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Sind bereit für den Silvesterritt: (v. li.) Markus und Sabine Wirtensohn, ihre Kinder Marie und Luis und natürlich die drei Süddeutschen Kaltblüter „Lore“, „Max“ und „Schichtl“. 

Silvesterritt in Gelting

Kaltblüter in Kinderstrumpfhosen

Gelting – Er gehört zu den Höhepunkten im Geltinger Festkalender: der Silvesterritt, an dem sich Jahr für Jahr Reiter aus Nah und Fern mit ihren Rössern beteiligen. Einer, der von Kindesbeinen an mitgeritten ist, ist Markus Wirtensohn. Auch heute wird der 39-Jährige, die Standarte an seiner Seite, in den Sattel eines seiner drei Süddeutschen Kaltblüter steigen und zusammen mit dem Kreuzträger den Zug anführen.

Der Ursprung des Umritts ist etwa auf das Jahr 1630 datiert. Damals wütete in Gelting eine Rinder- und Pferdeseuche, der viele Tiere zum Opfer fielen. Die Bauern gelobten daraufhin ihrem Schutzpatron, dem Heiligen Silvester, an seinem Namenstag zu ehren, wenn er die Geltinger von einer weiteren Seuche verschont. Im Zweiten Weltkrieg geriet der Schwur vorübergehend in Vergessenheit, bis er von den Mitgliedern der Brauchtumsgruppe Gelting 1975 wiederbelebt wurde.

Seit 2000 trägt Markus Wirtensohn, der die Landwirtschaft als Nebenerwerb betreibt, die grüne Standarte mit der Aufschrift „Heiliger Silvester, beschütze uns“. „Es wurde jemand aus dem Dorf gesucht, der das macht – und das war dann eben ich.“ Bereut habe er nie, dass er das Ehrenamt übernommen hat, im Gegenteil. Mittlerweile ist am Silvestertag seine ganze Familie eingespannt. „Jeder hat eine Aufgabe, vom Schmücken der Pferde über das Girlandenbinden bis dazu, dem Pfarrer beim Aufsteigen aufs Pferd zu helfen.“

Auch die beiden Kinder des gelernten Rettungsassistenten, Marie (12) und Luis (7), sind seit ein paar Jahren mit von der Partie. Haben sie keine Angst, in 1,70 Metern Höhe auf einem schwankenden Pferderücken zu sitzen? „Nein“, sagt Luis mit Nachdruck und tätschelt dabei den elfjährigen „Schichtl“, ein gewaltiges Ross mit beeindruckender Mähne. „Der ist doch brav.“

Dass die Kaltblüter so gelassen sind, hat seinen Grund: „Von klein auf gewöhnen wir sie an den Trubel. Wir sorgen dafür, dass sie viel sehen, den Verkehr kennenlernen und dass sie bei Menschenmassen nicht unruhig werden. Die jungen Tiere schauen sich da auch viel von den alten ab.“ Aber: „Eine Garantie gibt es nicht. Auch ein erfahrener Hase kann sich mal erschrecken“, betont der 39-Jährige Wirtensohn, der mit seinen Pferden auch an der Leonhardifahrt in Bad Tölz teilnimmt. „In einer heiklen Situation versuche ich, die Tiere mit meiner Stimme zu beruhigen.“ Den erfahrenen Reiter und seine Kommandos kennen die Vierbeiner aus der gemeinsamen Arbeit im Holz.

Bevor Mensch und Tier Gottes Segen empfangen, ist für die Pferde erst einmal Badetag angesagt – schließlich sollen sie am Festtag sauber sein und glänzen. Also wird einen Tag vorher geschrubbt, geflochten und gestriegelt. „Das genießen sie“, sagt Sabine Wirtensohn (37) und lacht. „Zumindest halten sie ganz ruhig und lassen alles über sich ergehen.“ Zuerst wird das ganze Pferd gewaschen und anschließend in Decken eingehüllt. Besonderes Augenmerk wird auf Mähne und Schweif gelegt. „Die werden einshampooniert, damit sie auch wirklich sauber sind.“ Damit die Mähne beim Silvesterritt lockig fällt, wird sie über Nacht geflochten. Doch wie verhindert man, dass der Schweif wieder dreckig wird? Ein Griff in die Trickkiste hilft: „Flechten und eine alte Kinderstrumpfhose drüber. Dann passiert nichts mehr“, verrät Sabine Wirtensohn.

Der Tag des Umritts beginnt mit dem ersten Hahnenschrei: Gegen 5 Uhr klingelt heute im Hause Wirtensohn der Wecker. Schließlich gilt es nicht nur, die Pferde zu schmücken, sondern auch die Reiter müssen rechtzeitig für den dreimaligen Umritt der Kirche St. Benedikt fertig sein. „Ja, es steckt viel Arbeit dahinter“, gibt Wirtensohn zu. „Aber später, wenn die Musik spielt und es losgeht, dann ist das einfach nur noch schön.“

Der Silvesterritt der Brauchtumsgruppe Gelting findet am Donnerstag, 31. Dezember, um 9 Uhr statt (Silvesteramt in der Kirche St. Benedikt, anschließend Umritt mit Pferdesegnung).

Sabine Hermsdorf

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