43 Jahre Rudolf Chemie: Dr. Otto Rothe hat quasi ein privates Firmenarchiv.
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43 Jahre Rudolf Chemie: Dr. Otto Rothe hat quasi ein privates Firmenarchiv.

GERETSRIEDER LEBENSLINIEN

43 Jahre bei Rudolf Chemie: Dr. Otto Rothe gibt einen Einblick in sein Arbeitsleben

Mit Entenfedern fing alles an: Dr. Otto Rothe arbeitete 43 Jahre bei Rudolf Chemie. Hier erzählt der Geretsrieder seine Geschichte.

Geretsried – In Dr. Otto Rothes Esszimmer steht auf einer Anrichte noch das riesige Kameramikroskop, mit dem er 35 Jahre lang gearbeitet hat. Das von der Firma Leitz Wetzlar hergestellte Gerät war für damalige Verhältnisse ein „Wunderinstrument“, schwärmt Rothe. Mit ihm konnte er genau dokumentieren, wie sich Stoffe durch die Behandlung mit Chemikalien verändern. Rothe ist einer der ältesten ehemaligen Mitarbeiter des Chemieunternehmens Rudolf. „Die Mikrofotografie war für mich lebensbestimmend“, sagt der heute 93-Jährige.

Auf seinem Wohnzimmertisch hat er sämtliches Material aus 43 Jahren bei Rudolf ausgebreitet – angefangen bei einem Schwarz-Weiß-Foto von ihm als jungem Praktikanten im Trenchcoat vor dem Firmeneingang über einen Kalender mit seinen Mikroskopaufnahmen bis zu einem Heft, das sein Arbeitgeber eigens zu Rothes 65. Geburtstag anfertigen ließ.

Der Geretsrieder stammt aus Schönbüchel in Nordböhmen. Nach der Volksschule besuchte er das Gymnasium, das er wegen des Kriegs jedoch nicht beenden konnte. 1944 wurde er zum Volkssturm und zur Wehrmacht eingezogen. Er geriet in Karlsbad in russische Gefangenschaft, aus der er 1946 befreit wurde. Rothe holte das Abitur nach, machte eine Ausbildung an der TeLüxtilfachschule in Lauterbach und weil er sich für Chemie interessierte, verschlug es ihn über Umwege 1950 nach Geretsried zur Firma Rudolf.

Arbeit im Labor und Studium

Deren Chef Wolfgang Schumann bot ihm an, im Labor zu arbeiten und gleichzeitig Chemie an der Technischen Universität München zu studieren. Rothes Ehefrau Gisela trug die Doppelbelastung ihres Mannes mit. „Ohne ihre Unterstützung wäre das nicht möglich gewesen“, sagt er. 61 Jahre lang war er mit seiner bereits verstorbenen Frau verheiratet, drei Kinder gingen aus der Ehe hervor, inzwischen gibt es fünf Enkel.

Eine der ersten Untersuchungen des jungen Chemikers bestand darin, die Wirkung eines Waschmittels an stark verschmutzten Entenfedern zu erproben. Rothe zeigt Fotos, die er zunächst noch mit einem einfachen Mikroskop und einem Fotoapparat machte. Darauf ist deutlich der Unterschied zwischen der gereinigten und der ungereinigten Feder zu erkennen. 1952 schaffte die Firma Rudolf das Kameramikroskop an. Rothe: „Die Bilder waren sehr werbewirksam.“

Wenn er von seiner Tätigkeit erzählt, gerät er ins Schwärmen. Ein Baumwollhemd habe, so wie es im Laden hänge, über 30 Arbeitsgänge hinter sich – vom Entfernen der Samenhaare, die die eigentlichen Baumwollfasern darstellen, über das Spinnen, Weben, Bleichen, Färben und Ausrüsten. Für jeden dieser Vorgänge würden chemische Hilfsmittel benötigt. Unbehandelte Baumwolle habe nicht die Trageeigenschaften wie behandelte. So würden zum Beispiel Kunstharze in das Material eingelagert, damit es nicht knittere.

Mit Trenchcoat und Krawatte: Dr. Otto Rothe als junger Praktikant vor dem Firmeneingang. 

Die „Chemische Fabrik Rudolf & Co“ wurde 1922 von Reinhold Rudolf im nordböhmischen Warnsdorf, heute Tschechien, gegründet. 1924 übernahm sie Ernst Schumann, 1942 stieg sein Sohn Wolfgang Schumann in die Geschäftsleitung mit ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignete der tschechische Staat die Familie. Ernst und Wolfgang Schumann landeten nach der Vertreibung zunächst in Zittau. Am 13. Dezember 1945 erhielt die Firma Rudolf die Genehmigung zur „Herstellung von Textilhilfsmitteln und zur Aufarbeitung von tierischen Knochen und Hautabfällen“. In Geretsried bezog Rudolf 1946 zwei ehemalige Rüstungsbunker. Knochen seien in Wirklichkeit nie verarbeitet worden, erzählt Rothe. Vielmehr sei eines der ersten Produkte eine Handwaschpaste auf Basis von Sand und Tensiden gewesen.

1947 konnte die Herstellung von Textilhilfsmitteln in großen Kesseln beginnen. Bis zur ersten Charge mussten allerdings noch viele Probleme gelöst werden. Die Bunker waren in einem desolaten Zustand. Für die teils flüssigen, teils pastenförmigen Erzeugnisse des Chemieunternehmens gab es keine Verpackungsmittel. Deshalb wurde eine eigene Fassbinderei eingerichtet, in der Holzfässer mit einem Fassungsvermögen von 200 Litern gefertigt wurden.

Nikolaus Geiger war der erste Spediteur

Auch beim Transport der Güter von und zu den Verladestellen der Eisenbahn gingen die Firmeninhaber anfangs unkonventionelle Wege. Der Gast- und Landwirt Nikolaus Geiger war der erste Spediteur im Dienste der Firma. Mit Traktor und Pritschenwagen beförderte er Fässer und manchmal auch die als Schüttgut angelieferten Chemikalien. „Angefangen haben wir mit zwei Mann. Mein Sohn und ich waren die ersten, die in den Bunkern gearbeitet haben“, sagte Ernst Schumann in einem Radio-Interview, das 1956, zehn Jahre nach der Ankunft der ersten Heimatvertriebenen in Geretsried, ausgestrahlt wurde. Mitarbeiter wurden aus den Flüchtlingslagern, zum Teil auch aus der Ostzone, nach Geretsried geholt. Gefragt waren bei den Angestellten der ersten Stunde vor allem neue Ideen, aber auch Improvisationstalent. Vor der Währungsreform bestimmten die gerade verfügbaren Rohstoffe das Produktionsprogramm. Schwierigkeiten beim Verkauf der hergestellten Hilfsmittel gab es nicht.

Als am 20. Juni 1948 die Währung von Reichsmark auf D-Mark umgestellt wurde, waren bereits 180 Tonnen Textilhilfsmittel im Wert von fast einer halben Million Mark produziert und verkauft worden. Mit den Jahren wurde der Wettbewerb härter. Rudolf pflegte vor allem Geschäftsbeziehungen zum Osten. Um bestehen zu können, mussten auch in Westdeutschland gute Kontakte zur Textilveredlungsindustrie aufgebaut werden. Dafür setzten sich Mitarbeiter im Außendienst wie Rothe ein, aber auch Ernst und Wolfgang Schumann selber. Es war notwendig, möglichst konkurrenzlose Textilhilfsmittel zu entwickeln und anzubieten.

Auf vielen Vorträgen in ganz Europa pries er die Erzeugnisse von Rudolf an und schrieb wissenschaftliche Abhandlungen für Fachzeitschriften. 1966 promovierte er. „Der persönliche Kontakt zum Kunden war von großer Bedeutung“, so Rothe. Nicht selten habe er die Geschäftspartner selbst oder ihre Kinder bei sich zuhause zu Besuch gehabt, auch für länger. Ein guter Kunde aus Augsburg, dessen Sohn zuvor zwei Wochen Ferien bei den Rothes gemacht hatte, habe ihm einmal eine Salami in Körperlänge als Geschenk mitgebracht, erinnert sich der 93-Jährige mit einem Lächeln. Die habe man im Kollegenkreis zusammen mit Brot und Bier im Gasthof Geiger verspeist. Um nur einen treuen Abnehmer des mittelständischen Geretsrieder Unternehmens zu nennen, fällt Rothe der Feinstrumpfhosen-Hersteller „Nur die“ ein.

Firmenfeste im „Alt Österreich“

Der Chemikant blieb trotz anderer Angebote sein Leben lang bei dem einen Arbeitgeber – heute eine absolute Seltenheit. Der Grund war schlicht, dass Rothe sich wohlfühlte bei Rudolf. „Es war eine sehr sozial eingestellte Firma“, sagt er. Wolfgang Schumann spendierte den Mitarbeitern samt Ehefrauen beispielsweise in den späten 1960er Jahren jeden Sommer einen Urlaub. Mit dem Bus ging es auf Betriebskosten zwei Wochen lang nach Südtirol, an den Wörthersee in Kärnten oder nach Jesolo. „Viele Arbeiter hätten sich sonst nie einen Urlaub leisten können“, sagt Rothe.

Nach Feierabend sei die Belegschaft manchmal zu Fuß nach Königsdorf zum „Hofherr“ zum Abendessen gegangen. Zahlreiche Feste wurden im Gasthaus „Alt Österreich“ an der Sudetenstraße gefeiert. Dabei spielte die Betriebsband „Ruco-Jets“. All das habe sich positiv auf das Arbeitsklima ausgewirkt, sagt Dr. Rothe. Zum Schluss holt er aus dem Stapel Unterlagen das Heft mit Fotos und Anekdoten hervor, das sein Chef und dessen Sekretärinnen extra für ihn zu seinem 65. Geburtstag angefertigt haben.

Die Rudolf Group ist mittlerweile in sieben Ländern mit mehr als 20 Niederlassungen vertreten. Sie beschäftigt über 1000 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von rund 300 Millionen Euro. In Geretsried genießt das Familienunternehmen unter der Leitung von Dr. Wolfgang Schumann, Urenkel Ernst Schumanns, in der vierten Generation einen ausgezeichneten Ruf.

Tanja Lühr

Lesen Sie hier noch mehr aus unserer Serie „Geretsrieder Lebenslinien“.

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