+
Erinnern sich an so manche Anekdote: Gabriele Klier und Raimund Stumpfhauser – hier im Gespräch mit Redakteurin Su sanne Weiß – sind mit jeweils rund 45 Dienstjahren die treuesten Mitarbeiter im Geretsrieder Rathaus. 

SERIE „VOM RAND INS RAMPENLICHT“

Als ein Boot im Innenhof stand: Zwei Rathaus-Urgesteine blicken zurück

  • schließen

Das Rathaus soll Mittelpunkt der „Neuen Mitte“ werden. Zeit, das denkmalgeschützte Gebäude inmitten der Großbaustelle am Karl-Lederer-Platz in einer Serie näher zu betrachten. Zum Schluss der Serie schwelgen die beiden dienstältesten Mitarbeiter in Erinnerungen.

Geretsried – Gabriele Klier und Raimund Stumpfhauser kennen das Rathaus länger als all ihre Kollegen. Gabriele Klier, heute in der Stabstelle Rechnungsprüfung tätig, begann ihre Ausbildung am 1. September 1973 in der Verwaltung und kehrte damit an den Ort zurück, den sie bereits in ihrer Kindheit ausgekundschaftet hat. Ihre Großeltern wohnten im Rathaus (wir berichteten). Raimund Stumpfhauser aus dem Bauamt arbeitet seit 1. September 1972 am Karl-Lederer-Platz 1. Seine Mutter war im Hallenbad und sein Vater im Bauhof beschäftigt – beide also ebenfalls bei der Stadt. Im Gespräch erinnern sich die beiden an vergangene Zeiten im Rathaus.

Frau Klier, Herr Stumpfhauser, was schätzen Sie: Wie oft haben Sie die Rathausglocke schon schlagen hören?

Raimund Stumpfhauser: In 46 Jahren? Das ist nicht zählbar, weil ich nie darauf geachtet hab’. Das Ding schlägt halt, das hat man früher mal mehr beachtet, aber jetzt nicht mehr.
Gabriele Klier: Ja, das registriert man irgendwann gar nicht mehr.

Das mag daran liegen, dass Sie schon so lange im Rathaus arbeiten. Frau Klier, Sie haben jetzt das Büro am Fuß des Glockenturms?

Klier: Genau. Ich bin im Erdgeschoss neben dem Trauungszimmer zu finden (Zimmer 31, Anm. d. Red.).

Und wo haben Sie angefangen?

Klier: Mein erster Tag war im Vorzimmer unseres Straßenbauingenieurs Herrn Stein, weil seine damalige Sekretärin im Mutterschutz war. Er sagte nur: Das ist die Schreibmaschine, das ist die Rechenmaschine, schauen Sie es sich mal an. Ich war ganz nervös. Insgesamt ein Jahr blieb ich im Bauamt, dann kam ich ein Jahr ins Meldeamt und je ein halbes Jahr ins Standesamt und in die Kämmerei. Als ich mit meiner Ausbildung fertig war, habe ich am 1. Januar 1977 in der Kämmerei im Zimmer 113 angefangen. Und da bin ich dann 41 Jahre gesessen.

Der Treppenlift „hat mir zu lange gedauert“

Nun mussten Sie umziehen?

Klier: Ja, ich wurde aus gesundheitlichen Gründen versetzt und mir wurde das Treppenlaufen erspart.
Stumpfhauser: Wir haben aber auch einen Treppenlift, gell.
Klier: (lacht) Aber das hat mir zu lange gedauert.

Wie war es denn bei Ihnen, Herr Stumpfhauser? In welchem Büro haben Sie angefangen?

Stumpfhauser: Auch im Bauamt, aber hinten, wo jetzt Herr Rampfel sitzt, Kultur und Sport. Da war es damals noch. Um mich herum waren lauter Erwachsene – und ich gerade mal 15 Jahre alt. Aber es war eine sehr interessante Zeit, weil sehr, sehr viel gebaut wurde. Ein Jahr später bin ich in die Beamtenlaufbahn gewechselt und habe alle Abteilungen durchlaufen – vom Erdgeschoss, Einwohnermeldeamt, bis hoch in die Finanzverwaltung. Dort bin ich nach dem Grundwehrdienst wieder hin, war dann acht Jahre in der Stadtkasse und bin wieder hinuntergewechselt, wo ich den Friedhof übernommen hab. Seit 1988 bin ich jetzt im Bauordnungsrecht.

Also sitzen Sie seit 1988 im selben Büro?

Stumpfhauser: Fast. Ich bin einmal über den Flur gewechselt (Zimmer 23, Anm. d. Red.), weil wir etwas mehr geworden sind und die Räume neu aufgeteilt wurden.

Heute sieht alles anders aus

Es ist schon angeklungen: Die Büros, in denen Sie angefangen haben, gibt es so nicht mehr, oder?

Stumpfhauser: Es sieht alles anders aus. Aufgrund der Personen, die gekommen sind, und der technischen Anforderungen. Überall wurden Zwischenwände eingezogen, um aus einem Raum mehrere zu machen.
Klier: Zwischendrin wurden die Zwischenwände auch wieder rausgerissen. Es ist ein ständiger Umbau.
Stumpfhauser: Es gibt eigentlich nichts, wo man sagen kann, das ist noch, wie es war. Außer vielleicht das Foyer und der kleine Sitzungssaal.
Klier: Und meinem Büro. Da ist von den Wänden und Türen her noch nichts verändert worden. Aber es war halt früher das Vorzimmer des Bürgermeisters. Dort, wo jetzt das Trauungszimmer ist, war früher das Büro des Bürgermeisters. Die Räume im ersten Stock gehörten alle noch der LfA (Landesanstalt für Aufbaufinanzierung, Anm. d. Red.), da konnten wir also überhaupt nicht rein. Als die LfA an die Stadt verkauft hat, ist alles nach oben gekommen.
Stumpfhauser: Das musste auch so sein, weil der Stadtrat größer wurde. Der kleine Sitzungssaal hatte bis dahin gereicht, aber dann musste der große im Dachgeschoss gebaut werden. Das muss so um 1974 gewesen sein, da haben wir oben zusammen die Fußballweltmeisterschaft geschaut.

Wie viele Mitarbeiter sind denn über die Jahre hinzugekommen?

Stumpfhauser: 1972 müssen wir knapp 50 gewesen sein, heute sind es 63 (siehe Kasten, Anm. d. Red.). In der Zeit hat sich aber auch die Einwohnerzahl von 17 000 auf 26 000 erhöht.

Eigentlich müsste das Rathaus dann doch viel größer sein.

Klier: Es ist ja auch sehr eng bei uns. Man weiß schon gar nicht mehr, wo man die Leute noch unterbringen soll.
Stumpfhauser: Das Gebäude gibt die Größe vor. Es steht als einziges in Geretsried unter Denkmalschutz, da kann man nicht so einfach einen Flügel dranbauen. Auch wenn die Anforderungen steigen.

Im Keller schaut es aus wie unterm Stellwerk am Münchner Hauptbahnhof

Wie zum Beispiel?

Stumpfhauser: Wir hatten früher nie ein öffentliches WC, heute schon. Nun bekommen wir auch einen Lift. Oder in den 1990er Jahren: Da wurden die ganzen Leitungen für die EDV gelegt. Überall waren Löcher in den Wänden, in den Böden und in den Decken. Unten im Keller schaut es aus wie unterm Stellwerk am Münchner Hauptbahnhof, so dick sind die Kabelstränge.

Das heißt auch, Sie haben ganz schön viele Baustellen erlebt.

Stumpfhauser:Ja, sicherlich. Es muss ja gemacht werden.
Klier: Die einzige Reaktion, die einem das noch entlockt, ist: „Ach, bohren sie schon wieder mal?“

Ist es im Gebäude denn durch die Baustellen besser geworden?

Stumpfhauser:Ja. Durch die Aufteilung und Zuordnung auf jeden Fall. Die Ämter waren ja alle verteilt. In dem Anbau zur Graslitzer Straße war 1972 noch die Stadtkasse. Die Finanzverwaltung und Buchhaltung waren aber im ersten Obergeschoss.
Klier: Und die Steuerstelle war im Erdgeschoss.
Stumpfhauser: Es war alles zerrissen. Im Laufe der Zeit ist zusammengeführt worden, was zusammengehört.
Klier: Damals waren halt noch viele Räume anderweitig besetzt. Wo jetzt das Bauamt ist, war die Polizei. Und wo die Bautechniker sitzen, war die Bücherei.

Gehen wir nochmal zurück zu Ihrer Ausbildung: Haben Sie Ihre Klausuren im Rathaus geschrieben?

Klier: Das erste Jahr mussten wir noch nicht nach München, sondern bekamen unsere Lehrbücher geschickt, mussten unsere Aufgaben machen und zurückschicken. Und wenn gewisse Klausuren geschrieben werden mussten, wurde ich ins Trauungszimmer und der Herr Stumpfhauser in den Sitzungssaal eingesperrt.

Richtig abgeschlossen?

Stumpfhauser: Ja, richtig abgeschottet von der Außenwelt, damit wir ja keine Hilfe hatten.

Die Auszubildenden organisierten die Brotzeiten

Als Auszubildende hatten Sie auch noch eine andere wichtige Aufgabe, oder?

Stumpfhauser: Ja, am Freitagvormittag waren wir dafür zuständig, die Brotzeiten zu organisieren. Das war ganz wichtig.
Klier: Darauf hat unser Geschäftsleiter sehr geachtet. Manchmal hat er sich sogar selbst an den Wurstkessel gestellt.
Stumpfhauser:Die Erwachsenen hatten keine Zeit, also sind wir mit dem Zettel rum, wer was will. Zum Glück war gegenüber die Edeka-Filiale der Familie Tobisch.
Klier: Und wer dann Zeit hatte, konnte runter zum Wurstkessel gehen. Aber das Büro musste immer besetzt sein. 

Gibt es heute auch noch Würstel?

Klier: Nein, das gibt es nicht mehr.
Stumpfhauser: Das ist schon lange eingeschlafen, weil es von der Zeit her nicht mehr machbar ist. Ich kann nicht sagen, dass ich jetzt eine halbe Stunde nicht im Büro bin. Früher war der Andrang der Bürger noch nicht so groß.

Warum hat sich das geändert?

Stumpfhauser: Es waren weniger Einwohner, und das Anspruchsdenken der Bürger ist heute auch ganz anders. Damals sind sie aufs Amt gekommen und wollten eine Beratung. Heute kommen sie und stellen fest, dass sie den Anspruch haben und wollen, dass das funktioniert. Aber damals sind die Bürger zur Reisezeit genauso mit ihren Pässen eingefallen wie jetzt. Nur damals haben wir die Teile noch selbst schreiben müssen. Es gab eine spezielle Schreibmaschine, die eine Punktstruktur hatte, mit der man in die Ausweisvordrucke schreiben konnte. Das Gerät war nicht elektrisch, man musste es also mit Fingerkraft bedienen. Und das war nicht so einfach, man durfte sich ja nicht verschreiben. So ein Reisepass war teuer.

Früher war noch Handarbeit gefragt

Früher waren auch nicht alle Büros unten, die Parteiverkehr hatten.

Klier: Nein, das Standesamt war oben.
Stumpfhauser: Ja, das ging quer durch. Zur Stadtkasse heroben sind früher einige gegangen, weil viel bar bezahlt wurde, etwa Wasser und Kanal. Und wir haben Anfang des Monats Sozialhilfe ausbezahlt.

Weil Sie von der Schreibmaschine für Pässe erzählt haben: Das war doch sicher in allen Abteilungen ähnlich, oder?

Klier: Der Jahresabschluss wurde früher auch nicht maschinell festgestellt, alles ist per Hand eingetragen worden. Es gab eine Buchungsmaschine, in die man das Kontoblatt einlegen musste, dann wurde alles eingetippt und draufgedruckt. Jedes Konto musste per Hand abgeschlossen werden und in das Riesenbuch übertragen, die einzelnen Spalten aufaddiert werden und am Schluss musste die Summe stimmen. Bis ich fertig war, hatte ich regelmäßig eine Sehnenscheidenentzündung (lacht).

Heute ist es viel leichter.

Klier: Wobei ich das auch ganz gut fand. Heute wissen die Jüngeren gar nicht mehr, wie das alles zusammenhängt. Sie bekommen das Ergebnis aus der IT.

Was war damals noch anders?

Stumpfhauser:Es gab bis etwa 1974 noch keine Gleitzeit. Beginn war 7.30 Uhr, dann ging es bis 12.30 Uhr und nach einer Stunde Pause bis 17 Uhr. Freitag haben wir bis 15 Uhr durchgearbeitet. Es gab noch keine Stechuhr, aber sämtliche, die darauf geschaut haben, waren morgens schon da. Der Geschäftsleiter hat aus dem Fenster geschaut, wer da kommt. Und in der Mittagspause saßen wir so lange an den Eisenstangen vor dem Rathaus, bis er um die Ecke gekommen ist. Einer musste immer schauen und hat relativ laut gerufen: „Er kommt.“ Er hat es nicht so gern gesehen, wenn es nach 13 Uhr war, und das manchmal deutlich zu verstehen gegeben.

Ein Boot für die Flutwelle

Was hatte es eigentlich mit dem Boot im Rathaus-Innenhof auf sich?

Stumpfhauser: Das war ein Relikt der DLRG. Ich habe mich auch immer gewundert, warum ein Motorboot auf dem Parkplatz steht. Bis mir dann damals vom Sachbearbeiter Katastrophenschutz gesagt wurde, dieses Boot braucht die Stadt Geretsried, wenn die Staumauer des Sylvensteinspeichers gesprengt wird oder bricht. Dann steht Geretsried zwei Meter unter Wasser und wir brauchen dieses Boot zum Retten. Ich habe eingewendet, dass die Staumauer extra gebaut wurde, damit das Wasser nicht mehr über den Isardamm kommt. Aber wir hatten es für den Fall der Flutwelle da stehen.

Hätte es in dem Fall eigentlich gereicht?

Stumpfhauser:Für den Sachbearbeiter und fünf, sechs andere wichtige Persönlichkeiten hätte es gereicht. Der Rest hätte schwimmen müssen.

Und wann kam es weg?

Stumpfhauser: Als der Sachbearbeiter in Pension gegangen ist, wurde es der DLRG übergeben und bei ihr geparkt. Am See war es dann auch besser aufgehoben.

Es war also noch in Schuss?

Stumpfhauser: Das war top gepflegt. Der Außenbootmotor musste ja halbjährlich gewartet werden. Da ist der Bauhof immer zum Starnberger See gefahren, hat es zu Wasser gelassen, eine Runde gedreht und kam wieder.

" ENDE DER SERIE

sw

Lesen Sie auch:

Zuletzt gab es für die Serie „Vom Rand ins Rampenlicht“ ein Wiedersehen im Bürgermeisterbüro: Hier war einst Waldtraut Diebls Schlafzimmer

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Badehaus: Kreis lehnt Defizitausgleich ab
Der Erinnerungsort in Waldram hat inzwischen den 4000. Besucher begrüßt. Der Erfolg drückt sich allerdings nicht finanziell aus. Dem Verein fehlen rund 20 000 Euro.
Badehaus: Kreis lehnt Defizitausgleich ab
Neues Album „Blankets“: Die Ballon-Piloten suchen Unterstützer
„Balloon Pilot“ um den Münsinger Matze Brustmann bringen ihr drittes Album heraus. Einen Teil der Produktionskosten will sich die Band per Kickstarter-Projekt …
Neues Album „Blankets“: Die Ballon-Piloten suchen Unterstützer
Wolfratshausen: Bürger werfen Rettungsanker für die Surfwelle
Die Surfwelle in Wolfratshausen ist tot, es lebe die Surfwelle: Über Nacht hat ein Bürger eine Spendenaktion ins Leben gerufen - die Resonanz ist riesig.
Wolfratshausen: Bürger werfen Rettungsanker für die Surfwelle
Bürgerbegehren gegen 5G ist unzulässig
Wegen formeller und inhaltlicher Mängel hat der Gemeinderat in Icking das Bürgerbegehren „Kein weiterer Mobilfunkmast, kein 5G“ für unzulässig erklärt.
Bürgerbegehren gegen 5G ist unzulässig

Kommentare