Abgeschnitten von der Außenwelt: (v. li.) Josef Neumann, Elisabeth Neumann und Peter Schicktanz an der Brücke über den Kanal zur Ziegelei. Alle Fahrzeuge, die schwerer als sechs Tonnen sind, dürfen nicht in die Siedlung fahren. Die Anwohner wünschen sich eine Ertüchtigung.

Streitpunkt Kanalbrücke

Anwohner der Ziegelei haben gewichtiges Problem

  • schließen

Die Anwohner der Ziegelei fordern die Ertüchtigung der Kanalbrücke. Eigentlich kein unerfüllbarer Wunsch, doch weder die Stadt noch EON fühlen sich zuständig.

Gelting – Die Ziegelei ist abgeschnitten. Ob Müllabfuhr, landwirtschaftliche Fahrzeuge, Feuerwehr oder schwere Lieferwagen – alle Gefährte über sechs Tonnen Gewicht dürften streng genommen die Brücke, die zwischen Gelting und Herrnhausen über den Loisach-Isar-Kanal zur Ziegelei führt, nicht passieren. Seit Jahren kämpfen die Anwohner darum, dass die Stadt oder besser EON als Eigentümer die Brücke ertüchtigt.

Vergangenes Jahr wollten Elisabeth Neumann und Peter Schicktanz, die am Ende der Siedlung Ziegelei wohnen, ein Gartenhaus aus Fertigteilen bauen. Das Material wurde mit einem 40-Tonner angeliefert. Der Fahrer wollte verständlicherweise nicht das Risiko eingehen, über die Brücke mit einer Tonnagebeschränkung von sechs Tonnen zu fahren.

Lieferung einzeln mit Traktor geholt

Also parkte er die Ladung kurzerhand auf dem Anwesen Ambacher links vor der Brücke. „Mein Sohn hat die Einzelteile dann mit dem Traktor nach und nach geholt“, berichtet Elisabeth Neumann. Auch eine Waschmaschine, die sie bestellt hatte, wurde – zum Glück wasserdicht verpackt – bei den Ambachers zwischengelagert. Andere Anwohner haben Probleme, wenn sie bauen oder anbauen wollen, wenn Heizöl geliefert werden soll oder wenn es brennt bei ihnen.

Josef Neumann ist bei der Freiwilligen Feuerwehr Wolfratshausen. „Neulich wurden wir wegen eines Kaminbrands in der Ziegelei alarmiert. Wir haben mit unserem über zwölf Tonnen schweren Einsatzfahrzeug erst mal vor der Brücke gehalten und geschaut, ob wir wirklich zum Löschen anrücken müssen. Wir haben’s dann riskiert“, erzählt der junge Mann. Auch die landwirtschaftlichen Fahrzeuge – Traktoren mit sechs, sieben Tonnen plus Güllefass mit acht Tonnen – würden die Tonnagebeschränkung ignorieren, sagt Josef Neumann. Allerdings mit keinem guten Gefühl. „Wenn die Brücke zusammenkracht, ist derjenige schuld, der als letzter mit einem schwerem Fahrzeug drüber ist“, meint Neumann, dem ein Stall in der Ziegelei gehört.

Baugleiche Brücken haben unterschiedliche Gewichtsbeschränkungen

Ulrich Virkus lebt seit 40 Jahren in der Siedlung. „Als ich das Dach meines Hauses erneuern ließ, kam ein 13-Tonnen-Lkw zu mir hinter.“ Virkus erinnert sich, dass in den 1980er-Jahren Vibrationsfahrzeuge in der Ziegelei unterwegs waren, um nach Gas- und Öl-Vorkommen zu suchen. „Ein Mitarbeiter sagte mir, sein Wagen wiege 42 Tonnen.“

Dem Anwohner ist schleierhaft, warum die vier baugleichen Bogenbrücken des Stromerzeugers EON über den Loisach-Isar-Kanal unterschiedliche Gewichtsbeschränkungen haben. Die Brücke ein paar hundert Meter weiter Richtung Baierlach ist laut Schild zum Beispiel nur mit zwei Tonnen befahrbar. Virkus vermutet, dass das mit den Wartungsintervallen zusammenhängt: „Für je mehr Gewicht die Brücken zulässig sind, desto öfter müssen sie gewartet werden.“ Viele Fahrer haben Respekt vor der Beschränkung. Die Müllabfuhr zum Beispiel sammelt mit einem kleineren Transporter die von den Anwohnern vor die Tür gestellten Abfallsäcke ein. „Dass wir Plastiktüten statt Mülltonnen haben, ist kein Problem. Uns stört vielmehr, dass nach einem Sturm die Kehrmaschine der Stadt Geretsried nicht sauber machen kann und dass Transporte zu uns so schwierig sind“, sagt Peter Schicktanz, der Lebensgefährte von Elisabeth Neumann.

Stadt wollte Brücke nicht kaufen

Auch für den Geltinger Stadtrat Franz Wirtensohn kann die Tonnagebeschränkung kein Dauerzustand sein. Er sieht den Erbauer der Brücke, den Stromerzeuger EON in der Pflicht, sie zu ertüchtigen, damit schwere Verkehrsmittel sie ganz offiziell passieren können. Vor rund 15 Jahren habe EON der Stadt die Brücke einmal zum Kauf angeboten, erinnert sich der Stadtrat. Die Kommune lehnte ab. Eine Aufrüstung, so hatte man ausgerechnet, würde rund 650.000 Euro kosten. „EON profitiert schließlich finanziell durch den im Walchenseekraftwerk erzeugten Strom“, sagt Wirtensohn. Also solle das Unternehmen auch für die Verstärkung oder einen Neubau der Brücke aufkommen.

Virkus hat eine andere Idee. Ein unabhängiger Ingenieur könnte im Auftrag der Stadt prüfen, wie groß die tatsächliche Tragfähigkeit des Bauwerks sei, schlägt er vor. Bisher hat die Stadt nicht eingesehen, irgendwelche Kosten zu übernehmen – und EON stellt sich ebenfalls stur. 

Betreiber: „Wir können eine Aufrüstung nicht finanzieren“

Die Brücke aus Beton wurde 1921 errichtet. Damals wurde das Walchenseekraftwerk gebaut und EON schuf mit dem Loisach-Isar-Kanal einen Entlastungskanal für die Loisach. Da mit dem Bau des Kraftwerks zusätzlich Wasser aus dem Flusssystem der Isar in den Kochelsee und damit in die Loisach gelangte, stieg das Hochwasserrisiko für die Stadt Wolfratshausen. Um die anfallenden Wassermassen des Kraftwerks an der Stadt vorbeizuleiten, wurde der Loisach-Isar-Kanal errichtet. Er wird bei Beuerberg aus der Loisach ausgeleitet und verläuft auf den ersten acht Kilometern parallel zum Fluss. Südlich von Wolfratshausen wendet sich der Kanal nach Osten und mündet nach einer Gesamtlänge von etwa 10,5 Kilometern in die Isar. Die Brücken unterhält heute das Unternehmen Uniper im Auftrag der Bayernwerk AG, einer hundertprozentigen Tochter von EON. Uniper-Pressesprecher Theodorus Reumschüssel macht gegenüber unserer Zeitung deutlich: „Wir können eine Aufrüstung nicht finanzieren.“ Allein an der Isar unterhalte seine Firma 60 Übergänge. Es sei nicht die Pflicht von Uniper, Brücken zu ertüchtigen. Reumschüssel verweist auf die beiden alternativen Wege zur Ziegelei. Von Wolfratshausen kommend gebe es am Ortseingang von Gelting eine Zufahrt über einen Wirtschaftsweg. Dasselbe sei bei Baierlach in der Gemeinde Eurasburg der Fall. Die Schlüssel für die beiden Schranken könnten angefordert werden. „Das ist eine pragmatische Lösung für alle Fahrzeuge über sechs Tonnen“, sagt Reumschüssel. Anwohner Peter Schicktanz bestätigt, dass solche Ausnahmegenehmigen schon erteilt worden seien. „Aber als Lösung würde ich das nicht bezeichnen. Die Wege sind beliebt bei Spaziergängern und Radfahrern und eigentlich nicht für tonnenschwere Fahrzeuge gedacht.“

Tanja Lühr

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Großeses Interesse: Integrationshilfe in fünf Sprachen
Wie findet man eine Wohnung? Wer darf mein Kind aus dem Kindergarten abholen? Die städtische Asylkoordinatorin gab den Flüchtlingen, die in Geretsried untergebracht …
Großeses Interesse: Integrationshilfe in fünf Sprachen
Missionskreis erwirtschaftet fast 8500 Euro für Schulprojekt und Suppenküche
Einzelne können viel bewirken: Das zeigt der Missionskreises im Pfarrzentrum Heilige Familie. Allein durch Handarbeit erreichten die Damen eine Spendensumme, mit der sie …
Missionskreis erwirtschaftet fast 8500 Euro für Schulprojekt und Suppenküche
Kunstmeile Wolfratshausen: Werbekreis lädt zur „Late Night“ 
Die Vorfreude bei den Organisatoren ist groß, die Wetterprognosen stimmen sie zusätzlich optimistisch: Am kommenden Freitag startet die Kunstmeile in Wolfratshausen.
Kunstmeile Wolfratshausen: Werbekreis lädt zur „Late Night“ 
Gemeinderat wehrt sich gegen weitere Funkmasten
Zwei Funkmasten sind genug, findet der Eurasburger Gemeinderat. In seiner Sitzung sprach er sich gegen die Errichtung weiterer Mobilfunkanlagen an der Autobahn aus.
Gemeinderat wehrt sich gegen weitere Funkmasten

Kommentare