Geschäftsführer Rolf Merten mit seiner Assistentin Elke Burghardt vor der Littig-Villa in Wolfratshausen.

„Jedes Kind hat ein Recht auf Familie“

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Rolf Merten verlässt nach 36 Jahren die Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe. Im Gespräch  mit unserer Zeitung zieht der Bilanz.

Eurasburg – Vor 36 Jahren begann die Geschichte des Inselhauses in Lengenwies sowie der Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe. Dörte Sambraus, Montessori-Lehrerin aus München, nutzte ihr Erbe von über zwei Millionen Mark, um benachteiligten Kindern zu helfen. Von Beginn an ihrer Seite war der Diplompsychologe und Betriebswirt Rolf Merten, der zudem ab 1987 als Geschäftsführer fungierte. Nun zieht sich der Eurasburger, der immer wieder durch seine innovativen Ideen auffiel, zurück.

Herr Merten, wie kam damals der Kontakt zu Dörte Sambraus zustande?

Ich habe Dörte in Berlin über einen Freund kennen gelernt. Schnell stellte sich heraus, dass wir die gleichen Interessen und Ziele hatten. So entstand die Idee eines gemeinsamen Projekts zusammen mit Susanne Czaja und Barbara Vorsteher. Damals war die Zeit, in der die Frühförderung immer mehr Raum bekam – und so haben wir begonnen, unsere Ideen zu entwickeln.

Warum haben Sie beide sich so sehr für Kinder eingesetzt?

Dörte ist in der Nachkriegszeit groß geworden. Soweit ich weiß, war ihr Vater in Gefangenschaft. Daher war sie oft bei ihrer Nenntante Elisabeth Kronseder, die ein kleines Kinderheim betrieb. Sie hat dort eine glückliche Zeit verlebt. Als Montessori-Lehrerin hat sie später mit behinderten Kindern gearbeitet. Als wir uns kennen lernten, lebte ein Pflegkind bei ihr.

Und Sie?

Ich selbst bin noch in Berlin über die Arbeiterwohlfahrt in ein Projekt hineingekommen, das es behinderten Kindern ermöglichte, an Ferienreisen teilzunehmen. So sollten die Eltern entlastet werden. Hier konnte ich beobachten, wie die Kinder regelrecht aufgelebt sind. Manche wollten gar nicht mehr nach Hause. Und da fragt man sich automatisch, was man machen kann. Das waren meine Anfänge in der Jugendarbeit. Ich habe übrigens zu dem Zeitpunkt auch ein Pflegekind bei mir gehabt, dessen Mutter überraschend gestorben ist. Natürlich gab es auch biografische Hintergründe. Meine Großmutter war Hebamme. Als die Frau des Arztes, mit dem sie zusammengearbeitet hat, plötzlich starb, und vier Kinder ohne Mutter da standen, hat sie diese Rolle übernommen und sie groß gezogen.

Wie haben Sie das Inselhaus gefunden?

Wir hatten uns vorher andere Objekte angeschaut, sogar ein Schloss und ein Bauernhof waren dabei. Freunde hatten Dörte immer wieder Hinweise auf die verschiedensten Gebäude gegeben. Und da war eines Tages das Inselhaus in Lengenwies dabei.

Wie hat die Gemeinde Eurasburg auf Ihr Vorhaben reagiert?

Erst einmal ablehnend – was uns sehr betroffen gemacht hat. Aus heutiger Sicht kann ich das verstehen. Sobald etwas Neues passiert, bedeutet das immer ein Stück Verunsicherung. Zudem waren wir ja nicht einmal aus der Gegend, uns kannte ja keiner hier. Früher war das Inselhaus ein Kinderkurheim, und nun wollten wir einen Ort schaffen, an dem die Kinder dauerhaft leben. Das wollte die Gemeinde verhindern, indem sie geltend machte, das dies ja eine andere Nutzung sei. Gerüchte über kriminelle Jugendliche und schwerst behinderte Kinder machten die Sache auch nicht einfacher.

Die Verunsicherung war groß. Also hat es die Gemeinde erst einmal abgelehnt. Nur der damalige Gemeinderat Walter Mauk hat sich für uns stark gemacht, wofür ich heute noch dankbar bin.

Und heute?

Ist es ein gutes Miteinander. Übrigens, nach zehn Jahren hat der damalige Bürgermeister Fischhaber bei einem Sommerfest sein Bedauern ausgedrückt und ganz deutlich gesagt, dass er sieht, welch gute und interessante Arbeit hier geleistet wird. Er war es auch, der die Benennung des Dörte-Sambraus-Wegs 2001 mit auf den Weg gebracht hat. Bei der Einweihung war Karin Stoiber, die Frau des damaligen Ministerpräsidenten, unsere Schirmherrin. Ihr Engagement war uns immer eine große Unterstützung.

Im Laufe der Zeit haben Sie einige neue Projekte auf den Weg gebracht.

Ich war in der glücklichen Situation, immer wieder zusammen mit unseren Mitarbeitern innovative Ideen umsetzen zu können, wie die „Da-Heim-Erziehung in Erziehungsstellen“, wo Kinder in eigens geschulten Familien betreut werden. Denn bei allem Stolz auf unsere Einrichtung muss ich auch sagen, dass jedes Kind das Recht haben sollte, in einer Familie – egal ob die eigene oder eine andere – aufzuwachsen. Dann gibt es die Tiergestützte Pädagogik, ambulante Erziehungshilfen und die Wohngruppe im Sternstundenhaus, um ein paar Beispiele zu nennen. Ebenso habe ich mich sehr für die Entwicklung eines Sozialraum-Konzepts eingesetzt. Ziel war hier unter anderem eine bessere Vernetzung verschiedenster Einrichtungen. Einen großen Anteil hat auch meine Frau Monika Hörr-Merten. Sie hat sich eingebracht, wo immer es ihr möglich war. Dank ihr konnten wir die Idee der „Da-Heim-Erziehung“ auch privat leben: Wir haben ja nicht nur unseren Sohn, sondern auch drei Heimkinder aufgezogen.

Die Inselhaus Kinder- und Jugendhilfe wird immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt, wie ganz aktuell die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge.

Da war der Druck sehr groß. Die Jugendämter hatten einen großen Bedarf geltend gemacht, den wir beispielsweise mit der Wohngruppe Unisono in Wolfratshausen aufgegriffen haben. Bedauerlicherweise hat sich viel in eine andere Richtung verändert. Heute ist es eher eine restriktive Politik – auch wenn ich das zum Teil nachvollziehen kann. Aber wir würden uns wünschen, dass es mit der Integration innovativ weitergehen würde.

Ist das Erwachsenwerden für die Kinder heute schwieriger als früher?

Wir betreuen heute gut über 100 Kinder in verschiedenen Projekten. Angefangen hatten wir damals im Inselhaus mit acht. Ich denke schon, dass sich die Aufwachssituation grundlegend verändert hat. Kinder haben heute, und da ganz speziell die Jungs, große Orientierungsprobleme. Jemand, der klare Strukturen vor sich hat, kann sich leichter zurechtfinden, als jemand mit unendlich vielen Wahlmöglichkeiten.

Was wünschen Sie dem Inselhaus für die Zukunft?

Klar, es ist ein Stück mein Kind, das jetzt in die Eigenständigkeit geht – mit 36 Jahren (lacht). Manche brauchen eben etwas länger. Ich wünsche der Organisation natürlich Stabilität, und dass weiterhin innovativ und kreativ gearbeitet werden kann. Ich freue mich, ein bestelltes Haus übergeben zu können. Zudem glaube ich, dass mit meiner Nachfolgerin Angelika Schmidbauer eine sehr gute Leiterin gefunden wurde. Und ich wünsche den Mut, weiter konfliktbeladene Themen aufzugreifen.

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