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Deutlich in der Mehrzahl waren am Samstag die Gegendemonstranten. Die AfD konnte nur 150 Sympathisanten mobilisieren. 

Insgesamt kommen 1300 Menschen

Bilanz der AfD-Demos: Ein Signal für Toleranz

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    Sebastian Dorn
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Geretsried - Gut 1100 Menschen demonstrierten am Samstag gegen eine Kundgebung der AfD. Zu dieser waren nur 150 Personen erschienen. Es blieb weitgehend friedlich.

AfD-Demos in Geretsried: Bilder von den Kundgebungen

„Wer Hilfe braucht, ist bei uns willkommen“, stand auf dem 80 Meter langen Transparent, das die Gegner der Alternative für Deutschland (AfD) ausgerollt hatten. Gut 1100 Personen waren am Samstag um kurz nach 14 Uhr an die Händelstraße in Geretsried gekommen, um gegen die Partei zu demonstrieren. Das Motto: „AfD nein danke“. Ein breites Bündnis aus Organisationen, Vereinen und Parteien um den Geretsrieder Stadtrat Robert Lug hatte dazu aufgerufen. Zur AfD-Kundgebung „Das Oberland steht auf“, die zeitgleich in Sichtnähe auf dem Neuen Platz stattfand, kamen nach Polizeischätzungen rund 150 Personen. Das waren deutlich weniger, als der AfD-Kreisvorsitzende Mario Buchner erwartet hatte. Durch Abwesenheit glänzte auch ein angekündigter Vertreter der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). „Die ist in Tirol selbst im Moment sehr aktiv“, entschuldigte Buchner.

Der Vertreter der FPÖ aus Österreich kommt nicht

Das weitgehend bürgerliche Lager der Gegendemonstranten war mit rund 1100 Menschen in der Spitze klar in der Überzahl. Sie standen teilweise dicht gedrängt an der Händelstraße an einem von der Polizei errichteten Absperrzaun zum Neuen Platz, um die AfD-Anhänger zu beobachten. Sie machten mit Sprechchören und Trillerpfeifen auf sich aufmerksam. „Geretsried ist bunt“, stand auf Plakaten vieler Protestierenden. Und: „Menschenrechte für alle Menschen“. Um 16 Uhr bauten die Organisatoren einen Lautsprecher auf. Mandatsträger und Bürger appellierten in kurzen Redebeiträgen für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit. Bürgermeister Michael Müller trat zuerst ans Mikrofon. Geretsried sei eine bunte Stadt, „da lassen wir uns keine braune Soße übergießen“. Kurz vor 17 Uhr zogen die rund 70 verbliebenen Demonstranten zum Neuen Platz, um ihn symbolisch von den Spuren der AfD mit Besen sauber zu kehren.

Lesen Sie hier alle Infos zu den Kundgebungen

Im Zentrum steht die Asylpolitik

Bei der AfD-Kundgebung traten nacheinander mehrere Redner auf einer kleinen Bühne auf. Das dominierende Thema: Die in ihren Augen falsche Asylpolitik. „Merkel muss weg“, skandierten die fast ausnahmslos zugereisten Kundgebungsteilnehmer, darunter Vertreter der rechtsextremen „Identitären Bewegung“, des „Bündnis deutscher Patrioten“ sowie der Münchner „Pegida“-Bewegung. Unter die Gegendemonstranten hatten sich laut Polizei einige so genannte Autonome aus der linken Szene gemischt.

Redner der AfD fordern ein "Volksgericht"

Die Redner der AfD lieferten ihren Zuhörern leicht verständliche Parolen. Sie prangerten die „Parteiendiktatur“ in Deutschland an, forderten ein „Volksgericht“, vor dem sich die Politiker verantworten sollen und plädierten dafür, die Außengrenzen sofort zu schließen. Wer vor Krieg und Folter fliehe, „der soll Schutz bekommen“, beteuerte AfD-Kreisvorsitzender Mario Buchner. Doch das Gros, das nach Worten des AfD-Landesvorsitzenden Petr Bystron in Deutschland „einmarschiert ist“, seien Auswanderer. Es sei „falsch, von Flüchtlingen zu sprechen“, so Buchner.

Es bleibt bei ein paar verbalen Provokationen

Nach Ende der AfD-Kundgebung gegen 16 Uhr kam es zu vereinzelten verbalen Provokationen auf beiden Seiten. Insgesamt blieb es aber friedlich. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Es kam es zu keinen nennenswerten Auffälligkeiten, hieß es. Nach dem Neutralitätsgebot hätten die Beamten dafür gesorgt, dass alle Versammlungsteilnehmer zu ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung kommen konnten, berichtete Polizeisprecher Andreas Guske. Im Einsatz waren Beamte der Einsatzhundertschaft des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, Sicherheitskräfte der umliegenden Dienststellen sowie die Bereitschaftspolizei. Mit dem Landratsamt in Bad Tölz war zuvor „in enger Zusammenarbeit“ ein Sicherheitskonzept erarbeitet worden, so Guske.

Acht Taschenmesser werden sichergestellt

Vor Beginn der Kundgebungen kam es zu einigen vorläufigen Festnahmen: Die Polizei nahm 16 Personen kurzzeitig zur Identitätsfeststellung in Gewahrsam. Vor Zutritt zur Kundgebung der AfD hatten Beamte Demonstranten abgetastet. Sie stellten laut Pressesprecher Guske acht Taschenmesser und sieben Pfeffersprays bei Personen sicher, „die erkennbar eher dem rechten Spektrum zuzuordnen waren“. Darunter war auch ein junger Mann, der Polizeibeamte mit einer Aufschrift auf seiner Kleidung beleidigt hatte. 

Carl-Christian Eick/Sebastian Dorn

KOMMENTAR

Küsschen statt Abgrenzung

Geretsried hatte ungebetene Gäste. Die AfD besetzte am Samstag zwei Stunden lang den Neuen Platz, beschallte ihre Fans mit Marschmusik aus dem CD-Regal und erklärte ihren Anhängern die Welt mit simplen Schlagwortsätzen. Was im Gedächtnis bleibt, ist das beeindruckende und unmissverständliche Statement von mehr als 1000 Menschen aller Altersgruppen. Ihre Präsenz am Neuen Platz hat am Samstag gezeigt: In einer Stadt, die von Vertriebenen aufgebaut worden ist, wird Solidarität gelebt und ist kein Raum für geistige Brandstifter. Erinnern wird man sich zudem an eine Partei, die es offenbar nicht stört, ein Sammelbecken für Ewiggestrige zu sein. Ohne Widerspruch lassen sich die AfD-Funktionäre von adrett gekleideten Madln und Burschen der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ bejubeln. Statt sich von den strammen Männern vom „Bündnis deutscher Patrioten“ abzugrenzen, begrüßt man die Herren mit Wangenküsschen. „Das Volk steht hinter uns“, schwadronierte der AfD-Landesvorsitzende in Geretsried. Wer dort gesehen hat, wer alles zum AfD-Volk gehört, muss zu dem Schluss kommen: Diese Alternative für Deutschland ist definitiv keine Alternative.

Carl-Christian Eick

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