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Werner Henschelchen Der Vorsitzende der DJK Waldram appelliert an die Stadträte, ihre Entscheidung zum Archivbau noch einmal zu überdenken.

„Flucht vor der Verantwortung“

Wolfratshausen - Ein neues, 1,4 Millionen Euro teures Stadtarchiv am Loisachufer: Dieses Vorhaben bleibt umstritten. In einer Wahlkampfveranstaltung der Wolfratshauser CSU am Donnerstagabend in Waldram erneuerte Stadtrat Richard Kugler seine Kritik an dem Projekt.

Er werde sich dafür stark machen, „dass Wolfratshausen sein Gesicht behält“. Kugler erteilte dem Bau „eines Klotz’“ im Herzen der Flößerstadt eine Absage – was viele der gut 60 Anwesenden mit kräftigem Beifall quittierten.

Werner Henschelchen, Vorsitzender der DJK Waldram, appellierte an die Stadträte, ihren Beschluss noch einmal zu überdenken. Das Loisachufer sei „einer der schönsten Plätze in unserer Stadt“. Der sei in seinen Augen für einen groß dimensionierten Zweckbau völlig ungeeignet. Henschelchen regte stattdessen an, das Gedächtnis der Loisachstadt in Waldram – eventuell angegliedert ans Badehaus – anzusiedeln.

Die Historikerin Dr. Sybille Krafft, Vorsitzende des Vereins „Bürger fürs Badehaus und Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen, warnte davor, das Projekt „durchzupeitschen“. Sie bat CSU-Bürgermeisterkandidat Peter Plößl, mit einer „so wichtigen Entscheidung“ zu warten „bis Sie Bürgermeister sind“. Krafft vermisst gutachterliche Aussagen zu Alternativstandorten fürs neue Stadtarchiv. „Warum nimmt man dafür keine alten, vorhandenen Gebäude her, warum soll es ausgerechnet am schönsten Ort der Stadt gebaut werden?“, fragte Krafft. Der Vorsitzende der Siedlungsgemeinschaft Waldram, Wolfgang Saal, sekundierte ihr. Der Stadtrat könne nur „mäßige Entscheidungen“ treffen, wenn die Verwaltung nur unzureichende Vorarbeit leiste. Dass alternative Standorte auf Herz und Nieren geprüft werden, „dass ist die Aufgabe des Bürgermeisters und der Verwaltung“, betonte Saal.

„Der Bürgermeister hat uns erklärt, dass alles geprüft worden sei“, entgegnete Plößl. Diese Aussage „zu verifizieren oder zu falsifizieren“ sei für einen einzelnen Stadtrat kaum möglich. Sollte er, Plößl, künftig im Chefsessel sitzen, „werde ich mich mit der simplen Aussage der Verwaltung ,geht/geht nicht‘ aber nicht zufrieden geben“.

Welche Position die CSU-Fraktion in der Abstimmung über den Archivbau in der Ratssitzung am 11. Februar einnehmen wird, wollten weder Plößl noch Fraktionssprecher Dr. Manfred Fleischer am Donnerstag verraten. „Wir werden uns noch einmal beraten“, sagte Plößl. Fleischer erklärte, dass die Projekte Badehaus und Stadtarchiv „nichts miteinander zu tun haben“. Für eine Gedenkstätte plus Archiv sei das Gebäude viel zu klein. Zudem könnten dort die vorgeschriebenen Voraussetzungen an ein Archiv nicht erfüllt werden. Fleischer: „Das Badehaus-Projekt ist etwas Einzigartiges und wird auch ohne Archiv erfolgreich sein.“

Bürgermeister Helmut Forster (Bürgervereinigung Wolfratshausen) weist den Vorwurf, er wolle den Neubau noch in dieser Legislaturperiode durchboxen, entschieden zurück. Seit zwei Jahren sei das Projekt ein Dauerthema. Forster verweist auf zahlreiche Beschlüsse der Fachausschüsse und des Stadtrates sowie auf das Ergebnis des Architektenwettbewerbes. „Das Archiv ist eine Pflichtaufgabe der Kommune, das ist kein Spaß“, betont der Rathauschef. Außerdem sei ihm daran gelegen, dass die Stadt als „verlässlicher Partner“ nichts von ihrer Reputation verliere. Auf Aussagen und Beschlüsse der Kommune „muss das Gegenüber vertrauen können“.

Forster bestätigt auf Nachfrage, dass es in den Reihen der Projektgegner im Stadtrat die Überlegung gibt, am 11. Februar einen Antrag zur Geschäftsordnung zu stellen. Das Ziel: Die Entscheidung zu vertagen, sprich sie den Räten zu überlassen, die am 16. März gewählt werden. „Einem solchen Antrag werde ich nicht zustimmen“, kündigt Forster an. Eine Vertagung wäre für ihn „Flucht vor der Verantwortung“. Das sieht sein Stellvertreter Plößl ähnlich: „Der Stadtrat ist für sechs Jahre gewählt, nicht für fünf Jahre und elf Monate.“ Wer sich als Bürgervertreter scheue, eine Entscheidung zu treffen, weil er sich vor Kritik fürchte, sei fehl am Platz.

Carl-Christian Eick

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