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Fröhlicher Wachtrupp: (v. li.) Laurin Bauer, Steffi Krenn, Peter Urban, David Bauer, Eva Tschichoflos und Sebastian Prexl hüten den Achmühler Maibaum wie ihren Augapfel.

Maibaum, Musik und eine Mordsgaudi

Video: Bei der Maibaum-Wache singt Andreas Gabalier

Eurasburg – Burschen und Madl trotzen bei der Maibaumwache der Kälte und der Müdigkeit. Wir haben eine Nacht mit den Achmühlern verbracht - und sozusagen Andreas Gabalier getroffen.

++ Update vom 29. April: Wir haben Sänger Sebastian Prexl - der Andreas-Gabalier-Sänger aus dem Video - zum Interview getroffen. Der 15-Jährige erklärt, wie er zu seinem Talent kam.

Es ist dunkel, regnerisch und kalt, Schnee ist vorhergesagt. Die Bedingungen laden nicht gerade dazu ein, sich freiwillig nach draußen zu begeben und auf den frisch eingeholten Maibaum aufzupassen. Aber wer den Achmühler Maiburschen Peter Urban kennt, sich ein bisschen mit dem Wohnort und dem Brauchtum verbunden fühlt, der kommt trotzdem. Wozu gibt’s schließlich Daunenjacken?

Vielleicht siegt auch die Neugierde, zu sehen, wie die Werbung angekommen ist, die der Maibursch’ in den Wochen und Tagen zuvor gemacht hat. Urban hatte eine WhatsApp-Nachricht an alle seine Achmühler Freunde verfasst, mit der Bitte um Weiterleitung. Seine Schwester Stephanie bewarb die Jugendwache auf Facebook. Flyer über den Ablauf des Programms vom Einholen bis zum Aufstellen inklusive der Einteilung der Maibaumwachen waren verteilt worden. Zu guter Letzt ging Urban durch die Straßen und klingelte an fast jeder Haustür, um die Jugendlichen persönlich einzuladen.

Solch ein Aufwand muss sein. Denn es gibt keinen Burschenverein

Solch ein Aufwand muss sein. Im Gegensatz zu anderen Dörfern, in denen sich die Jugend in Burschenvereinen organisiert, herrscht in Achmühle eher Anonymität. Wegen Schule, Arbeitsplatz oder Studium liegen die Freundeskreise oft außerhalb des Ortes. Es heißt schon etwas, wenn man weiß, was der eigene Nachbar so treibt. Die Jugendwache bietet also eine gute Möglichkeit, sich kennen zu lernen. „In den letzten Jahren gab es eigentlich keine Jugendwache. Und wenn, dann saßen da vier Leute. Das wollte ich ändern“, sagt Urban.

Also die Winterjacke aus dem Schrank und ab zur 31-Meter-Fichte, die vor Regen gut geschützt unter Zelten, Pavillons und Planen liegt. Schon von weitem hört man Musik: „Einer für alle, alle für einen.“ Urban hat das Zelt gemütlich eingerichtet: Biertischgarnituren sind aufgebaut, zwei Heizpilze liefern behagliche Wärme in diesen kalten Apriltagen. Hinten an der Wand steht ein Tisch mit Getränken – die Bar, wenn man so will. Musik dröhnt aus einem Ghettoblaster. Um zu vermeiden, alleine dasitzen zu müssen, haben die Achmühler Freunde mitgebracht. Auch ein Teil des Eurasburger Burschenvereins gibt sich die Ehre. Insgesamt finden etwa 40 Jugendliche den Weg ins Zelt. Einige sitzen, einige stehen um die Wärmespender, alle unterhalten sich fröhlich und locker.

Plötzlich wird es leise. Andreas Gabalier singt

Auf einen Tisch fliegen Eichel-Ober und Gras-Sau. Als das Spiel vorbei ist, schnappt sich die 19-jährige Winnie Tschamler die Karten und führt einen Zaubertrick vor. Stephanie Urban und Matthias Höck, schon in der Grundschule als Mathe-Genies bekannt, durchschauen den Trick nach nur wenigen Durchläufen und machen ihn nach. Anderen ist er auch am Ende der Wache ein Rätsel. Plötzlich greift Sebastian Prexl zu seiner Ziach und beginnt, ein paar Stücke zum Besten zu geben. Die Jugendlichen sind begeistert. Jemand schaltet den Ghettoblaster aus. Im Zelt ist es ganz still geworden, denn damit hat niemand gerechnet. Etwas später am Abend schallt das Lied „Hulapalu“ aus dem Zelt. Nanu, hat sich Volksrocker Andreas Gabalier nach Achmühle verirrt? Nein, der 15-jährige Wolfratshauser Prexl, dessen Eltern wie Gabalier aus der Steiermark stammen, singt und spielt mit seiner Gitarre ein paar Stücke seines Idols. Die Beuerbergerin Maria Ring resümiert anerkennend: „Gabalier hat sich auf seinem Konzert auch nicht anders angehört.“

Um 23 Uhr bestellt der Wachtrupp zwei Partypizzen. Als Heranwachsender mehr als drei Stunden nichts zu essen, das geht nämlich gar nicht. Bei dieser Gelegenheit unterschreibt jeder im Wachbuch, das herumgereicht wird. Da es seit dem Nachmittag durchregnet ist es mittlerweile nicht nur kalt im Zelt. Auf dem gekiesten Boden läuft das Wasser zu einer großen Pfütze zusammen. Einige Jugendliche legen kurzerhand ein paar Fichtenzweige, eigentlich fürs Kranzbinden vorgesehen, auf den Boden – ein provisorischer Trampelpfad.

Mit einer Schur soll der Maibaum vor Dieben gesichert werden

Mittlerweile ist es den Eurasburger Burschen, die nur leichte Jacken tragen, kalt geworden. Der Vorschlag macht die Runde, bei diesem Sauwetter ins benachbarte, warme und trockene Bürgerhaus auszuweichen. Aber wie kriegt man dort mit, ob jemand den Maibaum stehlen will? „Wir könnten eine Schnur um den Baum wickeln, bis ins Haus ausrollen und festhalten“, schlägt einer vor. Peter Urban bleibt hart. Seitdem die Aktiven Achmühler 1994 das Zepter in Sachen Maibaum übernommen haben, ist er kein einziges Mal gestohlen worden. Das soll unter seiner Regie so bleiben.

Um Mitternacht werden die ersten Jugendlichen abgeholt oder gehen nach Hause. Als auch die Mädels und Burschen in ihren Winterjacken frieren, verschwinden sie in den Keller des Bürgerhauses zum Billard-Spielen, um sich aufzuwärmen und wachzuhalten. Derweil bleiben die Späher auf der Hut: Sie beobachten argwöhnisch jedes ab Mitternacht in den Ort fahrende Auto. Es könnten Diebe sein. Bis 3.30 Uhr kommen immer wieder junge Leute vorbei, um sich über die Lage zu informieren oder kurz Hallo zu sagen. Um halb Sechs, als die Wache endet, besteht der harte Kern immer noch aus zehn Leuten. Tapfer.

Noch zwei Tage, bis zum Sonntag, bewachen abwechselnd die Aktiven Achmühler, die Bogenschützen, die Schafkopfrunde, die Achmühler Enzian-Schützen, der Rechtsanwalt Robert Kramer und seine Freunde, die Achmühler Frauen sowie die Veranstalter des örtlichen Open-Air-Festivals „Brimbamborium“ den Maibaum. Ob es nun schneit oder stürmt, sie werden ihn nicht aus den Augen lassen.

von Jessica Höck

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