Echte Handarbeit: Mitarbeiter von Böhm & Meinl beim „Abputzen“ von Lötstellen. Erst wenn das erledigt ist, kann das Instrument poliert werden.

Geretsrieder Wirtschaftswunder

Böhm & Meinl produzierte Sousaphone für Südamerika

Vor gut 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: die Kaufleute Wilhelm Böhm und Andreas Meinl.

Geretsried – Die Kaufleute Wilhelm Böhm und Andreas Meinl gründeten die Böhm & Meinl GmbH am 1. November 1948 in Geretsried. Wilhelm Böhm, ehemals Einzel- und Großhandelskaufmann für Musikalien, war auf seinem Gebiet ein absoluter Fachmann. Sein Partner Andreas Meinl hatte sich bei der Firma A. K. Hüttl in Graslitz vom Lehrling zum Prokuristen hochgearbeitet. Er war bestens mit der Herstellung und dem Vertrieb von hochwertigen Blechblasinstrumenten vertraut.

Als Mitarbeiter fanden die beiden Firmengründer gelernte Metallblasinstrumentenbauer aus dem Raum Graslitz, die es ebenfalls als Vertriebene nach Geretsried verschlagen hatte. Schwieriger als die Suche nach Mitarbeitern gestaltete sich die Überwindung der bürokratischen und vor allem der finanziellen Hindernisse. Aber auch das schaffte das Duo.

Handel, Herstellung und Reparatur von Blechblasinstrumenten

Der erste Firmensitz war sehr einfach ausgestattet und lag in einer Garage an der heutigen Graslitzer Straße (ehemals Kolbenheyerstraße). Standbeine der Firma waren der Handel mit Musikalien sowie das Reparieren von Blechblasinstrumenten. Schon bald wurden diese auch hergestellt. Die Garage platzte aus allen Nähten, und so mieteten die beiden Männer einen ehemaligen Bunker an der St.-Hubertus-Straße an. Anfang der 1950er-Jahre schlossen sich viele Firmen zur Industriegemeinschaft Geretsried zusammen, um Probleme gemeinsam besser lösen zu können. Auch die Firma Böhm & Meinl trat der Industriegemeinschaft 1951 bei.

Die Musikinstrumentenfabrik entwickelte sich rasch, sodass auch die Räumlichkeiten an der St.-Hubertus-Straße schon bald wieder zu eng wurden. 1953 zog der Betrieb in einen Bunker am Isardamm um. Dort blieb die Firma über fünf Jahrzehnte. Die Nachfrage nach Blechblasinstrumenten stieg in den Folgejahren stark an, und die Firma Böhm & Meinl entwickelte sich zu einem leistungsstarken Unternehmen. Bald musste auch das Gebäude am Isardamm erweitert werden.

Die Belegschaft der Firma Böhm & Meinl Anfang der 1950er-Jahre vor dem Fabrikgebäude an der St.-Hubertus-Straße (v. li. knieend): Hans Lauber, Anton Kraus, Walter Steinl, (stehend v. li.) Max Böhm, Wenzel Lauber, Rudolf Langhammer, Josef Lorenz, Wilhelm Böhm, Gustav Hüttl, Adolf Vettermann, Edith Schwipp, Rudolf Brandner, Adolf Knorr, Andreas Meinl, Franz Lorenz, Josef Dehn, Karl Kailberth, Josef Spinnler, Anton Siegert und Adolf Nahr.

Die Hauptkundschaft stammte damals aus den USA. Bis zu 600 Instrumente wurden pro Monat gefertigt und nach Übersee verschickt. Diese enorme Leistung war nur durch den unermüdlichen Einsatz aller Mitarbeiter sowie der Unterstützung von Nachbarn möglich. Letztere verstärkten die Fertigung in Heimarbeit. Der Exportanteil betrug damals über 80 Prozent der Gesamtproduktion. Die Mitarbeiterzahl erreichte in diesen Jahren den Höchststand und lag bei fast 100 Beschäftigten.

Die Firmengründer führten ihr Unternehmen fast drei Jahrzehnte. Als Wilhelm Böhm im Januar 1976 starb, folgte ein Führungs- und Generationenwechsel: Die Erbengemeinschaft Böhm zog sich aus der Firma zurück, und Andreas Meinl übergab seinen Anteil an seine Söhne Gerhard und Wolfgang Meinl. Beide waren ab Januar 1977 Gesellschafter der Firma. Zum Geschäftsführer wurde Gerhard Meinl bestellt. Den technischen Betriebsablauf leitete Alfred Wolf. Als dieser in Ruhestand ging, wurde Helmut Meinl sein Nachfolger als Betriebsleiter.

Polizeikapellen aus Frankreiche und Venezuela waren Kunden

Mit dem Kursverfall des Dollars gegenüber der D-Mark endete die Hochphase der USA-Exporte. Die starke Konkurrenz aus Taiwan trug ebenfalls zu einem merklichen Rückgang des USA-Geschäfts bei. Aber: Man fand neue Kunden in Europa und Japan, sodass die Gesamtproduktion auf dem gleichen Stand blieb.

Neue Maßstäbe setzte die Volksmusik im Oberkrainer-Stil. So waren 30 Oberkrainer-Baritone schon verkauft, noch bevor sie produziert waren. Auch die Nachfrage nach Sousaphonen für Militärkapellen aus aller Welt stieg stark an. Zu den Kunden zählten die Polizeikapellen aus Paris und Caracas in Venezuela, ebenso die Musikkapelle der Luftwaffe aus Thailand, Militärkapellen aus Chile, Italien und Algerien sowie die Marines aus Washington. Allein nach Chile lieferte die Firma Böhm & Meinl im Jahr 1983 über 130 Sousaphone und weitere Bellfront-Instrumente. Den Einsatz dieser Instrumente durfte Gerhard Meinl im Jahre 1986 bei einer Wachablösung im Präsidenten-Palais in Santiago de Chile selbst miterleben.

Das Kapitel der Musikinstrumentenfabrik Böhm &Meinl wurde im Jahr 1992 geschlossen. Da ein geeigneter Nachfolger fehlte, wurde die Produktion an die Geretsrieder Firma B&M-Symphonic von Walter Nirschl verkauft. Bis Ende 1996 wurde die Produktion im Firmengebäude von Böhm & Meinl weitergeführt. 1997 verlagerte Nirschl den Firmensitz an den Buchenweg, und 2007 zog er ins Geltinger Gewerbegebiet. Dort werden bis heute Metallblasinstrumente, überwiegend Tuben, für den weltweiten Verkauf hergestellt. Das ehemalige Firmengrundstück am Isardamm ist mittlerweile verkauft. Darauf errichtet die Krämmel-Unternehmensgruppe Mehrfamililen- und Reihenhäuser.

Quelle

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried im Jahr 2010 ein eigenes Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung der Autoren Werner Sebb und Friedrich Schumacher veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der inzwischen vergriffenen Publikation.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Wasser gegen Gaffer?
Auf der A3 in Unterfranken bespritzte ein Feuerwehrmann einige Gaffer an einer Unfallstelle mit Wasser. Wir fragten Münsings Feuerwehr-Chef Thomas Sellmeier, was er von …
Wasser gegen Gaffer?
Neuerliche Behinderungen
Schlechte Nachrichten für alle S-Bahn-Nutzer: Sie müssen sich erneut auf Behinderungen einstellen.
Neuerliche Behinderungen
Abschied vom Häuschen im Grünen
Die Gemeinde Eurasburg will mit einer Wohnanlage in Bruggen ihrer Verantwortung nachkommen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Der erste Vorentwurf, der in der …
Abschied vom Häuschen im Grünen
Eine Pionierin geht in den Ruhestand
Hildegard Hengmith gehört zu den Pionieren der Lebenshilfe Bad Tölz-Wolfratshausen für Menschen mit Behinderung. Als die Geretsriederin vor 37 Jahren dort anfing, gab es …
Eine Pionierin geht in den Ruhestand

Kommentare