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Solomon Gebretsadik alias Solomon Solgit, ist ein lebendiger Gummiball, und seine Lebensgeschichte ist nicht gewöhnlich.

Solomon Gebretsadik im Porträt

Der fliegende Afrikaner

Geretsried - Vielleicht haben Sie ihn schon live gesehen. Bei seinem Auftritt während des Firmenlaufs zum Beispiel. Der Mann heißt Solomon Gebretsadik alias Solomon Solgit, ist ein lebendiger Gummiball, und seine Lebensgeschichte ist nicht gewöhnlich. Wir erzählen Sie.

An einem Sommertag spaziert Solomon Gebretsadik die Isar entlang. Der junge Artist macht gerade mit Winston Ruddles Show „Mother Africa - Circus der Sinne“ in Bad Tölz Station, nutzt einen freien Nachmittag und wundert sich nur noch: „Oh mein Gott, warum schlafen die Menschen alle nackt in der Sonne?“ Weil er „unbedingt wissen“ will, was da vor sich geht, steuert er zwei junge Frauen an und fragt nach. Die Antwort - „Wir wollen braun werden“ - verwirrt ihn, denn „bei uns zu Hause verschwindet man vor der Sonne“. Die offene Art der Mädchen aber gefällt ihm.

Das war 2007. Heute lebt der 27-Jährige in dem Land, das ihm damals so fremd erschien. Aus gutem Grund: Eine der beiden Sonnenanbeterinnen, Johanna, ist mittlerweile seine Frau. Wegen ihr ist er vor drei Jahren in Bad Heilbrunn sesshaft geworden und vor kurzem nach Bad Tölz gezogen. Er hat sich sogar mit dem oberbayerischen Winter angefreundet. Langlaufen geht er mit dem Schwiegervater, Schlittschuhlaufen hat er ausprobiert. „Ich bewege mich gerne“, sagt er, „wenn’s kalt ist, eben im Schnee.“ Von Schneeschuhwandern hat er noch nichts gehört, aber den Tipp notiert er sich sofort.

Solomon Gebretsadik alias Solomon Solgit.

Dieser Wissensdurst zieht sich durch das Leben des Solomon Gebretsadik. Seine Kindheit ist nicht einfach: Der Vater stirbt früh. Die Mutter muss neben ihm seine Schwester und einen Cousin, den sie aufgenommen hat, durchbringen. Was bleibt einem Kind in dem armen afrikanischen Land, das es einmal besser haben möchte als seine Eltern? Es träumt von einer sportlichen Karriere.

Äthiopien ist eine große Läufer-Nation. Doch das ist nichts für den Neunjährigen. Er will „Artist werden, seit ich in einem Stadion eine Choreografie mit 200 Kindern gesehen habe“. Deshalb übt er wie ein Besessener Flic-Flacs. Leute, die ihn beobachten, schicken ihn zum Zirkus seiner Heimatstadt Nazret. Dort wird er Schüler, geht fünf Jahre lang täglich zu Fuß jeweils eine Stunde hin und zurück.

Der Junge ist gut, lernt schnell und gibt mit elf Jahren selbst Unterricht. Er trägt zum Familieneinkommen bei, gewinnt zweimal die Regionalmeisterschaft in Bodenakrobatik und wird 2005 sogar Landesmeister. Das ist für ihn das Sprungbrett: Solomon erhält ein Stipendium am College Hebei Wuqiaoin in China - dem Mekka der Akrobaten. 18 Monate bleibt er im Reich der Mitte, studiert Artistik, Choreografie - und nebenbei Chinesisch. Das lernt er schneller als später Deutsch. „Ich musste ja überleben“, sagt er und grinst.

Nach seinem Studium gründet Solomon mit fünf anderen Champions in Addis Abeba eine Akrobatikgruppe. Sie nennen sich „Abyssinia Jugglers“, produzieren Demo-Videos und schicken sie nach Deutschland. Winston Ruddle ist angetan und engagiert die Truppe - nachdem der Promoter Korrekturen vorgenommen hat. Nach 18 Monaten in China „war unser Style zu asiatisch“, sagt Solomon, „das passt nicht zu einer Afrika-Show“. Nach sechs Monaten Training ist dieses Problem gelöst.

Zwei Wochen nach dem Tourstart lernt Solomon in Tölz - wie erwähnt - Johanna kennen. Die beiden verlieben sich. Doch Solomon muss weiterziehen. Acht Monate lang geht es durch ganz Europa. Direkt daran schließt sich eine einjährige Gastspielreise durch die Vereinigten Staaten an. 2010 bekommt er die „einmalige Chance“, eine Magierschule in Las Vegas zu besuchen. Er nimmt sie wahr und führt mit Johanna noch mal über viele Monate eine Fernbeziehung. Wenn es irgendwie möglich ist, besuchen sie sich gegenseitig und erleben „lustige Sachen“.

Diese zum Beispiel: Solomon will Johannas 18. Geburtstag unbedingt mit seiner Freundin feiern. Er ist gerade in Österreich, sein Reisepass aber zur Verlängerung eines Visums in der Schweiz. Von seinem Plan will der junge Mann trotzdem nicht lassen. Also fährt er los - mit Bahnticket, ohne Ausweis. An der Grenze ist natürlich Endstation. Es folgt das volle Programm: Fahrt im Polizeiwagen, Verhör. Immer wieder beteuert Solomon, nur zu seiner Freundin zu wollen. „Die Polizisten waren sehr nett“, erzählt der Afrikaner. „Sie haben beim Promoter angerufen. Der hat ihnen die Nummer meines Reisepasses gegeben.“ Dann drücken sie ihm ein Schriftstück in die Hand - Solomon hält es für einen Pass - und lassen ihn weiterfahren. Endlich bei Johanna angekommen, lässt er sich das Papier von ihr übersetzen: „Er will nur zu seiner Freundin. Bitte lassen Sie ihn weiterreisen“, steht - amtlich abgestempelt - drauf. „Da habe ich geweint“, erzählt Solomon. Den rührenden Brief hat das Paar heute noch.

2011 haben beide genug vom Getrenntsein. Sie entscheiden, sich in Johannas Heimat niederzulassen. Auch beruflich. „Sie ist Sozialpädagogin und HipHop-Tänzerin“, sagt der Äthiopier, der unter dem Künstlernamen Solomon Solgit auftritt. Da liege es nahe, irgendwann mal gemeinsame Projekte anzugehen - „Johanna als Sozialpädagogin, ich als Zirkuspädagoge“. Derzeit baut sich der 27-Jährige im Landkreis ein Netzwerk auf und ist in Wolfratshausen und Geretsried sehr präsent. Gerade Geretsried hat es seiner Frau und ihm angetan. „Die Leute sind hier so offen und nett.“ In den Jugendtreffs Ein-Stein und La Vida, auch an Schulen, gibt er pädagogische Workshops. Darin versucht er Kindern über Bewegung, Tanz und Musik Selbstvertrauen zu vermitteln.

Zudem tritt er weiterhin überregional in Shows auf, doch das würde er gerne reduzieren. Er sei genug gereist in seinem Leben, sagt Solomon, „jetzt will ich das nur noch im Urlaub“. Obwohl: Dass man den durchaus auf Tölzer Isarkieseln in der Sonne verbringen kann, weiß Solomon nach drei Wintern im Oberland. „Oh ja“, gluckst er fröhlich, „das ist schön.“

Peter Borchers

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