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Auf den Tisch statt in die Tonne: Verein verkauft gerettete Lebensmittel

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Von: Doris Schmid

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Zu schade für die Tonne: Diese bunte Mischung aus Obst und Gemüse packte Harry Gruber vor Weihnachten in die Tüten.
Zu schade für die Tonne: Diese bunte Mischung aus Obst und Gemüse packte Harry Gruber vor Weihnachten in die Tüten. © Sabine-Hermsdorf-Hiss

Der Münchner Harry Gruber rettet Obst und Gemüse mit kleinen Fehlern vor dem Entsorgen. Wöchentlich werden damit Privathaushalte beliefert - auch in Wolfratshausen, Geretsried und Bad Tölz.

Geretsried/Wolfratshausen – Alles begann 2020 mit einem Spaziergang über das Gelände der Großmarkthalle in München. Der Blick von Harry Gruber blieb an einem riesengroßen Abfallbehälter hängen. „Dort stand ein ganzer Container voller Mangos“, erzählt der 54-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Diese Früchte einfach so wegwerfen? Ein Unding in seinen Augen. Gruber beschloss, Obst und Gemüse mit kleinen Fehlern vor dem Entsorgen zu retten und Privathaushalte damit zu beliefern. Seine Idee ging auf.

Im Februar 2021 wurde der Verein „Grüne Tomaten Food Rescue“ gegründet. Der Jahresbeitrag liegt bei 24 Euro. Dafür bekommen Mitglieder einmal in der Woche die sogenannte „Rescue-Bag“ mit Obst und Gemüse für zehn Euro nach Hause geliefert (Nicht-Mitglieder bezahlen 14 Euro). „Wir fragen einen Tag vor der Lieferung über WhatsApp, ob man eine Bestellung möchte“, erklärt der ehemalige Küchenchef das Prinzip. Bezahlt werde bei Lieferung in bar.

Verein hat über 300 Mitglieder

Anfangs seien es nur wenige Tüten gewesen, die er verteilte, berichtet der Münchner. Doch die Nachfrage sei rasant gestiegen. „Mittlerweile haben wir über 300 Mitglieder, fünf ehrenamtliche Mitarbeiter und 1300 Abonnenten auf Facebook“, freut sich der Geschäftsführer des Vereins. Nicht nur Privatpersonen unterstützen seine Idee. Auch Gastronomen würden mitmachen und einen Teil der Ware abnehmen. Diese stammt Gruber zufolge aus dem Großhandel sowie von Erzeugern und nicht aus Supermärkten. „Wir bekommen Ware mit kleinen Fehlern, die eigentlich an den Erzeuger zurückgehen soll“, erklärt der gelernte Koch. Eine Palette mangelhafter Mangos nach Brasilien zurückschicken? Das sei nicht wirtschaftlich. Auch Ware, deren Verpackung beschädigt ist, weil beispielsweise ein Stapler die untersten Kisten auf einer Palette aufgerissen hat, kauft Gruber auf. Oder Tomaten, die Frost abbekommen haben. „Daraus kann man immer noch eine Tomatensoße kochen.“ Im Werksviertel in München hat der Verein seine Dependance, wo die Lebensmittel bis zur Verteilung zwischengelagert werden.

Liefertouren in und um München

Beliefert werden neben der Landeshauptstadt auch zahlreiche Orte rund um München: So stehen am Dienstagvormittag Wolfratshausen, Gelting und Geretsried auf der Route, am Samstagvormittag geht’s nach Bad Tölz. Ausgefahren werden die Tüten mit Fahrzeugen mit Verbrennermotoren. Gruber wünscht sich einen Partner an seiner Seite, mit dem er seinen Fuhrpark auf E-Mobilität umstellen kann.

Stellt sein Verein eine Konkurrenz zu den Tafeln dar, die gespendete Lebensmittel – unter anderem auch auf dem Gelände der Großmarkthalle – an Bedürftige verteilen? Diese Kritik habe er schon öfter gehört, räumt Gruber ein. Doch die Intention seines Vereins sei eine andere. Er bekomme die Ware nicht umsonst. „Und die Großhändler geben ihre Spenden ja trotzdem an die Tafeln ab.“

Ernährungskunde an Schulen

Am liebsten wäre es ihm, wenn es erst gar nicht so weit kommt, dass Lebensmittel in diesen rauen Mengen übrig bleiben. Deshalb verfolgt der Münchner mit seinem Verein große Ziele: Dem 54-Jährigen schwebt eine Ernährungskunde an den Schulen vor, um schon Kinder für Lebensmittelverschwendung zu sensibilisieren. Massentierhaltung sollte besteuert und die Schlachtung auf der Weide gefördert werden. Und eine Gesetzesänderung zur Haftungsbeschränkung für abgelaufene und überschüssige Ware, wie es bereits in Frankreich und Tschechien durchgesetzt wird, wünscht er sich.

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Grubers Traum ist ein Supermarkt, der ausschließlich mit gentechnikfreien Waren und Fair-Trade-Produkten bestückt ist. „Es gibt halt dann nur eine Kaffee-Sorte, und nur einmal in der Woche Fleisch. Das aber von einem gescheiten Bauern.“

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