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Home-Office: Von ihrem heimischen Schreibtisch will Carola Belloni auf den Chefsessel im Rathaus wechseln. Dass dies „ein Knochenjob“ ist, sei ihr bewusst, sagt die Kandidatin der Grünen. 

Kommunalwahl 2020

„Für mich ist alles möglich“: Bürgermeisterkandidatin Carola Belloni im Porträt

  • vonRudi Stallein
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Carola Belloni fordert den Eurasburger Rathauschef Moritz Sappl heraus: Sie kandidiert als Bürgermeisterin für die Grünen. 

Eurasburg– Das Dorf liegt ihr förmlich zu Füßen. Wenn Carola Belloni aus ihrem Panorama-Wohnzimmerfenster den Blick nach Süden richtet, schaut sie auf den Eurasburger Ortsrand mit dem Industriegebiet und die Wiesen an der Loisach. Die Berge, die sich bei klarer Sicht am Horizont abzeichnen, sind an diesem Nachmittag von Schneegestöber und einem blickdichten grauen Vorhang verhüllt. „Ich habe mich verliebt in diese Gegend, in die Natur. Ich fühle mich hier wahnsinnig wohl und zu Hause“, sagt die Zugereiste, die seit bald 20 Jahren in der Gemeinde lebt und nach der Kommunalwahl am 15. März den Platz von Bürgermeister Moritz Sappl im Rathaus besetzen möchte.

Carola Belloni: „Ich fühle mich hier wahnsinnig wohl und zu Hause“

Von diesen Plänen war der 61-Jährigen vor gut drei Monaten selbst noch nichts bekannt. Die Idee habe sich erst allmählich entwickelt. Erst zur Aufstellungsversammlung für den Gemeinderat im Dezember hatte die Ortssprecherin des Bund Naturschutz einen unterschriebenen Mitgliedsantrag bei den Grünen abgegeben. „Dadurch, dass ich im Laufe der Zeit so viel Wissen angehäuft habe, über Ökologie, Artenschutz, Natur und auch Landwirtschaft, sind die Grünen an mich herangetreten, für den Gemeinderat zu kandidieren“, erzählt Belloni. Zunächst habe sie „das mal weggeschoben“, dann habe sie nachgedacht. Letztendlich erlag sie doch dem beharrlichen Werben. Sie wurde gleich auf Platz eins der Liste gesetzt. „Vielleicht hat man auch eine Verantwortung, wenn man was weiß. Wissen muss man teilen“, begründet sie ihre Entscheidung.

Eurasburg: Carola Belloni ist Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz

Weiterzugeben hat die ehemalige Journalistin und langjährige Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz in der Tat eine ganze Menge, wie ein Blick in ihre Vita zeigt. Aufgewachsen ist sie in Aspisheim, einem Dorf in Rheinland-Pfalz, 13 Kilometer südlich von Bingen. Mit viel Landwirtschaft drumherum, mit Kühen und Schweinen und Feldern, auf denen noch Runkelrüben wuchsen. „Man ist geprägt durch dieses Natürliche, durch das Aufwachsen in der Natur“, sagt Belloni. Mit 18 Jahren verließ sie ihr Dorf. Nach dem Abitur studierte sie in Mainz Biologie, arbeitete parallel beim Fernsehen. Bald machte sie ihre eigenen Dokumentationen und sich mit Natur- und Umweltthemen einen Namen, etwa mit einer preisgekrönten Dokumentation über die Regenwälder in Kanada. Aber sie recherchierte auch über Tiertransporte und Lachszucht, über Straußenhaltung in Deutschland. Für Vox Tours produzierte sie freiberuflich Reisesendungen.

1997 starb überraschend ihr erster Ehemann und Vater ihres damals erst sechs Jahre alten Sohnes Leon. Sie ging zum ZDF, baute die Kindernachrichtensendung Logo mit auf, arbeitete in der Heute-Redaktion. 2001 zog sie mit dem neuen Mann an ihrer Seite nach Eurasburg, hörte auf zu arbeiten. „Durch den Umzug hatte ich mein Umfeld verloren“, erläutert Belloni. Stattdessen engagierte sie sich nun verstärkt für den Umweltschutz, wurde Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz, trat als Froschsammlerin am Haidacher Weiher in Erscheinung.

Kommunalwahl 2020: Bellonis Firma produziert ökologisches Olivenöl

Nach ihrer Scheidung 2012 gründete Belloni in Spanien eine Firma. Auf der noch von ihrem ersten Mann erworbenen Finca in der Nähe von Alicante produziert sie aus den Früchten von rund 550 Olivenbäumen ökologisches Öl, das sie in Deutschland an Bioläden, Privatleute und auf Märkten verkauft. Die Befürchtung, dass sich im Falle ihrer Wahl künftig die Gemeinderatssitzungen nach den Erntezeiten in Spanien ausrichten müssen, wischt sie entschieden beiseite. „Der Betrieb läuft auch ohne mich. Ich kann das Delegieren. Außerdem gibt es Home-Office und Internet. Ich bin gerne bei der Ernte dabei, aber es ist kein Zwang“, betont die Geschäftsführerin. „Für mich ist alles möglich.“

Auch sei ihr bewusst, dass ihr derzeit noch relativ relaxter Tagesablauf mit entspanntem Frühstück, Zeitung lesen, Mails abfragen, Einkaufen, Mutter besuchen und durch die Natur spazieren im Falle eines Wahlerfolgs ziemlich umgekrempelt würde. „Das ist ein Knochenjob, das ist mir klar“, sagt sie. „Aber ich habe Zeit dafür. Sonst wäre ich nicht angetreten.“ Auch diesen Schritt habe sie sich reiflich überlegt. Schließlich gab ihre Überzeugung, dass man in einer Demokratie „wählen können muss zwischen mindestens zwei Leuten“, den letzten Kick, die Herausforderung anzunehmen.

Carola Belloni will aus Eurasburg eine „blühende Gemeinde“ machen

„Ich würde es gerne machen, weil ich die Möglichkeit sehe, hier viel zu verändern und aus Eurasburg eine prosperierende blühende Gemeinde zu machen“, sagt die Kandidatin, die neben Lesen, Ornithologie und Nordic Walking als Hobby auch Singen nennt. „Singen ist für mich ein sehr wichtiges Element, um mich zu befreien, um Druck abzulassen. Singen balanciert einen aus“, verrät Carola Belloni dem Reporter, bevor sie ihm abschließen in den Block diktiert: „Es gibt hier vieles umzusetzen. Und ich bin mir sicher, dass ich das sehr gut kann. Ich bin jemand, der Dinge sehr schnell umsetzt – und es auch relativ gründlich tut.“

Carola Belloni hat einen Gegenkandidaten: Denn der jetzige Eurasburger Rathauschef Moritz Sappl möchte Bürgermeister bleiben. 

rst

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