Prozessbeginn am Freitag

Geheimdienst-Mord: Ex-Agenten vor Gericht

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Wolfratshausen - Hat der jugoslawische Geheimdienst in Bayern gemordet? Die Ermittler glauben: ja. An die Hintermänner kam man aber nicht heran – bis jetzt. Ab Freitag stehen zwei Ex-Agenten vor Gericht.

Ein Hinterhof in Wolfratshausen: An der weißen Hauswand lehnt ein Fahrrad neben einem braunen Garagentor. Ein Schild verbietet das Parken im Hof, in der Einfahrt sitzen Mädchen in der Oktobersonne und tuscheln. Sauerlacher Straße 1 – nichts deutet darauf hin, dass das hier ein Tatort ist. Keine Spur davon, dass hier Geheimagenten eiskalt gemordet haben.

Nur Erika N. (Name geändert) erinnert sich. Seit 44 Jahren lebt sie hier im Haus, zweiter Stock, über den Garagen. „Ich hab’ ihn da liegen sehen“, erzählt sie mit leichtem sächsischen Dialekt. „Er hat aus dem Kopf geblutet, das vergisst man nie wieder.“ Die Garage, in der die Schüsse fielen, gibt es nicht mehr. Das Tor ist zugemauert, den Raum dahinter nutzt heute ein Anwalt. „Der wusste gar nicht, was hier passiert ist“, erzählt Erika N. Wie sollte er auch? Schließlich liegt die blutige Tat schon 31 Jahre zurück.

In der Garage warten die Mörder

Es ist der Vormittag des 28. Juli 1983, zwischen zehn und elf Uhr. Stjepan Djurekovic schließt das mittlere Garagentor im Hinterhof auf. Er will nur schnell einen Artikel hinterlegen, sein Bekannter Krunoslav P. soll ihn veröffentlichen. P. hat die Garage zu einer kleinen Geheim-Druckerei umgebaut – hier drucken Exil-Kroaten regimekritische Schriften. Im Halbdunkel geht Djurekovic durch den langen Raum. Die Druckmaschine steht hinten in der Ecke, dort soll er den Artikel ablegen.

Doch genau hier warten sie auf ihn.

Vermutlich reißt Djurekovic noch die Arme hoch, die ersten Schüsse treffen ihn in die rechte Hand und in beide Oberarme. Er dreht sich um, will fliehen. Dann treffen ihn zwei Kugeln in den Rücken: Eine zerfetzt seine Lunge, eine verletzt die Wirbelsäule. Djurekovic bricht zusammen. Die Täter wollen sichergehen, dass er nicht wieder aufsteht. Mit einer Art Machete schlägt einer der drei Täter auf Djurekovics Kopf ein. Immer wieder, immer fester.

Mehr als 20 unaufgeklärte Attentate

„Das war ihre Visitenkarte, dass sie ihm den Schädel eingeschlagen haben“, sagt Robert Zagajski. Bei seinem Vater war es genauso. Zagajski, 49, Schnauzer, Jeans, Sonnenbrille, steht auf einem Feld am Eande Münchens, wo am 26. März 1983 sein Vater ermordet wurde – vier Monate vor der Bluttat an Djurekovic. Die beiden Opfer, Djuro Zagajski und Stjepan Djurekovic, teilten nicht nur ihre kroatische Heimat, sie wurden auch beide umgebracht – vielleicht im Auftrag der selben Täter.

Bis heute sind die Morde nicht aufgeklärt – so wie rund 20 andere Attentate auf Exil-Kroaten in ganz Deutschland. Wer den Abzug drückte, wer die Machete schwang: unklar. Nur das Motiv glauben die Ermittler schnell zu kennen: Die Männer wurden Opfer ihrer politischen Überzeugungen. Sie waren Gegner des jugoslawischen Regimes – und auf die machten die Agenten des Geheimdienstes SDS damals Jagd. Doch an die Hintermänner der Taten kam man nicht heran. Bis jetzt.

Die Witwe erzwingt die Auslieferung

Lange fühlten sich Zdravko Mustac, 72, und Josip Perkovic, 69, in Kroatien sicher. Ihre Kontakte reichten auch nach dem Zerfall Jugoslawiens bis in höchste Regierungskreise. Eine Auslieferung an Deutschland? Ausgeschlossen. Dass sich Mustac, der ehemalige Geheimdienst-Chef, und sein Mitarbeiter Perkovic, der die Abteilung „Feindliche Emigration“ leitete, ab Freitag doch noch vor dem Oberlandesgericht München wegen des Mordes an Djurekovic verantworten müssen, ist dem EU-Beitritt Kroatiens zu verdanken – und der Hartnäckigkeit von Gizela Djurekovic.

Die Witwe des Wolfratshauer Opfers kämpft seit Jahren darum, dass die Mörder ihres Mannes bestraft werden. Lange standen die früheren Agenten unter dem Schutz der kroatischen Regierung. Doch wer in die EU will, muss sich an die Regeln halten – und dazu gehört, dass man mutmaßliche Straftäter an andere europäische Länder ausliefert. Noch kurz vor dem Beitritt zur EU im Juli 2013 verabschiedete Kroatien ein Gesetz, das unter dem Namen „Lex Perkovic“ bekannt wurde: Nur Verdächtige von Taten nach 2002 sollten ausgeliefert werden. Doch Berlin und Brüssel machten Druck, das Gesetz wurde kassiert, die beiden Verdächtigen verhaftet. Ein kroatisches Gericht lehnte die Auslieferung zunächst ab – EU hin oder her. Die Staatsanwälte wollten sich damit nur zu gern zufrieden geben, doch sie hatten nicht mit Gizela Djurekovic gerechnet. Sie trieb die Berufung voran, ein höheres Gericht stimmte der Auslieferung zu. Auch am Münchner Prozess wird sie als Nebenklägerin teilnehmen, der Münchner Anwalt Markus Meißner steht ihr bei.

Der Sohn ermittelt auf eigene Faust

Robert Zagajski, der Sohn des anderen Opfers, kämpft auch weiter um Aufklärung – bis heute. Auf eigene Faust ermittelt er, durchsucht Archive in Kroatien. Und er wurde fündig. Ein Dokument elektrisiert ihn besonders: Ein Spitzel meldet an den Geheimdienst: Ich habe Zagajskis Vertrauen, er würde zu mir ins Auto steigen. Das tat er sonst nicht so schnell. „Der Vater war vorsichtig“, erzählt Robert Zagajski. „Der Vater“, sagt er – statt „mein Vater“. Es ist, als hätte er eine kleine sprachliche Distanz aufgebaut, um das Geschehene nicht so nahe an sich heranzulassen.

Seine Vater wusste, dass er Feinde hat. Aber sie waren geschickt. Ein Jahr vor dem Mord tauchten gleich mehrere neue Bekannte aus der alten Heimat auf, umgarnten den Vater, machten ihn zum Trauzeugen, so erzählt es Robert Zagajski. Als ein Passant im März 1983 die Leiche von Djuro Zagajski auf dem Feld an der Grenze zu Neubiberg findet, entdeckt die Polizei die Spuren von zwei Autos im Neuschnee. „Sie müssen hier auf ihn gewartet haben.“

Lockte ein Bekannter das Opfer auf den Feldweg?

Aber wie lockten sie ihn hierher, auf den finsteren Weg? Robert Zagajski steigt in seinen Mercedes, rast bis zum Bahnübergang am Ende der Neubiberger Straße in München-Perlach. Es sind nur einige Minuten vom Tatort. Er ist den Weg schon dutzende Male gefahren. Zagajski steigt aus, sucht zielstrebig einen Weg durchs Gestrüpp und steht plötzlich vor einem Zaun. Dahinter war früher ein Schrottplatz, erklärt er. Hier lagerten sein Vater und andere Exil-Kroaten Flugblätter und Zeitschriften. Zagajski glaubt, dass ein Bekannter seinen Vater erst hierher lockte – und dann auf dem Rückweg auf den Feldweg abbog.

Beweise sind das nicht. Eher Vermutungen. Doch Robert Zagajski glaubt, zumindest einige der Täter zu kennen. Einem hat er es auf den Kopf zugesagt. „Er hat es abgestritten“, erzählt Zagajski. „Und dann hat er gedroht: Wenn du nicht aufhörst, dich einzumischen, passiert dir das Gleiche wie deinem Vater.“ Solche Drohungen musste man ernstnehmen: Damir Djurekovic, der Sohn des Wolfratshauser Opfers, kam einige Jahre nach dem Morde an seinem Vater unter mysteriösen Umständen in Kanada ums Leben. Selbstmord, hieß es damals.

Verteidiger: Es gibt keine Beweise

Es wird ein langer, schwieriger Indizienprozess. Zunächst geht es nur um den Mord an Stjepan Djurekovic. Mit Geständnissen der Ex-Agenten ist nicht zu rechnen: „Wir sehen kein Motiv, warum der kroatische Geheimdienst Herrn Djurekovic hätte umbringen sollen“, sagt Peter Wagner, der Münchner Anwalt von Ex-Geheimdienstler Josip Perkovic. „Er war politisch nicht von großer Bedeutung in Kroatien und hat den Dissidenten erst in Deutschland ausgepackt.“ Es gebe keine Beweise gegen seinen Mandanten. „Der Generalbundesanwalt hat keine Tatwaffe, nicht einmal Täter.“

Für eine Verurteilung haben die Indizien bereits gereicht: Krunoslav P., der die Druckerei in Wolfratshausen führte, sitzt eine lebenslange Haftstrafe ab. Er ließ Perkovic einen Nachschlüssel zu seiner Garage zukommen, in der Djurekovic dann ermordet wurde. „Der Schlüssel ist ein Indiz“, gibt auch Verteidiger Wagner zu. Einen weiteren Belastungszeugen, den Ex-Agenten Vinko S., hält Wagner für „eine nicht besonders glaubwüridge schillernde Persönlichkeit“.

Richter verurteilte schon einen Mittäter

Einer der Richter, die Krunoslav P. 2008 verurteilten, war Manfred Dauster. Inzwischen ist er Vorsitzender des Staatsschutzsenats und wird nun auch über Perkovic und Mustac richten. „Das wird strategisch nicht einfach für die Verteidigung, den Vorsitzeden Richter zu überzeugen, von seinem damaligen Urteil abzuweichen“, sagt Verteidiger Wagner. Perkovic, der in früheren Fernsehinterviews eine Beteiligung abgestritten hat, werde sich im Prozess vorerst nicht zu den Vorwürfen äußern, kündigt Wagner an.

Robert Zagajski glaubt trotzdem, dass durch den Prozess Schwung in die Ermittlungen zum Mord an seinem Vater kommt: „Da wird gerade die Büchse der Pandora geöffnet.“

Von Philipp Vetter

Rubriklistenbild: © mzv-mm

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