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Ein Herz für Tiere hat Franz Wirtensohn. Weil er möchte, dass seine Rinder ein möglichst artgerechtes Leben führen, bevor es auf die Schlachtbank geht, hat er auf Mastviehhaltung nach den strengen Naturland-Richtlinien umgesattelt.

Streicheleinheiten fürs liebe Vieh

Landwirt Franz Wirtensohn stellt auf Bio um – und hat diese Pläne

Landwirt Franz Wirtensohn (65) stellt auf Bio um – und er plant in der Geltinger Ziegelei einen Erlebnis-Bauernhof.

Gelting – Zu seinem Geburtstag hat Franz Wirtensohn ein Video geschenkt bekommen. Hauptdarstellerin des Kurzfilms ist das Angus-Kälbchen „Zenzi“. Man sieht es bei seiner Mutter trinken, mit den anderen Jungrindern auf der Weide herumtoben und zufrieden grasen. Dem Tier geht es gut auf dem Zenz’n-Hof in der Ziegelei in Gelting. Dafür sorgt Franz Wirtensohn. Er streichelt die an sich eher scheuen Angus-Rinder, füttert seine Ziegen zwischendurch mit Leckerbissen und spielt mit seinen beiden Ferkeln, denn die seien hochintelligent, sagt er.

Weil er seit jeher seine Milchkühe früher und jetzt sein Mastvieh sowie all die anderen Tiere auf dem Hof vorbildlich behandelt hat und sein Grünland ohnehin extensiv bewirtschaftet, hat Wirtensohn vor eineinhalb Jahren auf Bio-Landwirtschaft umgesattelt – so wie laut Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen aktuell 13 Prozent aller Landwirte im Bereich Bad Tölz-Wolfratshausen. „Ich hab’ eigentlich immer ökologisch gewirtschaftet. Deshalb hab’ ich mir gedacht, da kannst du die Förderung auch mitnehmen“, sagt der 65-Jährige. Doch hätte er gewusst, welche bürokratischen Hürden für den Umstieg von Konventionell auf Bio zu überwinden sind, hätte er es sich vielleicht doch anders überlegt.

Wirtensohn ist seit seinem 20. Lebensjahr Landwirt. 1975 übergab ihm sein Vater den Hof in Gelting mit fünf Milchkühen und fünf Jungrindern. Der Bestand wuchs nach und nach. Erst auf 20, dann 30, dann 40 Tiere – jeweils auf Anraten des Bayerischen Bauernverbands (BBV), des AELF sowie der „großen Politik“, wie Wirtensohn sagt. 2006 wurde es im Dorf zu eng für die Familie. Sie siedelte aus. Franz Wirtensohn übergab den Hof seinem Sohn Christian, der jedoch vor vier Jahren starb. Also machte der Vater, mit Unterstützung des zweiten Sohns Franz junior, alleine weiter. Ginge es nach der Politik und dem BBV, müsste der Geltinger heute mindestens 70 Kühe halten, damit sich die Landwirtschaft lohnt. „Ich hab’ da irgendwann nicht mehr mitgemacht“, erklärt er. Bei etwa 50 eigenen Fleckvieh- und Angusrindern plus Pensionsvieh war für ihn Schluss.

Der Umstieg auf ökologischen Landbau dauert zwei Jahre. Er beginnt mit dem Tag der Anmeldung bei einer offiziellen Kontrollstelle. Der Bauer muss eine genaue Betriebsbeschreibung abliefern mit Lage und Anzahl der Wiesen, mit Grundrissplänen der Ställe, Belegen über Zu- und Verkäufen sowie vielem anderen. Die Kontrolleure überprüfen dann die Angaben. „Ich konnte eine Rechnung über den Kauf eines Rinds nicht sofort vorlegen, weil sie beim Steuerberater war. Mit Tierpass und Biozertifikat wollte sich der Kontrolleur nicht zufrieden geben, dabei ist der Tierpass wie ein Fahrzeugbrief“, nennt Wirtensohn ein Beispiel für den in seinen Augen übertriebenen Bürokratismus. Auch dass seine Wiesen per Satellit genau überwacht würden, um zu sehen, wann und wo er mähe, störe ihn, wie er sagt.

Seit Neuestem komme auch noch die Kontrolle der vorgeschriebenen Blühstreifen hinzu: „Wir Landwirte werden alle unter Generalverdacht gestellt“, ärgert sich der 65-Jährige. Über Jahrhunderte hätten die Bauern die Landschaft gepflegt und man sei froh darüber gewesen. „Jetzt kümmert sich plötzlich jeder darum, was wir dürfen und was nicht“. Freilich gebe es schwarze Schafe in seinem Berufsstand, sagt er, aber eher im Norden, wo 1000 Kühe normal seien und entsprechend viel Gülle anfalle, die das Grundwasser verunreinige. In Bayern mit seinen kleinbäuerlichen Strukturen gebe es kaum Probleme.

Wirtensohn wirtschaftet seit eineinhalb Jahren nach den strengen „Naturland“-Richtlinien. Sein Vieh ist im Laufstall untergebracht und kann jederzeit auf die Weide, im Winter in den Laufhof. Es bekommt gequetschtes Getreide aus Hafer, Gerste und Weizen zum Fressen, das zu 100 Prozent aus der Region stammt. Die Tiere zu enthornen wäre erlaubt, doch beim Angus sind die Hörner ohnehin weggezüchtet. Es gibt genaue Regeln, wie viele Quadratmeter einem Tier zustehen, für die Verwendung von Antibiotika und für die Aufzucht der Kälber. Chemie auf den Wiesen ist verboten.

Der Aufwand wird mit etwa 100 Euro mehr pro Bio-Schlachtrind im Vergleich zum konventionell gehaltenen Tier plus den entsprechenden Subventionen in der Bio-Landwirtschaft gefördert. Um als kleiner Betrieb davon leben zu können, reicht es aber meist nicht. „Direktvermarktung wäre ein Weg, aber das ist wahnsinnig aufwendig“, sagt Wirtensohn. Zusammen mit seinem Sohn Franz junior hat er sich deshalb ein zweites Standbein ausgedacht. Er möchte den Zenz’n-Hof zum „Erlebnis-Bauernhof“ für Tages- und Übernachtungsgäste ausbauen. Davon gibt es laut Wirtensohn senior noch nicht allzu viele in der Region.

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Die Kühe, Schweine, Ziegen, Kaninchen und Katzen wären für Kinder eine Freude. Auf der Streuobstwiese könnten die Besucher Äpfel direkt vom Baum naschen. An einem Bienenstock, den man noch anschaffen will, würden sie etwas über die Imkerei lernen. Fahrten mit dem Traktor und mit der Pferdekutsche eines benachbarten Hofs wären weitere Attraktionen. In dem neu erbauten Aufenthaltsraum an Stelle des früheren Melkstandes könnten Spiele und Filmvorführungen stattfinden. Dort würden die Gäste auch miteinander in Kontakt kommen. Die Qualifizierung zum „Erlebnis-Bauernhof“ läuft bereits. Das Video über „Zenzi“ ist schon mal ein Anfang. Schon früher hat Franz Wirtensohn gerne Schulklassen über sein Grundstück und durch die Ställe geführt. Mit Kindern kann er es – ebenso wie mit seinen Viechern.

Tanja Lühr

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