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Bei der Arbeit: Firass Abduhlrahman zeigt im Steinmetzbetrieb Hirschberger in Gelting, was er in Syrien gelernt hat. Marion Hirschberger von der Geschäftsleitung ist von seinen Fähigkeiten schwer beeindruckt.

Vollzeit-Job beim Steinmetzbetrieb Hirschberger

Happy End für Firass – fast

Der junge Steinmetz Firass Abduhlrahman, der aus Aleppo nach Icking geflohen ist, hat einen unbefristeten Vollzeit-Job gefunden – beim Steinmetzbetrieb Hirschberger in Gelting. Dort hält man ihn für ein außergewöhnliches Talent.

Geretsried – Marion Hirschberger (32) weiß noch genau, wie sie Mitte Februar den Artikel in unserer Zeitung über Firass, seine Flucht aus Syrien und seine Sehnsucht nach einem geregelten Arbeitsplatz gelesen hat. Da saß sie auf dem Sofa und überlegte hin und her. Auf der einen Seite suchte ihr Betrieb im Geltinger Gewerbegebiet schon lange einen wie ihn, und was sie las, klang gut. „Auf der anderen Seite haben wir mit Asylbewerbern schon auch schlechte Erfahrungen gemacht“, erzählt sie. Am Ende gab sie sich einen Ruck und schrieb dem Ickinger Helferkreis eine kurze E-Mail. Heute ist sie extrem froh darüber. „Es war das Beste, was wir tun konnten.“

Der Eindruck, den Firass hinterließ, war auf Anhieb gut. So wollten die Hirschbergers mit eigenen Augen sehen, was der Bewerber handwerklich so drauf hat. Also luden sie ihn schon am Dienstag nach dem Erscheinen des Artikels ein, an seinem aktuellen Projekt – einem Wappen für seine neue Heimatgemeinde Icking – in ihrer Werkstatt zu arbeiten. So kam es, dass der junge Mann in den Räumen am Bürgermeister-Graf-Ring genauso arbeitete, wie er es in Syrien gelernt hatte. Die Hirschbergers schauten ihm über die Schulter – und trauten ihren Augen nicht. „So ein Talent haben wir seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen“, erzählt Marion Hirschberger von der Geschäftsleitung. Noch am selben Abend bot ihr Vater, Hans Hirschberger, dem jungen Mann aus Aleppo eine unbefristete Stelle an. Er war vom Fleck weg engagiert.

Allerdings musste sich Firass zunächst etwas umstellen. Die handwerklichen Erfordernisse in Deutschland sind etwas andere als die in seiner alten Heimat Aleppo. Da war zunächst das Material. Bislang hatte er es meist mit Marmor zu tun, jetzt mit Granit. Auch bestimmte Techniken musste sich der der Mann, der den Bombenhagel von Aleppo mit knapper Not überlebt hat, erst aneignen. Sandstrahlen, Gravieren, Hochdruckreinigen, Vergolden – alles Neuland für ihn. Doch Firass lernte schnell und gründlich. Ein erster Belastungstest stand an, als er altdeutsche Buchstaben in einen Grabstein eingravieren musste. „Er hat die Wörter zwar nicht verstanden, aber er hat es super hingekriegt“, so Marion Hirschberger.

Überhaupt passt Firass prächtig in die Firma Hirschberger, die zwischen Murnau und München Steinmetzarbeiten aller Art übernimmt – so etwa die Theken in der Münchner Schrannenhalle. Denn: Die Truppe ist das, was man multi-kulti nennt. Die zehn Mann in der Werkstatt stammen aus der ganzen Welt und gehören allen möglichen Religionen an. Birgt das kein Konfliktpotenzial? Ach was, versichert Marion Hirschberger. „Alle verstehen sich bestens, und am Abend wird gemeinsam gegrillt.“ Sie verweist auf den Spruch, der vor dem Geretsrieder Rathaus zu lesen steht: „Alle sind Ausländer, fast überall“, steht dort zu lesen. „Genau das wird bei uns praktiziert.“

Also alles gut mit Firass? Nicht so ganz. Was die Hirschbergers unterschätzt hatten, war mit einer Festanstellung verbundene Bürokratie. Denn mit einem Schlag war Firass ein sogenannter Fehlbeleger in der Wohnung an der Ickinger Ludwig-Dürr-Straße, wo er zusammen mit seiner Familie wohnt. An die 1.000 Euro muss er von nun an für die – sehr beengten – Räume zahlen. Das ist mit dem neuen Lohn nicht drin. Also tun der Ickinger Helferkreis und die Hirschbergers alles, um für Firass, seine Mutter Amina (47), seine Frau Nura (20), seine Tochter Amira (1) und Sohn Can (drei Monate) eine passende Wohnung zu finden, am besten drei Zimmer zu einem bezahlbaren Preis. „Wer etwas weiß, soll sich bitte melden“ so Marion Hirschberger. Die Hirschbergers würden sogar für Firass bürgen. Mehr Vertrauen geht nicht.

Wichtig ist auch, dass sein syrischer Führerschein in Deutschland anerkannt wird. Das ist nicht so einfach, wie man denkt. Möglicherweise muss er wieder ganz von vorne anfangen und Fahrstunden nehmen. Das wird teuer.

Und Firass? Strahlt über das Gesicht wie eh und je, Krieg und Flucht haben nichts daran geändert. Auf die Frage, wie es ihm geht, hebt er nur den Daumen und sagt: „Super.“ Und: „Ich danke der Familie Hirschberger von Herzen. Sie sind jetzt auch meine Familie.“

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