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Triumph: Mit einer Bronzemedaille um den Hals kehrte Johanna Hagn von Olympia 1996 in Atlanta nach Hause zurück. Unser Bild zeigt die damals 23-Jährige mit ihrem inzwischen verstorbenen Trainer und Förderer Kurt Polzer.

Porträt der Woche

Vom Bier des Schreckens nicht zu stoppen

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Vom beschaulichen Beuerberg machte sich Johanna Hagn einst auf, die Judo-Welt zu erobern. Wir haben mit der ehemaligen Judo-Weltmeisterin, die inzwischen Berufssoldatin ist, über ihre Karriere und das Leben danach geplaudert.

Köln/Beuerberg – Oft bekommt sie nicht mehr Heimweh. Johanna Hagn lebt seit 24 Jahren in der Nähe von Köln, das Rheinland ist mittlerweile ihr Zuhause. Sentimentalitäten – Hagn wuchs „im wilden Beuerberg“ mit Sicht auf die Berge auf – begegnet sie mit einem Blick aus ihrem Wohnzimmerfenster: Ein Hanikelzaun, gefertigt von Papa Martin, friedet das Grundstück ein. Genug Bayern, um aufkommende Melancholie zu ersticken, findet sie. Dazu eine Brezn vom Aldi – „das sind die besten, die hier zu bekommen sind“ – und die Welt ist in Ordnung.

Die 44-Jährige kommt „überall“ zurecht

Dass die 44-Jährige „überall“ zurechtkommt, liegt einerseits an ihrem Job, andererseits an ihrem sportlichen Vorleben. Hagn war in den 1980ern und 90ern eine der weltbesten Schwergewichtsjudokas. Als Berufssoldatin, Dienstgrad Stabsfeldwebel, muss sie ebenfalls mobil sein. Von Bayern ging’s zunächst zur Sportfördergruppe nach Köln, zwischendrin war sie vier Monate im Kosovo stationiert. Seit 2015 leitet Hagn die Sportfördergruppe Todtnau-Fahl. In der kleinen Schwarzwald-Kaserne unterstehen ihr unter anderem Skispringer Stephan Leye, Kombinierer Fabian Rießle und Kunstturner Marcel Nguyen. Bald aber möchte sie ins Rheinland zurückkehren. Derzeit absolviert Hagn einige Lehrgänge und Praktika, die sie auf ihre künftige Arbeit im Bonner Pressezentrum der Bundeswehr vorbereiten sollen. „Die Pendelei zwischen Köln und Todtnau strengt an“, sagt die 44-Jährige.

Eher zufällig zum Judosport

Johanna Hagn: Die Beuerbergerin lebt seit 24 Jahren in der Nähe von Köln.

In jungen Jahren war das anders. Früh zog es die kleine Johanna raus in die Natur, die sie mit den Nachbarsbuben erkundete. Die nahmen sie irgendwann mit ins abendliche Judotraining. Und da der typische Mädchenkram nicht unbedingt ihre Sache war, gefiel ihr das. „Ich war mit zehn Jahren spät dran“, sagt Hagn. „Wenn du es heute im Leistungssport weit bringen willst, musst du viel früher anfangen.“ Doch sie hatte eben mehr Talent als andere – und jemanden, der das erkannte: Kurt Polzer, Beuerberger Judo-Koryphäe. Er förderte Hagn. Dass aus ihr 1993 eine Weltmeisterin werden würde, war trotzdem nicht abzusehen. Hagn dachte „niemals, dass etwas Größeres in mir schlummert. Ich bin irgendwie in diesen Sport reingewachsen.“

Ein Weißbier zur Brotzeit: „Bei uns is‘ des üblich“

Ihre Fortschritte führten sie 1987 zu ihrem ersten Kaderlehrgang – in Köln. Sie fand es dort „furchtbar – lauter fremde Leute“. Abends zum Essen bestellte sie sich in der Kantine ein Weißbier. Die Lehrgangsleiterin fiel vom Glauben ab: Alkohol mit 14! Während eines Lehrgangs des Deutschen Judo-Bundes! Skandal! Entrüstet rief die Dame Johannas Vater an. „A Weißbier zur Brotzeit“, antwortete Hagn senior gelassen. „Wissen’s was, guade Frau? Bei uns is’ des üblich.“

Nationale Spitze im Schwergewicht

Dieser Vorfall sollte Johanna Hagns Karriere nicht stoppen. Sie kämpfte sich an die nationale Spitze im Schwergewicht. Claudia Weber, Karin Kutz und Regina Siegmund waren ihre Konkurrentinnen. Kurz vor den Spielen 1992 in Barcelona kratzte Hagn schon an Kutz hin, „aber es hat noch nicht ganz gelangt“. Statt der Beuerbergerin fuhr die Braunschweigerin zu Olympia. Ein Jahr später reichte es: Hagn vertrat Deutschland bei der WM im kanadischen Hamilton – und holte gegen die kleine, wendige Japanerin Noriko Anno den Titel dank eines Koka, der kleinsten Wertung, die es damals noch gab. „Die habe ich auch gebraucht, sonst hätte ich verloren“, räumt die 44-Jährige ein. Anno war die aktivere Athletin gewesen, die Kampfrichter hätten zu Gunsten der Asiatin votiert.

Olympia-Bronze in Atlanta 1996

Bei diesem Erfolg blieb es nicht. Die Bayerin holte sich 1993 und 1995 den nationalen Titel und reiste als Vize-Europameisterin und heiße Medaillenkandidatin zu den Spielen nach Atlanta. In der Vorschlussrunde unterlag sie der „an diesem Tag unschlagbaren“ Chinesin Sun Fuming, besiegte aber im Duell um Rang drei die Polin Beata Maximow. Welches Edelmetall – WM-Gold oder Olympia-Bronze – ihr mehr bedeutet, kann Johanna Hagn „gar nicht sagen“. Der WM-Titel sei völlig unerwartet gekommen und eine unglaubliche Erfahrung gewesen. „Aber Olympia ist halt nur alle vier Jahre und steht in einem ganz anderen Fokus.“

EM-Gold 1997

1997 ließ die Beuerbergerin EM-Gold folgen. Dann lernte sie die Schattenseite des Leistungssports kennen: Kreuzbandriss. Eine konservative Therapie sollte sie für die anstehende WM, sie galt als Topfavoritin, fit machen. Das klappte nicht. Also ließ sie sich operieren. Danach stellte sich für Hagn die Frage: Kann ich mich für die Spiele 2000 in Sydney qualifizieren? Und will ich das überhaupt? Sie habe während der Rekonvaleszenz gemerkt, dass das Leben neben dem Sport recht nett ist, erinnert sich die 44-Jährige. „Abends mit Freunden in den Biergarten zu gehen statt in die Trainingshalle, war toll.“ Doch obwohl sie zunehmend Probleme damit hatte, sich zu 100 Prozent zu quälen, fiel die Entscheidung zwischen ihr und Sandra Köppen aus Brandenburg „arschknapp“ aus. „Wir haben uns gefetzt in den Ausscheidungsduellen.“ Letztlich gewann Köppen einmal mehr gegen Hagn – und durfte nach Australien fliegen. Dort wurde sie Fünfte – oder wie Johanna Hagn es etwas drastischer formuliert: „Sie hat nix zerrissen.“

Der Trainerjob war intensiv

Die Beuerbergerin war „anfangs sehr enttäuscht“, machte aber ihren Frieden mit dem verpassten Down-under-Trip. Erstens habe der damalige Bundestrainer Norbert Littkopf die Quali-Prozedur zuvor klar formuliert – und sich dann daran gehalten. Zweitens gab’s ein Wiedersehen mit Köppen in der Bundesliga, in der Hagn nach dem Rückzug aus dem internationalen Geschäft für die ASG Elsdorf kämpfte. Sie bezwang die Widersacherin, hatte ihre Genugtuung – und beendete ad hoc ihre Karriere. Hagn ließ sich zur Diplom-Trainerin ausbilden und coachte von 2001 bis 2005 den deutschen Judo-Nachwuchs. Das war okay, aber nicht das, was sie sich für ihr restliches Berufsleben vorstellte. Der Trainerjob sei intensiv, sagt die 44-Jährige. „Du musst das große Ganze im Augen haben, kannst nicht nur auf dich selbst schauen.“ Zudem war sie „das Leben aus dem Koffer leid“.

Ihr Wunsch: Mehr Zeit fürs Privatleben

Der Koffer pendelt nun nur noch zwischen Köln und dem Schwarzwald hin und her. Aber nicht mehr lang. Dann tauscht Johanna Hagn die Aussicht auf den Feldberg wieder mit der auf ihren bayerischen Zaun im Rheinland. „Es ist Zeit für mehr Privatleben“, sagt sie und lächelt.

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