Gedämpfte Stimmung in Seeshaupt, in Egling tanzt der Bär

- Unterwegs mit der Narreninsel Wolfratshausen

VON ELKE SUMMER UND SANDRA SEDLMAIER Wolfratshausen - "Der Mann", sagt die Ex-Prinzessin Martina Strodl, "der Mann ist das Problem". Tanzen muss er können, redegewandt, witzig und ein bisschen trinkfest soll er sein. Wenn er noch gut aussieht, ist es besonders schön. Kerle mit solchen Vorzügen sind dünn gesät, aber sobald der Narreninsel Wolfratshausen ein derartiges Prachtexemplar unterkommt, verleiht sie ihm königliche Weihen. So wie dem Prinzen Christian I., der in dieser Saison die Insignien der Faschingsgesellschaft hochhält. Mit seiner Verpflichtung war die Narreninsel das alljährliche Problem los, einen Faschingsprinzen zu finden.

Alle anderen Schwierigkeiten, so zeigte sich bei einem Streifzug mit der Faschingsgesellschaft, hat die Narreninsel im 40. Jahr seit ihrer Wiedergründung im Griff. Beim Weiberfasching sind die Männer das geringste Problem. Am unsinnigen Donnerstag, wenn die Frauen am liebsten unter sich bleiben, fällt es kaum auf, dass in der Wolfratshauser Garde außer dem Prinzen nur ein Mann tanzt: Florian Schwabe, ein ehemaliger Faschingsprinz. Und weil Männer angeblich unkompliziert sind, ist auch sein Bühnen-Styling eher bescheiden: Die blonden Haare dick eingegelt, mit drei Haarklemmen einen Hahnenkamm gesteckt, fertig.

Die Mädchen der Garde, die sich am Donnerstag in der Garderobe der Geretsrieder Ratsstuben für ihre drei Auftritte stylen, brauchen erheblich länger. "Still halten": Im Sprühnebel von Glitzerhaarspray verschönt Patrizia Woratsch Wangen und Mund der Mädels mit türkisfarbenen, blauen oder schwarzen Ornamenten. Was später in der Seeresidenz Seeshaupt, im Gasthaus Oberhauser in Egling und im Geretsrieder Ratsstubensaal beschwingt und locker aussieht, erfordert harte Arbeit und Disziplin.

"Seit Oktober proben wir", sagt Ulli Kampa. Wochenende für Wochenende haben sie trainiert und dabei unzählige Male die Ohrwürmer gehört, zu denen sie bei ihren gut 20 Auftritten in der Saison tanzen. Ihre Kostüme - Weste und schwarze Hosen mit Glitzerbordüren - mussten sie selbst finanzieren. Dennoch betonen alle, "wie viel Spaß das Tanzen in der Gruppe macht" - auch wenn vereinzelt das Wort "Zickenterror" fällt. Teamorientiert startet jeder Auftritt mit dem "Gruppenkuscheln". Hand auf Hand gelegt, schreien sie ihren Schlachtruf: "Du mi a!" In der Seeresidenz in Seeshaupt durchbricht ihr fröhliches Geschrei die gepflegte Langeweile der etwa 30 Gäste, die beim Tanztee im noblen Ambiente auf eine Abwechslung warten. Hofmarschall Marion Steinberger kündigt ihre Tollitäten und die "Island Dance Company" an. Nach einem umjubelten Auftritt samt Zugabe dämpft sich die Stimmung in Seeshaupt merklich und die Aufforderung von Prinz Christian "Bleiben sie locker" bleibt ein frommer Wunsch. Ganz anders in Egling. Im Gasthaus Oberhauser tanzt die Bär. Der Festsaal ist gerammelt voll, viele gut gelaunte Frauen, ein paar Alibi-Männer stehen an der Bar. Hier passt die Faschingsrede, die das Prinzenpaar hält. "Den Spaß und die Lebensfreude", von denen Prinzessin Corinna I. spricht, haben die Eglinger Faschingsfans allemal. Nach einer Runde Mineralwasser als Ausgleich für den halbstündigen Auftritt rollt der Konvoi aus sieben Fahrzeugen Richtung Geretsried. Im Ratsstubensaal haben die Wolfratshauser an diesem Abend Heimvorteil, weil die Narreninsel den Weiberfaschingsball veranstaltet. Und auch hier erntet die Truppe donnernden Applaus.

Eine Mordsgaudi als Prinzessin

Allein schon Prinzessin Corinna I. ist eine Schau. Nach "acht Jahren Ballettunterricht" und siebenjähriger Mitgliedschaft in der Narreninsel fiel die Wahl des Präsidiums im vergangenen Mai auf sie. "Nicht einmal meine Eltern haben das gewusst", sagt die Tochter des Geschäftsleitenden Beamten im Wolfratshauser Rathaus, Franz Gehring. Die Oma hat das bordeauxfarbene Kleid kreiert, das vor allem besticht, wenn die Hüllen gefallen sind und die 19-Jährige im Minikleid tanzt. Dass sie eine "Mordsgaudi" als Prinzessin hat, glaubt man ihr aufs Wort.

Eine Spaßgesellschaft allein will und kann die 80-köpfige Narreninsel allerdings nicht sein. Renate Schwabe, genannt Mama Schwabe, berichtet von den Anstrengungen, die jährlich nach Ostern beginnen: Prinzenpaar finden, Kostüme und Musik aussuchen, Choreographie entwerfen, Anflüge von Zickenalarm im Keim ersticken, Autos organisieren und Sponsoren finden. Als Präsidiumsmitglied und gute Seele sitzt Mama Schwabe auf Wunsch "meiner Mädels" stets in der ersten Reihe, um via Blickkontakt zu signalisieren, wenn etwas nicht hundertprozentig stimmt. Auch die Jugendleiter Beate Pawliczek und Sabine Bielz, Zweite Präsidentin Marianne Wilfert und der Dritte Präsident Michael Simeth sind in den Ratsstuben dabei. Simeth und Vereinsoberhaupt Peter Steinberger sind die letzten verbliebenen männlichen Präsidiums-Mitglieder. Weil dem traditionellen Elferrat nur Männer angehören dürfen, hat die Narreninsel seit Jahren keinen mehr. Männer sind und bleiben eben das Problem der Gesellschaft. Frei nach dem Motto 2004: "Klingt komisch, ist aber so."

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