Lebenslänglich wegen Polizistenmords für Reichsbürger

Lebenslänglich wegen Polizistenmords für Reichsbürger
+
„Das Böhmische Manchester“: Warnsdorf und die angrenzenden Bezirke Rumburg und Reichenberg hatten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Textilzentrum in Böhmen entwickelt. Auch die Firma Rudolf nahm dort ihren Anfang. Das Foto stammt aus dem Jahr 1928.

Serie: Geretsrieder Wirtschaftswunder

Chemie-Betrieb von Weltformat

Vor gut 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: Ernst Schumann aus Reichenberg in Nordböhmen.

Geretsried – Ernst Schumann, Kaufmann und seit 1908 Repräsentant der Farbwerke Hoechst aus Reichenberg in Nordböhmen, übernahm 1924 die Chemische Fabrik Rudolf & Co. Das Unternehmen war 1922 in Warnsdorf von Chemie-Ingenieur Reinhold Rudolf gegründet worden. Er verfügte über einschlägige Erfahrungen in der Herstellung von chemisch-technischen Produkten und besonders von Textilhilfsmitteln.

1926 wurde die Firma erweitert. Man gründete jenseits der deutsch-tschechischen Grenze in Zittau in Sachsen einen Zweigbetrieb. 1942 trat Ernst Schumanns Sohn Wolfgang als Teilhaber in die Firma ein. Der Ingenieur war nach schwerer Kriegsverwundung aus der Wehrmacht entlassen worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignete der tschechische Staat den Warnsdorfer Betrieb. Später wurde auch die Produktion in Zittau in einen „Volkseigenen Betrieb“ überführt.

Drei Generationen: Das Foto aus dem Jahr 1983 zeigt Wolfgang Schumann (re.), seinen Sohn Wolfgang Schumann (li.), sowie dessen Söhne Anton (2. v. li.) und Wolfgang Schumann.

Nach der Vertreibung aus dem Sudetenland landete die Familie Schumann in Zittau. Schon bald war klar, dass die sowjetische Besatzungszone für einen unternehmerischen Neubeginn nicht in Frage kam. Vater und Sohn suchten daher bereits ab Oktober 1945 in West-Deutschland nach einer Möglichkeit, die Produktion von Textilhilfsmitteln wieder aufzunehmen.

Das war in dem vom Krieg zerstörten Land alles andere als einfach. Ernst Schumann schreibt in seinen Erinnerungen an diese Zeit: „Die Bahnverhältnisse waren katastrophal, ordnungsgemäße Fahrpläne existierten nicht. In den Zügen gab es weder Fensterscheiben noch Licht. Häufig musste man Güterzüge, sogar mit offenen Wagen als Beförderungsmittel benutzen.“

Trotz dieser großen Schwierigkeiten erhielt die Firma Rudolf im Dezember 1945 von der Landesstelle für Chemie in München die „Arbeitserlaubnis zur Herstellung von Textilhilfsmitteln und zur Aufarbeitung von Knochen und Hautabfällen“. Ein erster Schritt zur Betriebsneugründung war getan.

Bunker eignet sich für Herstellung von Textilhilfsmitteln

Nun mussten noch geeignete Räumlichkeiten gefunden werden. Durch einen glücklichen Zufall lernten die Schumanns Herrn Kassian kennen, Leiter des Wirtschaftsamts im Landkreis Wolfratshausen. Dieser vermittelte Kontakte zur amerikanischen Militärverwaltung, die für die Kontrolle der ehemaligen Munitionswerke im Wolfratshauser Forst zuständig war. Die Bunker, in denen in Kriegszeiten Sprengstoffe produziert wurden, sollten sich für die Herstellung von Textilhilfsmitteln eignen.

Das Gründungskapital betrug 50 000 Reichsmark. Man beabsichtigte, in einem druck- und hitzebeständigen, emaillierten Rührwerkskessel mit einem Fassungsvermögen von 400 Litern und einigen Mischbehältern monatlich etwa 50 Tonnen Fertigprodukte herzustellen. Der Bedarf an Arbeitskräften wurde mit einem Betriebsleiter, einem Meister, zehn sudetendeutschen Facharbeitern und zirka 40 männlichen Hilfsarbeitern angegeben. Es folgten viele Gespräche mit Behörden. Am 8. Mai 1946 wurden der Firma Rudolf zwei Gebäude zur Produktion von Textilhilfsmitteln zugewiesen.

Bis zur Herstellung der ersten Charge mussten allerdings noch viele Probleme gelöst werden. Die Bunker waren in einem desolaten Zustand. „In den Gebäuden war alles zerschlagen, die Fenster und Türen herausgerissen, und es lagen Berge von kaputten Gegenständen herum“, heißt es in Schumanns Erinnerungen. „Die Kacheln waren abgeschlagen, so dass lediglich die vier Wände standen.“

Bäume mussten gefällt werden

Während dieser Zeit kam von den amerikanischen Besatzern der Befehl, die Bunker innerhalb von zwei Tagen zu enttarnen. Bäume mussten gefällt, alles Grün von den Dächern entfernt werden. Darauf befanden sich aufgeschüttete Erdmassen – zirka 600 Kubikmeter pro Gebäude. Die mussten ebenfalls weg. „Um diese großen Mengen bewältigen zu können, wurden schwere Bagger auf die Dächer gegeben“, so Schumann. Ansonsten wäre es unmöglich gewesen wäre, die Gebäude in dieser kurzen Zeit von der Erde zu befreien.

In der Regel werden Textilhilfsmittel durch chemische Umsetzung und das Mischen verschiedener Ausgangsstoffe bei erhöhten Temperaturen hergestellt. Deshalb installierten die Schumanns als erstes einen Dampfkessel sowie beheizbare Reaktions- und Mischbehälter. In den ersten Nachkriegsjahren mangelte es an allem. Für die teils flüssigen, teils pastenförmigen Fertigprodukte gab es keine Verpackungsmittel. Die Firma richtete deshalb eine eigene Fassbinderei ein, in der Holzfässer mit einem Fassungsvermögen von 200 Litern gefertigt wurden.

Mit Traktor und Pritschenwagen

Auch beim Transport der Güter von und zu den Verladestellen der Eisenbahn gingen die Firmeninhaber anfangs unkonventionelle Wege. Der Gast- und Landwirt Nikolaus Geiger war der erste Spediteur im Dienste der Firma. Mit Traktor und Pritschenwagen beförderte er Fässer und manchmal auch die als Schüttgut angelieferten Chemikalien.

„Angefangen haben wir mit zwei Mann. Mein Sohn und ich waren die ersten, die in den Bunkern gearbeitet haben“, sagte Ernst Schumann in einem Radio-Interview, das 1956, zehn Jahre nach der Ankunft der ersten Heimatvertriebenen in Geretsried, ausgestrahlt wurde. „Mitarbeiter wurden aus den Flüchtlingslagern, zum Teil auch aus der Ostzone, nach Geretsried geholt. Heute beschäftigen wir zirka 80 Leute.“

Gefragt waren bei den Mitarbeitern der ersten Stunde vor allem neue Ideen, aber auch Improvisationstalent. Den ersten Firmenwagen schweißte angeblich der damalige Betriebsschlosser aus Teilen verschiedener Altwagen zusammen: Chassis und Motor stammten von einem alten Ford, die Karosserie von einem DKW.

Erster Erweiterungsbau: 1946 wurde der Betrieb um ein Kesselhaus mit Dampfkessel ergänzt.

Im Frühjahr 1947 wurde mit der Produktion begonnen. Vor der Währungsreform bestimmten vor allem die gerade verfügbaren Rohstoffe das Produktionsprogramm. Probleme beim Verkauf der hergestellten Hilfsmittel gab es nicht. Als am 20. Juni 1948 die Währung von Reichsmark auf D-Mark umgestellt wurde, waren bereits 180 Tonnen Textilhilfsmittel im Wert von fast einer halben Million Mark produziert und verkauft worden.

Mit den Jahren wurde der Wettbewerb härter. Um bestehen zu können, mussten auch in Westdeutschland gute Kontakte zur Textilveredlungsindustrie aufgebaut werden. Dafür setzten sich Mitarbeiter im Außendienst und besonders Ernst und Wolfgang Schumann ein. Außerdem war es notwendig, möglichst konkurrenzlose Textilhilfsmittel zu entwickeln und anzubieten. Ein solches Produkt war der 1950 auf den Markt gebrachte Ruconetzer S, ein Universalnetzer, der die Oberflächenspannung von textilen Behandlungsbädern verringerte und sich durch eine hohe Beständigkeit gegen-über Säuren und Alkalien auszeichnete.

Heute ist die Rudolf Group in acht Ländern mit Produktionsstandorten vertreten. Sie besitzt 20 Auslandsgesellschaften und 30 Vertretungen weltweit und beschäftigt über 1500 Mitarbeiter. Ein Urenkel von Firmengründer Ernst Schumann, Dr. Wolfgang Schumann, ist seit 2007 als Geschäftsführer tätig.

Quelle

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried im Jahr 2010 ein eigenes Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung der Autoren Werner Sebb und Friedrich Schumacher veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der inzwischen vergriffenen Publikation.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Icking will auch ruhenden Verkehr überwachen
Es werden Gehwege versperrt und manchmal ist die Straße so zugeparkt, dass im Notfall kein Rettungswagen durchkommen würde: Das soll in Icking nun endgültig ein Ende …
Icking will auch ruhenden Verkehr überwachen
Pendler hoffen auf S-Bahn
Geretsried hat mehr Einpendler als Auspendler. In den Firmen ist der Anteil an Mitarbeitern von außerhalb recht hoch. Viele, die aus München kommen, würden sich eine …
Pendler hoffen auf S-Bahn
Industriegeschichte fürs Tablet
Das Interesse an der ungewöhnlichen Geschichte Geretsrieds ist groß. So groß, dass der Arbeitskreis Historisches Geretsried das längst vergriffene Sonderheft der …
Industriegeschichte fürs Tablet
Der Wahnsinn liegt im Zeitplan
Die Asphaltarbeiten im Kreuzungsbereich B 11/ Pfaffenrieder Straße/Schießstättstraße liegen im Zeitplan. An diesem Montag kann der Verkehr höchstwahrscheinlich ab 16 Uhr …
Der Wahnsinn liegt im Zeitplan

Kommentare