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Schmausen und plaudern: Das Buffet vor dem Festakt war ideal zum Austausch und Knüpfen und Kontakten.

Ein Neuanfang jüdischen Lebens

Waldram - „Guten Abend, Grüß Gott, Schalom.“ So begrüßte Dr. Sybille Krafft die rund 200 Gäste, die am Sonntag nach Waldram gekommen waren, um 70 Jahre Lager Föhrenwald zu feiern.

Die strengen Regeln zur Aufbewahrung und Zubereitung der Speisen ließen sich nicht einhalten. Deshalb war das Buffet im Foyer des Seminars St. Matthias zwar nicht koscher wie zunächst angekündigt, aus Rücksicht auf die jüdischen Besucher aber vegan. Wer mehr wollte, konnte sich Käse dazu nehmen. Eine Gruppe von Waldramern um Sabine Henschelchen hatte die Auswahl an Salaten und pflanzlichen Brotaufstrichen für den Festabend vorbereitet.

Nach dem gemeinsamen Essen hieß die Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen und des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald, Dr. Sybille Krafft, die rund 200 geladenen Gäste willkommen. Besonders freute sie sich, dass der 95-jährige Max Mannheimer, das erste Mitglied im Badehaus-Verein, angereist war. Der berühmte Zeitzeuge hatte einst im Lager Föhrenwald „Hardcore-Cases“ versorgt, also schwerst traumatisierte Menschen. Kurzfristig abgesagt hatte aus familiären Gründen Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Dafür nahmen Landtagsabgeordneter Martin Bachhuber, Bundestagsabgeordneter Klaus Barthel, die Bürgermeister von Wolfratshausen und Geretsried, Klaus Heilinglechner und Michael Müller, Geistliche aus beiden Städten sowie einige Stadträte in den ersten Reihen Platz.

Als Laudatorin sprach die Präsidentin des Bayerischen Landtags, Barbara Stamm, über die Bedeutung des Lagers Föhrenwald aus deutscher Sicht. Sie zitierte Max Mannheimer, der einmal gesagt hatte, nur wer die Erinnerung habe, habe auch Zukunft und Hoffnung. Stamm betonte: „Wir sind es den Opfern schuldig, alles zu tun, um die Erinnerung wach zu halten.“ Der Verein Bürger fürs Badehaus leiste mit dem geplanten Bau einer Dokumentations- und Begegnungsstätte einen wichtigen Beitrag dazu. Die CSU-Politikerin nannte Krafft und ihre Mitstreiter „ein leuchtendes Beispiel in unserer Gesellschaft“.

Die Bedeutung Föhrenwalds aus israelischer Sicht beleuchtete Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München. Das Lager für Displaced Persons (DP), das Zehntausende heimatlose Holocaust-Überlebende zwischen 1945 und 1957 durchliefen, habe einen „wichtigen Neuanfang jüdischen Lebens in Deutschland“ dargestellt und bilde eine „Säule der heutigen jüdischen Gemeinde in München“.

Anschaulich berichteten die Vereinsmitglieder Eva Greif und Emanuel Rüff über die wechselvolle Geschichte Föhrenwalds. Die Häusersiedlung diente während des Zweiten Weltkriegs als Unterkunft für deutsche Arbeitskräfte und Zwangsarbeiter der Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst. Nach Kriegsende wurden Überlebende des NS-Terrors und des Todesmarsches dort untergebracht. Ab 1945 wurde Föhrenwald zum Camp für Displaced Persons umfunktioniert. Zuletzt verwandelte sich das heutige Waldram in eine Siedlung für Heimatvertriebene, nachdem das Katholische Siedlungs- und Wohnungsbauwerk das Areal 1955 gekauft hatte.

Über diesen historischen Zeitabschnitt erzählte die Enkelin einer der ersten Siedlerinnen, die 24-jährige Simone Steuer. Dass so viele junge Menschen sich für die Geschichte ihres Heimatorts interessieren und sich im 2012 gegründeten Badehaus-Verein engagieren, erfülle sie mit Freude, sagte Sybille Krafft. Die Aufbruchstimmung der Aktiven und die ideelle Unterstützung durch ehemalige Lagerbewohner aus aller Welt unterstrich der Wolfratshauser Jugendkammerchor mit deutschen, englischen und jiddischen Liedern.

Das Schlusswort gebührte Majer Szanckower, einem der etwa 40 ehemaligen „Föhrenwalder“, die teilweise von weit her zur Jubiläumsfeier gekommen waren. Szanckower lebte sechs Jahre lang im Lager. „Hier sind meine Wurzeln“, sagte der 67-jährige Verwalter der jüdischen Friedhöfe in Frankfurt. Zehn Mal sei er in Waldram gewesen, jedes Mal traurig, dass es in dem Ort keine Spuren der DP-Lager-Zeit mehr gebe. „Doch das ändert sich ja jetzt zum Glück.“ Der Ehemalige verabschiedete sich, wie Sybille Krafft die Gäste empfangen hatte, mit dem hebräischen Wort für Frieden, Gesundheit, Wohlfahrt, Sicherheit und Ruhe: Schalom.

tal

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