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Auf der „Republikflucht“ geschnappt: Zeitzeuge Rainer Schneider berichtet über seine Erfahrungen im Unrechtsstaat DDR – und appelliert an die Schüler, sich politisch zu engagieren.

Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium Icking

Fesselnde Erlebnisse eines DDR-Zeitzeugen

Icking – Rainer Schneider wird das nie vergessen: „So schnell klebte ich noch nie wie ein Schmetterling an der Wand“, erzählt er von seiner Verhaftung 1972 am Erfurter Hauptbahnhof.

Sechs bewaffnete Männer überwältigten den damals 17-Jährigen und führten ihn in Handschellen ab. Sein Fluchtversuch aus der DDR war gescheitert, bevor er überhaupt richtig losgegangen war: Ein Stasi-Spitzel hatte ihn verraten.

Die Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse des Ickinger Rilke-Gymnasiums lauschen der Geschichte des DDR-Zeitzeugen gebannt. Schneider war bei seiner Verhaftung kaum älter als sie selbst; schwer vorstellbar sind für die meisten die damaligen Lebensumstände im sozialistischen Teil Deutschlands.

Der Thüringer erzählt von Ferienlagern mit Ausbildung an Kleinkaliberpistole und Panzer, von Handgranatenweitwurf im Schulsport und systematischer Einschüchterung schon im Kindergarten: „So funktioniert Diktatur, meine Damen und Herren!“ Im Klassenzimmer ist es ungewöhnlich ruhig – möglicherweise auch bedingt durch die Anwesenheit des Direktors Hans Härtl. Interessierte Zwischenfragen und reflektierte Meinungsäußerungen zeigen aber, dass die Jugendlichen durchaus bei der Sache sind.

Wegen „schweren bewaffneten Grenzdurchbruchs“ saß Rainer Schneider 1972 zunächst zehn Tage lang in Einzelhaft. Erst drei Monate später legte man ihm seine Anklageschrift vor. Verurteilt wurde er schließlich zu zehn Monaten Jugendgefängnis. Eigentlich habe er mit vier Jahren rechnen müssen, sagt Schneider. Dass es weniger wurde, verdanke er der Milde eines kurz vor der Rente stehenden Richters und Unterhändlern aus der Bundesrepublik, die seine in München lebende Mutter auf den Plan gerufen hatte.

Schneider war bei seinen Großeltern in Erfurt aufgewachsen, weil seine Eltern in Westdeutschland Arbeit gefunden hatten. „Kein Mensch dachte damals, dass so eine unmenschliche Grenze innerhalb Deutschlands entstehen könnte“, erklärt Schneider. Seit 1963 habe ihn seine Mutter nur einmal im Jahr besuchen dürfen. Zahlreiche Anträge auf Familienzusammenführung wurden abgelehnt – mit ein Grund dafür, dass sich Schneider schon früh gegen den „Unrechtsstaat DDR“ auflehnte: „Ich wollte raus, in Freiheit leben.“ Nachdem er seine Haft abgesessen hatte, stellte Schneider noch mehrere Ausreiseanträge. Bei der Kommunalwahl in Erfurt 1974 zerriss er öffentlich den Wahlzettel. Kurz darauf erhielt er endlich seine Ausbürgerungsurkunde und durfte in den Westen ausreisen. Seither lebt er in München. Bespitzelt wurde er weiterhin, wie ein Eintrag in seiner Stasi-Akte aus dem Jahr 1988 beweise, so Schneider.

Sein Zeitzeugenbericht soll vor allem ein Appell an die Jugendlichen sein, sich mehr für Politik zu interessieren und zu engagieren. Denn: „Die Protagonisten der Diktatur sitzen heute wieder in fast allen Parlamenten“, warnt Schneider und verweist auf die aktuell geplante rot-rot-grüne Koalition in Thüringen: Schneider: „Wenn wir in unserer Demokratie weiterschlafen, werden wir irgendwann in einer Diktatur wieder aufwachen.“ Clara Wildenrath

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