Der alte Karl-Lederer-Platz war für Noppes das Zentrum Geretsrieds. 
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Der alte Karl-Lederer-Platz war für Noppes das Zentrum Geretsrieds. 

GRETSRIEDER LEBENSLINIEN

Ein Mann voller Ideen: Architekt Fritz Noppes hat die Stadt geprägt wie kaum ein anderer

Architekt Fritz Noppes hat die Stadt geprägt wie kaum ein anderer. In der Reihe „Geretsrieder Lebenslinien“ stellen wir seine Arbeit vor.

Geretsried/Degerndorf – Fritz Noppes (1895-1982) war der erste Geretsrieder Stadtarchitekt. Viele seiner Pläne blieben Visionen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwarf er zum Beispiel eine Siedlung für rund 6000 Heimatvertriebene nordwestlich der Blumenstraße. An der Isar schwebten ihm 482 Häuser mit einem Strandbad vor. Auch eine Filmstadt konnte er sich an Stelle der ehemaligen Rüstungswerke und Bunker vorstellen. Eine „harmonische Idealstadt“ sollte Geretsried werden, so beschrieb er es in einem Aufsatz. Doch dies alles wurde – auch mangels Geld – nie verwirklicht. Hunderte anderer Entwürfe aber schon.

Ein Bild aus alten Tagen: Der Geretsrieder Stadtarchitekt mit seinem Sohn gleichen Namens.

Im November 1949 erstellte Fritz Noppes für das kurz vor der Gemeindegründung stehende Geretsried einen „Wirtschaftsplan“, einem heutigen Flächennutzungsplan ähnlich. Die Kosten für den Plan wurden vom Landesamt für Vermögensverwaltung und Wiedergutmachung getragen, unter dessen Verwaltung das Gelände der ehemaligen Rüstungswerke seinerzeit stand. Zwischen Noppes und Bürgermeister Karl Lederer und dem Gemeinderat kam es in dieser Zeit wiederholt zu kontroversen Diskussionen, wie der ehemalige langjährige Bauamtsleiter Jochen Sternkopf in der Geretsrieder Chronik „Eine Doppelschwaige wird Stadt“ schreibt.

uch an der Gestaltung des Karl-Lederer-Platzes und des Neuen Platzes war er beteiligt

Während Noppes Häuser in den beiden vorhandenen Zentren der Rüstungswerke DAG und DSC plante, wollte die Gemeinde ein einziges Zentrum im Bereich der Tattenkofener Straße etablieren. Der Landrat unterstütze die Kommune, die Oberste Baubehörde jedoch vertrat die Meinung des Architekten. So kam es, dass Geretsried bis heute keinen echten Ortskern besitzt, wenn auch der Karl-Lederer-Platz und die Egerlandstraße mittlerweile unbestritten das Herzstück darstellen.

Nicht nur wegen seiner beruflichen Fähigkeiten, auch wegen seiner klaren Vorstellungen und seiner Geradlinigkeit war Fritz Noppes höchst anerkannt bei den damaligen Stadtvätern. Ab 1956 leitete er als freier Mitarbeiter die „Ortsplanungsstelle“, die in etwa den Status eines Gemeindebauamts besaß. Bis 1976 hatte er sein Büro im Rathaus. Dort zeichnete er seine Gebäude, wie die jetzt abgerissenen Blöcke an der Egerlandstraße, das ganze Wohngebiet rund um den Marienburgweg, Teile des Blumenviertels, Sportplätze und das Hallenbad an der Jahnstraße. Auch an der Gestaltung des Karl-Lederer-Platzes und des Neuen Platzes war er beteiligt.

Vater und Sohn: Der Degerndorfer Fritz Noppes mit einem Bild seines Vaters. Beide haben noch gemeinsame Projekte verwirklicht. 

„Mein Vater legte Wert auf Funktionalität“, sagt sein Sohn Fritz Noppes junior (81), der in Degerndorf lebt. Dem Architekten sei es wichtig gewesen, Wohnraum für die Menschen zu schaffen, und das am besten in der Nähe ihrer Arbeitsplätze. Er habe eng mit der Baugenossenschaft zusammengearbeitet, deren Mitinitiator er war. Nachdem es zunächst in erster Linie darum gegangen war, den Heimatvertriebenen ein Dach über dem Kopf zu geben, plante Noppes ab den 1960er Jahren optisch ansprechendere Häuser und Wohnungen für die zu ein wenig Wohlstand gelangten Bürger.

„Er war ein Ästhet“

Architektonische Aushängeschilder musste der aus Reichenberg im Sudetenland stammende, studierte Architekt, der beide Weltkriege miterlebt und mit Glück unbeschadet überstanden hatte, nicht mehr vorweisen. Zusammen mit seinem Architektenkollegen Josef Effenberger hat er in den 1920er Jahren die „Städtischen Lichtspiele“ in Reichenberg geplant, das spätere Kino Varsava im Art-deco-Stil mit über 600 Sitzplätzen, sowie zahlreiche repräsentative Villen und Häuser. „Er war ein Ästhet. Auch in Geretsried wollte er bei aller Funktionalität nie nur etwas Praktisches, Billiges, sondern etwas, worin sich die Menschen wohlfühlten“, sagt sein Sohn.

Noppes junior und seine Schwester Barbara Wiedemann-Noppes erzählen, dass sie den Vater selten entspannt und in Muße erlebt hätten. Er habe bis zwei Uhr nachts gearbeitet, entweder in Geretsried oder an seinem Schreibtisch im Ickinger Wohnhaus der Familie. Der Degerndorfer hat schöne Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in Geretsried. Seine erste Erfahrung sei allerdings ein Schock gewesen, sagt er. Als etwa Zehnjähriger habe er mit seinem Vater das Barackenlager auf der Böhmwiese besucht: „Dort lebten ganze Familien auf fünf mal fünf Metern zusammengepfercht“, erzählt er.

Fritz Noppes senior starb 1982 im Alter von 87 Jahren

Als Jugendlicher habe er sich als Balljunge auf dem Tennisplatz des TC Geretsried am Isardamm sein Taschengeld verdient – 50 Pfennig gab es von jedem Spieler. Von diesem Geld kaufte sich Fritz Noppes junior bei der Firma Gänßbauer Holzbau Material, um Modellflugzeuge zu bauen. Sein Eindruck von Geretsried war sehr gut. „Die Menschen in erschienen mir immer sehr offen. Ich hatte nie den Eindruck, dass die Jugendlichen, mit denen ich zusammen war, sich als zukünftige Unternehmer sahen, auch wenn die Eltern Firmen aufgebaut oder wiederaufgebaut hatten.“

Ein Projekt haben Vater und Sohn in den 1970er-Jahren sogar zusammen verwirklicht. Fritz Noppes junior baute als studierter Maschinenbauer zusammen mit der Firma Filigran Bau die Hubbühne im Hallenbad ein, die es ermöglicht, den Nichtschwimmerbereich vom Schwimmerbereich durch Anheben des Bodens abzutrennen.

Fritz Noppes senior starb 1982 im Alter von 87 Jahren nach einem erfüllten Leben. Seine Frau Trude – auch sie eine künstlerisch begabte Ästhetin – folgte ihm 2005 mit 93 Jahren.

Tanja Lühr

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