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Wie ein Sonnenstrahl das Leben junger Menschen erwärmen: Dieses Ziel hat sich Irina Pfafenrod gesetzt. Seit 18 Jahren arbeitet sie im Jugendtreff Ein-Stein.

„Folge deinem Traum, und er wird sicherlich wahr werden.“

Aus Russland nach Stein: Das ist die Geschichte von Irina Pfafenrod

Wie und warum sind sie nach Geretsried gekommen? All das erzählen Menschen aus dem Stadtteil Stein in der Broschüre „Geschichte(n) in Stein geschrieben“. Heute: die Lebensgeschichte von Irina Pfafenrod, aufgeschrieben von Liliia Shevchuk.

Geretsried – Das Leben von Irina Pfafenrod ist beachtenswert: Trotz immer wiederkehrender Schwierigkeiten gibt sie ihre Träume nicht auf und folgt mit Optimismus und Entschiedenheit dem eingeschlagenen Weg.

Von der Nationalität her ist Irina Deutsche. Ihre Vorfahren großmütterlicherseits, die zwei Brüder Jakob und Alexander Schumacher, wanderten zirka im Jahr 1760 aus Deutschland (Baden) in die Ukraine, ins Odessa-Gebiet, aus. Nach einiger Zeit zogen sie weiter nach Kasachstan, wo sie große Grundstücke geschenkt bekamen und damit anfingen Pferde zu züchten.

Mit Fleiß und Beharrlichkeit brachten sie ihren Betrieb sehr schnell zur Blüte. In der Nachbarschaft war der Bauernhof Schumacher bald sehr bekannt. Gute zwei Jahrhunderte später, in den 30erJahren des 20. Jahrhunderts, wurde mit dem Aufkommen des Kommunismus und im Zuge der Entkulakisierung – der Repressionskampagne gegen die wohlhabenden Bauernfamilien – das gesamte Eigentum der Familie verstaatlicht.

Geschichte(n) in Stein geschrieben: In der Broschüre des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit Geretsried kommen Stadtteilbewohner zu Wort.

Dieses Schicksal traf alle Deutschen, die in Kasachstan lebten. Manchen wurden ihre Häuser beschlagnahmt und sie waren gezwungen, bei Verwandten oder Bekannten unterzukommen. Auch wurden sie dazu gezwungen, in den Kolchosen – den landwirtschaftlichen Großbetrieben, die genossenschaftlich geführt wurden – zu arbeiten.

Das im Gebiet Pawlodar liegende Dorf Nowo-Iwanowka, in dem Irinas Großeltern lebten, befand sich unter deutscher Selbstverwaltung; ab 1941 war es verboten, das Dorf zu verlassen. Nicht einmal in medizinischen Notfällen durften die Menschen Hilfe holen, was nicht selten tödliche Konsequenzen nach sich zog. Besonders die Kinder litten unter diesen Zuständen.

Aufgrund dieser rigorosen Reglementierungen wuchs der Widerstand gegen und schwand die Identifikation der Dorfbewohner mit dem Deutschtum. Das örtliche Bleibe-Gebot wurde erst 1957 aufgehoben. Von diesem Moment an durften die Menschen nach eigenem Belieben über ihren Wohnort entscheiden. Doch es bestand mittlerweile keine Verbindung mehr mit dem Deutschen, zu sehr wurde es in der Nachkriegszeit zum Stigma.

Irinas Eltern wuchsen in diesem Dorf auf und lernten sich 1965 kennen. Sie verliebten sich und beschlossen zu heiraten – trotz des eigentlichen Widerstands und der Unzufriedenheit ihrer Eltern. Sie zogen nach Zhetysay in Usbekistan und fingen dort ein neues, unabhängiges Leben an. Dort kam Irina am 25. Juni 1966 zur Welt und verbrachte ihre ersten sechs Kindheitsjahre.

Das Leben in Russland war schwierig

Von Usbekistan zog 1972 die Familie nach Kasachstan in das Dorf Nowo-Iwanowka zurück und 1976 nach Nowowarschawsk im Gebiet Omsk, bevor sie 1997 in die Heimat ihrer Vorfahren nach Deutschland auswanderte. Diese Entscheidung wurde im Familienrat getroffen. Die Idee kam von Irinas Mutter. Ihre Schwester lebte schon seit 1991 in der „historischen Heimat“ und sie überzeugte Irinas Mutter, diesen Schritt ebenfalls zu wagen.

Das Leben in Russland war zu dieser Zeit sehr schwierig: Gehälter und Renten wurden nicht bezahlt, die Kriminalitätsrate war gestiegen, die Menschen lebten in Unsicherheit und hatten keine Ahnung, was gerade politisch geschieht und was als nächstes passieren wird. Darüber hinaus herrschte im Land der Tschetschenienkrieg.

Irina selbst hatte zu diesem Zeitpunkt schon drei Kinder, drei Jungs. Sie wollte die Kinder vor einer möglichen Kriegserfahrung schützen, sodass der Entschluss zur Auswanderung schnell und einhellig gefasst wurde. Auf eine Einreiseerlaubnis aus Deutschland mussten sie nur eineinhalb Jahre lang warten, was angesichts der üblichen Wartezeiten überaus kurz war. Zügig brachen sie auf und zogen um: Irinas Mutter, Melita Springer (Schumacher), Irinas Vater, Iwan Springer, und Irina mit ihrem Ehemann und den drei Kindern.

Das Leben begann praktisch aufs Neue

Die Eingewöhnung und Anpassung an das Leben in Deutschland verlief für jedes Familienmitglied unterschiedlich. Für den einen war es leichter, für den anderen schwieriger, seinen Platz zu finden: Das Leben begann praktisch aufs Neue. Die Familienmitglieder besuchten Kurse und lernten Deutsch. Irinas Ehemann fand sehr schnell einen Job in einem Unternehmen, bei dem er bis heute beschäftigt ist. Die Kinder gingen zur Schule und fanden rasch Anschluss an Altersgenossen.

Irina sprach bereits nach drei Jahren Leben in Deutschland fließend Deutsch. Die Sprache war ihr vertraut, noch zu Hause in Russland hörte sie Deutsch bei der Großmutter. Als die Familie ins Gebiet Omsk umzog, beschlossen Irinas Eltern, kein Deutsch mehr zu sprechen, sondern nur die russische Sprache beizubehalten. Sie wollten die Tochter vor möglichem Spott und Feindseligkeiten der Altersgenossen schützen. Zwei Mädchen aus Irinas Klasse beispielsweise hatten ihre Väter im Zweiten Weltkrieg verloren und waren dementsprechend negativ gegenüber allem Deutschen eingestellt.

Nachdem sie in Deutschland angekommen war, dachte Irina auch darüber nach, welche Richtung sie ihrem beruflichen Leben geben kann. Das in der Sowjetunion erlangte Diplom der Telegrafistin wurde in Deutschland nicht anerkannt. Das betrübte sie aber nicht: Noch in Russland wurde ihr klar, dass die jugendliche Berufswahl spontan und unüberlegt erfolgt war. Monotone Arbeit ohne lebhafte Kommunikation langweilte und deprimierte sie. In Gedanken kehrte sie ständig zu ihrem Kindheitstraum zurück – sie wollte Pädagogin werden und wie ein Sonnenstrahl das Leben eines jeden jungen Menschen in ihrer Umgebung beleuchten und erwärmen.

Irina Pfafenrod sehnte sich nach einer echten Berufung

In Deutschland konnte man zwar schnell eine Arbeit finden, aber Irina wollte eine Aufgabe, die sie persönlich erfüllt, und die ihr nicht nur materielle Befriedigung verschafft, sondern auch moralische Befriedigung bringt. Sie sehnte sich nach einer echten Berufung.

Schon immer beobachteten all ihre Bekannten mit Erstaunen, wie leicht es ihr gelang, eine gemeinsame Sprache mit ihren drei Söhnen und deren Freunden, die immer zahlreich das Haus füllten, zu finden. Ebenso leicht fiel es ihr, das Interesse der Kinder und der Jugendlichen für unterschiedliche Themen und Beschäftigungen zu wecken.

Mit der Zeit nahm die Verwirklichung ihres Traums immer konkretere Formen an. Mittlerweile arbeitet sie seit 18 Jahren als Pädagogin im Jugendtreff Ein-Stein im Stadtteil Stein. Auch wenn sie von Beginn an hinsichtlich ihrer pädagogischen Fähigkeiten ein Naturtalent war, verbrachte sie viel Zeit, ihre Fertigkeiten und Kenntnisse ständig zu verbessern. Sie besuchte verschiedene Kurse, bildete sich fort und hört auch heute nicht auf, durch Weiterbildungen ihre pädagogischen Kompetenzen zu perfektionieren.

Die Kinder des Jugendtreffs wachsen auf, werden zu Erwachsenen, und an ihre Stelle treten neue Kinder. Die Zeiten ändern sich, die Bedürfnisse und Interessen der Kinder ebenfalls, und es ist sehr wichtig, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten. Aber Irina gelingt dies spielend – sie fand sich selbst in der Jugendarbeit wieder. Und wenn sie heute jemand fragt, wie man seine Berufswahl trifft, gibt sie als Antwort: „Die Arbeit, was auch immer sie sein mag, soll die Seele freuen und der Gesellschaft nützlich sein. Folge deinem Traum, und er wird sicherlich wahr werden.“

Über diese Serie

Dieser Text stammt aus der Broschüre „Geschichte(n) in Stein geschrieben“, die im Rahmen des internationalen Förderprogramms „Actors of Urban Change“ entstanden ist. Der Trägerverein Jugend- und Sozialarbeit sowie die Stadt haben ihn freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

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