20-Jähriger vor Gericht

Messerstecherei: War es versuchter Mord ?

Wegen einer Messerstecherei in einer Asylbewerberunterkunft muss sich ein 20-jähriger Afghane seit Mittwoch vor Gericht verantworten.

Eurasburg/München Versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung, Bedrohung und besonders schwere räuberische Erpressung: Die Vorwürfe gegen einen 20-Jährigen aus Afghanistan wiegen schwer. Nach einer Handgreiflichkeit in der Asylbewerberunterkunft in Reichersbeuern war der Mann nach Eurasburg verlegt worden. Dort soll er einen anderen Flüchtling wegen 20 Euro, die er zurückhaben wollte, mit dem Messer angegriffen haben. Seit Mittwoch wird ihm am Landgericht München II der Prozess gemacht.

Zusammengekauert sitzt der schmale Junge in seinem grünen Kapuzenshirt neben dem Dolmetscher auf der Anklagebank. Seine Kiefer mahlen, er wirkt zerknirscht. „Ich habe nichts gemacht und sitze seit fast einem Jahr im Gefängnis“, sagt er. Der 20-Jährige zeichnet ein dunkles Bild seiner Vergangenheit: Er sei nie zur Schule gegangen, schwer diskriminiert worden und unter schlimmen Umständen nach Deutschland gekommen. Früher war er Teppichknüpfer. Er gehöre einer mongolischen Minderheit an, die immer wieder verfolgt werde. Als sein Vater von den Taliban erschossen wurde, beschloss der damals 15-Jährige zu fliehen. Über den Iran, die Türkei, Griechenland, Serbien, Ungarn und Österreich sei er dann 2015 endlich nach Deutschland gekommen. Er sei verantwortlich für seine zwei Geschwister und die Mutter, die noch zuhause in Afghanistan wohnten.

20-Jähriger verwickelt sich in Widersprüche

Der 20-Jährige zeigt sich gesprächsbereit, verwickelt sich aber immer wieder in Widersprüche, was seine Vergangenheit und sein Verhältnis zum Geschädigten angeht. In seiner Erstvernehmung hatte er noch behauptet, das Opfer nicht zu kennen. Im Gerichtsverfahren erklärt der junge Mann, er kenne den Geschädigten bereits von seiner Flucht. Er habe in Pakistan für dessen Vater gearbeitet. Eines Tages sei dieser zu ihm gekommen und habe ihn um 20 Euro gebeten. „Ich habe ihm zuerst gesagt, warum ich ihm 20 Euro leihen soll, ich kenne ihn doch gar nicht.“ Gegeben hat er ihm das Geld dann trotzdem.

Weil der Schuldner den Betrag trotz mehrfacher Aufforderung innerhalb von zwei Wochen nicht zurückgezahlt habe, hätte er sich dessen Fahrrad genommen. Nach einer Schubserei mit dem Geschädigten soll der junge Afghane dann ein Messer mit einer etwa 18 Zentimeter langen Klinge gezückt und wild in Richtung des Kopfes seines Opfers gestochen haben. Dabei wurde dieser am linken Ohrläppchen verletzt. Nachdem der Geschädigte sich losreißen konnte, soll der Angeklagte ihm gedroht haben: Wenn er ihn in Zukunft in der Schule treffe, würde er „nicht mehr lebend nach Hause kommen“.

Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe und betont, er habe kein Messer bei sich gehabt: „Ich habe ihm eine Ohrfeige verpasst. Dann ist die Polizei gekommen, hat mir Handschellen angelegt und mich ins Gefängnis geworfen. Jetzt bin ich hier.“ Er wolle gerne in Deutschland bleiben und hier Autolackierer werden, sagt er weiter. „Was soll ich in Afghanistan, ich bleibe in der Bundesrepublik.“ Wie es genau für den 20-Jährigen weitergeht, wird sich nach den nächsten Verhandlungsterminen zeigen. Der Prozess dauert an. Julia Traut

Rubriklistenbild: © dpa / Stefan Puchner

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