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Bürogemeinschaft: (v. li.) Andreas Wagner, Bundestagsabgeodneter der Linken, mit seinen Mitarbeitern Ingeborg Kaiser-Podlewski und Erich Utz im Geretsrieder Wahlkreisbüro. 

Politik geht nicht mit links

Besuch in Andreas Wagners Geretsrieder Wahlkreisbüro 

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Wir besuchten Andreas Wagner in seinem  Wahlkreisbüro. Bei dieser Gelegenheit sprach der Linken-Bundestagsabgeordnete auch über seine gesundheitliche Krise im vergangenen Herbst.

Geretsried – Die Farbe Rot ist in Andreas Wagners Wahlkreisbüro gar nicht so präsent, wie man es für einen Politiker der Linken erwarten würde. Eine Fußmatte, eine kleine Sitzgruppe, ein paar Plakate und Accessoires stechen rot heraus – das war’s. Ansonsten hat sich der Bundestagsabgeordnete aus Geretsried für ruhige Töne entschieden – Tische und Stühle sind weiß, der Boden in heller Holzoptik gehalten.

Die Räumlichkeiten am Kirchplatz 14 spiegeln Wagners Persönlichkeit wider: Er ist kein Poltergeist, spricht mit sanfter Stimme, wählt seine Sätze mit Bedacht. Doch ein Leisetreter ist Wagner nicht. Er möchte „Impulse geben“. Als Verkehrsexperte der Linken-Fraktion in Berlin äußert er sich zu Themen wie den Ausbau des Personennahverkehrs oder die Einführung von Abbiege-Assistenten für Lkw. Mit Hartnäckigkeit, glaubt er, kann erim Politapparat Bundestag „durchaus Akzente setzen“.

Am Tag unseres Besuchs in der Geretsrieder Linken-Zentrale herrscht kein Parteiverkehr. Wagner ist gerade dabei, mit seinen Mitarbeitern Ingeborg Kaiser-Podlewski und Erich Utz das Büro neu zu strukturieren. „Seit Mitte September war es geschlossen“, sagt der 46-Jährige, „nur ich habe hier ein paar Arbeiten erledigt.“ Mit Utz, seit 1. Februar an Bord, und Kaiser-Podlewski – sie komplettierte das Team am 1. März – möchte Wagner die Öffnungszeiten „nach und nach erweitern“. Mittwochs von 15 bis 18 Uhr steht das Büro allen offen, zudem bietet er Sprechstunden nach Terminvereinbarung an.

Doch auch so hat der Geretsrieder ein Ohr am Puls seines Wahlkreises, redet vor Ort mit den Menschen. Die Wohnungsnot sei ein beherrschendes Thema, auch der Fachkräftemangel, sagt er. „Und erst diese Woche habe ich ein Gespräch geführt, in dem es um die Finanzierung eines Studienplatzes mit dem Schwerpunkt Bezugsdauer des Kindergelds ging.“ Die Leute kommen meist mit sehr persönlichen Anliegen zu „ihrem“ Bundespolitiker – „und sie erhoffen sich, dass ich weiterhelfen kann“. Seit knapp eineinhalb Jahren vertritt der gelernte Heilerziehungspfleger die Interessen seines Wahlkreises in der Bundeshauptstadt. In dieser Zeit ist ihm „vieles klarer geworden, aber vieles habe ich auch noch zu lernen“; zum Beispiel achtsam mit sich selbst umzugehen. Mitte November stand Wagner „kurz vor einem Burn-out“, weil er zu rasch zu viel – nein alles – wissen, aufsaugen und vor allem erreichen wollte. „Man hat aber gar nicht die Zeit, sich in jedes Thema einzuarbeiten, selbst wenn man wollte. Der Tag hat halt nur 24 Stunden.“ Wie im Hamsterrad fühlte er sich bald. „Irgendwann habe ich nur noch funktioniert, ohne das Gefühl zu haben, etwas bewirken zu können.“ Frust und das Gefühl von Ohnmacht kulminierten eines Morgens in einem Weinkrampf. Wagner ging zur Parlamentsärztin. Die nahm ihn sofort raus aus dem Politbetrieb.

Eine Kurzzeittherapie im Harz ließ den Geretsrieder zur Ruhe kommen, gab ihm Zeit zur Reflexion – und Instrumente an die Hand, mit deren Hilfe sich solche Stressmomente künftig vermeiden oder rechtzeitig erkennen lassen. „Man entwickelt im Laufe der Zeit ja Verhaltensmuster und Glaubenssätze. An die muss man letztlich ran und sich hinterfragen, ob sie in jeder Lebenssituation funktionieren“, sagt Wagner, der mit seiner Krise über seinen Social-Media-Kanal sehr offensiv umging.

Als bürgernaher Abgeordneter, der er sein möchte, beantwortete der 46-Jährige anfangs jede schriftliche Anfrage selbst, besuchte Termine meist persönlich. Nun musste und muss er immer noch lernen zu selektieren, zu delegieren, „den Mut zur Lücke“ zu haben und nach einem 13-Stunden-Tag zu sagen: „So Feierabend, ich gehe jetzt ins Kino oder etwas essen.“

Ein Rückzug aus der Politik stand für den dreifachen Vater – auch nach Rücksprache mit seiner Familie – aber nicht zur Debatte. Wagner „möchte weiterhin Politik machen. Ich muss aber meinen Weg finden, wie ich etwas bewegen kann, ohne mich aufzuarbeiten.“

peb

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