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„Zeig’ ihm, dass du voll da bist“: Boxtrainer Waleri Weinert (li.) mit einem seiner Schützlinge.

„Über allem steht die Fairness“

Boxen bei Olympia: Edelweiß-Chef Weinert im Interview

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Geretsried – Ein Gespräch mit Edelweiß-Chef Waleri Weinert über die Gefahren des Boxens und seinen Olympia-Favoriten.

Seit 1904 in St. Louis ist Boxen olympisch, vor vier Jahren in London durften erstmals auch Frauen in drei Gewichtsklassen mitmachen. Der große Unterschied zum Profiboxen: Im Amateurbereich geht ein Kampf über maximal drei Runden. Trotzdem polarisiert dieser Sport wie wenige andere. Die einen sehen ihn ihm eine gesundheitsgefährdende Prügelei. Andere, darunter viele Intellektuelle, sehen das Duell Mann gegen Mann philosophisch. Sie müsse Boxen nicht als Sport rechtfertigen, sagte einmal die US-Autorin Joyce Carol Oates, „weil ich es nie als Sport angesehen habe – weil es das Leben selbst ist und kaum ein bloßer Sport“.

In unserer neuen Serie „Mein Sport in Rio“ hat sich Redakteur Peter Borchers mit Waleri Weinert übers Boxen unterhalten. Der 56-Jährige ist Chef und Trainer des Vereins Edelweiß Geretsried. In seiner aktiven Zeit bestritt der gebürtige Russe 101 Amateurkämpfe, von denen er 68 gewann.

-Herr Weinert, wie gefährlich ist Boxen?

Es gibt Studien, die belegen, dass das Verletzungsrisiko im Fußball, Basketball und Handball höher ist.

-Dennoch verbinden viele diesen Sport mit dem als Folge seines Sports an Parkinson erkrankten Muhammad Ali, mit blutigen Cuts, mit Athleten, die nach einem Kampf gestorben sind.

Ohne Risiko ist kein Sport. Sie haben am Sonntag sicher die gestürzte holländische Radfahrerin gesehen. In unserem Sport herrschen sehr strenge Regeln. Man muss lange trainieren, bevor man zu einem Kampf zugelassen wird. Dann brauchst du eine Genehmigung vom Verband, eine komplette Untersuchung durch einen Arzt, die alle zwölf Monate wiederholt werden muss. Vor jedem Kampf checkt ein Arzt einen Boxer nochmals durch, außerdem kann der Ringarzt einen Kampf jederzeit abbrechen, wenn er die Notwendigkeit dazu sieht. Und schließlich wird unser Handwerkszeug, die Handschuhe, einmal im Jahr überprüft. Dafür gibt’s dann eine Art TÜV-Siegel. Für uns Vereine ist das hart, denn Handschuhe kosten viel Geld. Aber wir müssen sie austauschen, wenn sie nicht in Ordnung sind.

-Dennoch sehen wir immer wieder Kämpfe, wie 2006 den von Arthur Abraham, der gegen Edison Miranda mit einem doppelt gebrochenen Kiefer acht Runden boxte – und gewann.

So etwas darf nicht sein. Trainer, Manager und Ringrichter hätten meiner Meinung nach im Gefängnis landen müssen, weil sie den Kampf nicht abgebrochen haben. Aber auch im Boxen regiert das Geld.

-Zurück zum Olympischen Boxturnier. Schauen Sie sich das an?

Gestern habe ich den Kampf von Serge Michel aus Traunreut im Halbschwergewicht gesehen. Er hat leider verloren. Ich kenne ihn noch als kleinen Bub. Sein Vater ist ebenfalls Trainer – und ein guter Bekannter. Generell ist es schön zu sehen, dass ein kleiner bayerischer Verein wie Traunreut einen Mann zu Olympia bringen kann.

-Zur absoluten Weltspitze zählen Deutschlands Amateurboxer schon länger nicht mehr. Trotzdem hat der Deutsche Olympische Sportbund ein bis drei Medaillen als Ziel ausgegeben. Wem trauen Sie das am ehesten zu?

Dem Fliegengewichtler Hamza Touba aus Heidelberg. Wenn alles passt, könnte er eine Medaille holen.

-Bei diesen Spielen tragen die Boxer erstmals seit 1984 keinen Kopfschutz. Warum?

Der Kopfschutz hat das Blickfeld eingeengt. Schläge von der Seite konnte der Boxer schlechter erkennen. Eine Analyse (von 15 000 Runden Anm. d. Red.) ergab, dass das Schutzpolster zwar die Gefahr von Cuts verringert hat, die Anzahl der Gehirnerschütterungen aber gestiegen sind. Der Verzicht auf den Kopfschutz soll die Gefahr von Schädel-Hirn-Traumata deutlich senken, meinen die Mediziner.

-Hat sich der Amateurboxsport verändert?

Ich denke schon. Angriffslustiges, forsches Boxen nach vorne ist aktuell angesagt, nicht das abwartende, vorsichtige Boxen.

-Was ist das A und O beim Boxen?

Ich versuche, meinen Schützlingen im Training zu vermitteln, dass sie ihren Kontrahenten aus dem psychischen Gleichgewicht bringen müssen. Und damit meine ich keine Mätzchen, wie das gegenseitige In-die-Augen-Starren vor einem Kampf. Das ist Show. Nein, ärgere den Gegner mit zwei, drei Treffern – die gar nicht hart sein müssen. Lass’ seine Schläge ins Leere gehen. Zeig’ ihm, dass du voll da bist, das lässt ihn nachdenken. Außerdem darfst du niemals deinen Gegner unterschätzen – egal, wie stark du bist und wie unbekannt er ist. Und über allem steht die Fairness. Alles, was schmutzig ist in einem Boxkampf, ist Körperverletzung.

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