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„Bua, jetzt brauch ma di“: 1946 bat sein Großvater den heute 85 Jahre alten Wilhelm Unflath, seine Lehre als Zimmerer abzubrechen und ins Friseurgeschäft der Familie an der Alpenblickstraße in Beuerberg einzusteigen. 

Tag des Handwerks 

Der Mann, der wäscht, föhnt und legt

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Wilhelm Unflath (85) arbeitet seit 1947 als Friseur in einem kleinen Salon an der Alpenblickstraße in Beuerberg. Er ist einfach Teil des Dorfs - und hat nicht vor, die Schere aus der Hand zu legen.

Beuerberg – Waschen, schneiden, legen: Wilhelm Unflath kann nicht mehr zählen, wie vielen Kunden er diesen Wunsch schon erfüllt hat. Der 85-Jährige aus Beuerberg arbeitet seit 1947 als Friseur in einem kleinen Salon an der Alpenblickstraße – und hat nicht vor, die Schere aus der Hand zu legen.

1904 eröffneten Alois und Paula Unflath, die Großeltern des heutigen Betreibers, ein kleines Friseurgeschäft in einem Nebenraum des Gasthofs zur Post. Drei Jahre später ergab sich die Möglichkeit, an der Alpenblickstraße zu bauen. Seitdem wohnten und arbeiteten sie dort. Wenn der Salon geöffnet war, hing ein Blechteller – das Zunftzeichen der Barbiere – außen an der Eingangstüre. Und die Geschäftszeiten waren lang – von 7 Uhr in der Früh bis 20 Uhr am Abend.

An der Längswand im Herrensalon steht eine lange Holzbank, auf der die Kunden auch heute noch warten, bis sie an die Reihe kommen. Die Wände verzieren Poster, die für Dauerwelle werben und darauf hinweisen, dass das Haar Collagene braucht. Der graue Boden um den Friseurstuhl zeigt im Halbkreis weiße Kratzer. Oft ist Unflath schon hinter den Kunden zum Regal an der Wand und wieder zurück gependelt. „Das ist schon der dritte Belag“, berichtet der 85-Jährige und lacht. „Zwei habe ich schon durchgelaufen.“

Ursprünglich wollte der Beuerberger nicht Friseur werden. „Ich wollte ins Baugewerbe, hatte bereits in Ebenhausen in einer Zimmerei eine Lehre angefangen.“ 1946 war das. Ein Jahr später sah die Welt anders aus. „Meine Großeltern, bei denen ich aufgewachsen bin, erhielten Nachricht, dass ein Sohn gefallen und der andere vermisst wurde – bis heute wissen wir nichts über seinen Verbleib.“ Eigentlich hätten diese beiden den elterlichen Salon übernehmen sollen. „So stand der Großvater vor mir und sagte: ,Bua, jetzt brauch ma di.“ Schweren Herzens sattelte Unflath um, tauschte Hammer und Nägel gegen Kamm und Schere. „Anfangs waren wir ein reiner Herrensalon, die Damen kamen erst 1953 dazu.“

Die Geschäftszeiten hat er auf zwei Öffnungstage begrenzt

Der damals 21-Jährige lernte, Wasser- und Dauerwellen zu legen. Auch Ondulieren ist für ihn kein Buch mit sieben Siegeln. „Das lange Eisen haben wir über einem Spiritusbrenner erhitzt“, erzählt der Friseurmeister. Wie er feststellte, dass die Temperatur nicht zu hoch war und die Haare nicht verbrennen? „Ich habe mir das Onduliereisen unter die Nase gehalten. An der aufsteigenden Wärme habe ich erkannt, ob es passt.“

Der Friseursalon entwickelte sich rasch zum beliebten Treffpunkt im Dorf. „Auf der Wartebank saßen ständig Kunden“, erinnert sich Tochter Ingrid Caesar (60) an ihre Kindheit. „Am Samstagnachmittag sind immer die Veteranen gekommen und haben sich Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg erzählt.“ Natürlich wurde dabei die eine oder andere Zigarre angezündet. „So lange, bis man vor lauter Rauch im Salon nichts mehr gesehen hat.“ Sehr beliebt war auch der Gang zum Friseur sonntags nach der Kirche. „Natürlich kamen auch die, die die Kirche geschwänzt hatten“, erinnert sich Unflath und lächelt.

Mittlerweile gönnt sich der 85-Jährige ein wenig Zeit. Die Geschäftszeiten hat er auf zwei Öffnungstage in der Woche begrenzt. Offiziell zumindest. Denn unter der Woche besucht Unflath bei Bedarf zwei alte Stammkunden, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in den Laden an der Alpenblickstraße kommen können. „Die kann ich ja nicht im Stich lassen“, meint der Senior.

Trotz seines hohen Alters ist der Beuerberger nach eigenen Worten noch weit davon entfernt, den Arbeitskittel an den Nagel zu hängen. „Das ist mein Leben, und dazu gehören die Leute“, begründet Unflath seine Entscheidung. „Der Kontakt zu ihnen ist mir einfach wichtig. Ohne das würde mir etwas fehlen.“ Und was sagen die Beuerberger? „Der Friseursalon Unflath? Der gehört zu uns.“ Sie freuen sich, wenn der silberne Blechteller wie eh und je zeigt, dass der 85-Jährige bereit ist, ihre Wünsche zu erfüllen: Bitte waschen, schneiden und legen.

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