Weitgehend isoliert sind Jugendliche aufgrund der Corona-Pandemie. Statt realer Begegnungsorte bleibt fast nur das Smartphone.
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Weitgehend isoliert sind Jugendliche aufgrund der Corona-Pandemie. Statt realer Begegnungsorte bleibt fast nur das Smartphone. 

„Unabdingbar, Jugendlichen zeitnah wieder einen sicheren Ort anzubieten“

Jugendtreffs wegen Corona geschlossen: Sozialarbeiter sind besorgt

Jugendtreffs sind wegen der Corona-Pandemie weiterhin geschlossen. Statt realer Begegnungsorte bleibt fast nur das Smartphone. Sozialarbeiter sind besorgt.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Beschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus werden zunehmend gelockert. Außen vor sind allerdings weiterhin Jugendhäuser. Das bayerische Innenministerium zählt sie zu Freizeiteinrichtungen, als solche sind sie seit Mitte März geschlossen. Das gilt auch für die Jugendtreffs im Landkreis: das La Vida in Wolfratshausen, das Tölzer Jugendcafé, das Jugend- und Bürgerhaus im Lettenholz, das Ein-Stein und der Saftladen in Geretsried sowie der Don-Bosco-Club in Benediktbeuern. Die Betreiber dieser Begegnungsorte für Heranwachsende hängen in der Luft. Niemand sagt ihnen, wann und wie es für sie weitergeht.

„Zäh“ nennt der Geschäftsführer des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit Geretsried diese Situation. Es sei „unabdingbar, Jugendlichen zeitnah wieder einen sicheren Ort anzubieten“, fordert Rudi Mühlhans. Jugendliche dürften wieder „in die Schule gehen und sonst nichts“, kritisiert er. Das hat Mühlhans auch dem Ministerpräsidenten in einem Brief geschrieben. Eine Antwort habe er jedoch nicht bekommen.

Auch Max Aichbichler, der das Jugendhaus La Vida in Wolfratshausen leitet, hat das Gefühl, „dass die Jugendarbeit vergessen wird“. Er hätte sich gewünscht, noch vor den Pfingstferien wieder öffnen zu können, stellt sich aber darauf ein, dass es noch länger dauert. Ihn ärgert, dass das La Vida mehr als Freizeiteinrichtung denn als Jugendhilfeeinrichtung gesehen werde. „Die Jugendlichen kommen hier nicht nur rein, um Billard zu spielen“, stellt Aichbichler klar.

Jugendliche bräuchten Kontinuität und einen Ausgleich zu Schule und Druck, sagt Biene Maier vom Don-Bosco-Club in Benediktbeuern. „Räume, wo sie Jugendliche sein können, wo sie Ansprechpartner haben, die sich nicht aufdrängen, und sozialen Kontakt zu Jugendlichen in der Gruppe.“ Der Don-Bosco-Club prüfe gerade, ob es perspektivisch möglich wäre, wieder Kleingruppen einzulassen. „Das wäre ein Anfang“, so Maier.

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Das Team der Tölzer Jugendförderung „arbeitet im luftleeren Raum“, berichtet Rathaussprecherin Birte Otterbach. Da es keine Handreichung für eine Exit-Strategie gebe, würden sich die Mitarbeiter auf das vorbereiten, was kommen kann. „Man rechnet mit einem beschränkten Betrieb, daher werden die Räume dementsprechend vorbereitet und ein Hygienekonzept erarbeitet.“ Angedacht seien außerdem digitale sowie aufsuchende Jugendarbeit und ein Angebot zur Nachhilfe. „Die Arbeit wird sich ändern, aber sie wird nicht weniger“, so Otterbach.

Auch wenn die Jugendtreffs im Landkreis seit Wochen geschlossen sind, drehen die Mitarbeiter dort aktuell nicht Däumchen. Die Tölzer engagieren sich im Einkaufsservice, haben Online-Sport-Angebote organisiert und einen Kreativwettbewerb ausgerufen, zählt Otterbach Beispiele auf.

Viel Büroarbeit ist derzeit in Wolfratshausen angesagt. Außerdem versucht das La Vida, mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben und nutzt dafür die sozialen Medien. „Auf Instagram sind viele unterwegs, unsere Beiträge dort werden gesehen und geliked“, berichtet Aichbichler.

Auch der Don-Bosco-Club nutzt den digitalen Raum, solange der Treff im Benediktbeurer Kloster zu hat. Das Angebot werde angenommen. Da es Don-Bosco-Digital aber erst zwei Wochen gibt, sei natürlich noch Luft nach oben, sagt Maier. Es sei zwar keine wirkliche Alternative zum offenen Treff. „Aber besser als nichts.“

Mühlhans betrachtet die Entwicklung, Jugendliche nur noch über soziale Medien ansprechen zu können, mit Skepsis. „Sonst kritisieren wir, dass Jugendliche so viel in der digitalen Welt unterwegs sind, und jetzt forcieren wir es“, sagt der Geschäftsführer des Trägervereins in Geretsried. Mühlhans setzt vielmehr auf die mobile Jugendarbeit. „Wir prüfen, wie wir draußen stark präsent sein können.“ Außerdem rüstet sich das Geretsrieder Team für das restliche Jahr. Es habe freiwillig zwei Wochen Urlaub vorgezogen und plane längere Ferienpass-Angebote. Wenn Eltern im Sommer arbeiten müssen, weil sie jetzt zur Betreuung ihrer Kinder daheim waren, will der Trägerverein für die Familien da sein.

sw

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