösterreich der berühmte Wiener Maler Ernst Graner, ein Onkel, der stets zur Sommerfrische kam. „Er war ein edler Mensch, schlank und groß gewachsen und stets gut angezogen. Mich faszinierte besonders seine goldene Springdeckeluhr.“ Graner redete viel mit seinem Neffen und schuf auch das Fresko in der alten Hammerschmiede, in der Kastler aufwuchs.

Ganghofers „Herrgottschnitzer“ faszinierte den Buben

Die Idee Kastlers, Schnitzer zu werden, geht auf ein Lektürerlebnis zurück, nämlich Ludwig Ganghofers berühmte Novelle „Der Herrgottschnitzer von Oberammergau.“ Also verließ der junge Mann im Alter von 15 Jahren sein Heimatdorf in Richtung Hallein bei Salzburg. So richtig glücklich scheint er dort nicht gewesen zu sein, doch für seinen Lebensweg lernte er etwas ganz Entscheidendes: „Die Form war plötzlich wichtiger als das Thema. Und so fand ich allmählich in eine neue Art der Gestaltung hinein. Ich glaubte es zunächst jedenfalls, aber es stimmte nicht ganz. Ich merkte, dass das Gefühl noch wichtiger war.“

Prägend war für Kastler auch die Münchner Zeit. Von seinem Lehrer Fritz Behn – Bildhauer, Medailleur, Großwildjäger – übernahm der aufstrebende Künstler das Interesse an Tierplastiken wie Löwen und Antilopen. Wobei Kastler die Vorgehensweise seines Lehrers schon bald nicht mehr sonderlich zusagte: „Behn glaubte, er hätte eine Neugestaltung entdeckt, wenn er die Tiere fast bis zur Unkenntlichkeit darstellte. Schade, wenn man seine früheren Arbeiten kannte, die ausdrucksstark und expressiv waren.“

Tierplastiken sollten später Kastlers Domäne werden. Zeugnis davon legen etwa der Gorilla in Geretsried, der Wolf in Wolfratshausen oder der Panther an der Ecke Rosenheimer Straße/St. Martin-Straße in München ab. Was seine diversen Aufträge angeht, weiß Kastler hübsche Anekdoten zu erzählen. Etwa die, dass ein ehemaliger Wolfratshauer Sparkassendirektor partout keinen Wolf vor seinem Haus haben wollte, mit der Begründung, dass er schon als Kind vor den Viechern Angst hatte – Wappentier hin oder her. Also fertigte Kastler für den Brunnen an der Sauerlacher Straße Schwäne an.

Gorillas, Schwäne, Wölfe: Kastler liebte die Tiere

Überhaupt der Landkreis. Kastler erzählt plastisch davon, wie es ihn Ende der 1960er-Jahre von München nach Happberg verschlug. Über einen Freund aus dem Münchner Männerbund Allotria, dem Kastler angehörte, erfuhr er von einem leer stehenden Haus vor den Toren Münchens in schöner Lage. Dieses Haus wollte er unbedingt erwerben. Allerdings gab es eine Konkurrentin, die bei der Versteigerung stets 1000 Mark mehr bot als er selbst. Kastler zog immer nach, bis zu 30 000 Mark, obwohl in die aufgerufene Summe finanziell überfordert hätte – einfach aus blinder Wut über das Verhalten der Frau. Dass am Ende die Konkurrentin die Oberhand behielt, war Kastlers Glück. Denn noch am selben Tag erfuhr er von einem anderen Haus, für das er nur 22 000 Mark zahlen musste – seine Heimat bis zu jenem Schlaganfall 2014.

Der Schweinsbraten hat immer geschmeckt

Buchstäblich horizonterweiternd wurden für den Wolfratshauser Kulturpreisträger und Bundesverdienstkreuzträger mehrere ausgedehnte Reisen. So führte ein Stipendium Kastler Mitte der 1960er-Jahre zur Wurlitzer Foundation nach Taos im US-amerikanischen Bundesstaat New Mexico, wo er sich von den rituellen Hirschtänzen der Pueblo-Indianer inspirieren ließ. Auch von einem Besuch in der Wolfratshauser Partnerstadt Iruma berichtet Kastler in seinen Erinnerungen. Wie er dem glücklichen Bürgermeister zwei Hühner aus Bronze schenkte. Wie ihn der 16 Meter hohe, goldene Buddha in Kyoto beeindruckte. Und wie nach der Heimkehr der Schweinsbraten in seiner Heimat geschmeckt hat.

Das Buch: „Hans Kastler, Lebenserinnerungen. Von der Klammschlucht in die Welt der Bildenden Kunst.“ herausgegeben von Petra Welker, Redaktion: Ambros und Julia Kastler, 19 Euro. Bestellbar über die Homepage www.hans-kastler.de.

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