Die Fassade einer Schule mit geöffneten Fenstern
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Und jetzt wieder Fenster auf: An Schulen wird regelmäßig gelüftet, um für einen ausreichenden Luftaustausch zu sorgen.

CORONAVIRUS

Frische Luft im Klassenzimmer: CO2-Ampeln sollen Lehrern Überblick verschaffen

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen schafft für seine Schulen 400 CO2-Messgeräte an. Mit ihnen können Lehrer die Raumluft beurteilen und das Lüftungsverhalten verbessern.

  • Eltern sorgen sich um Ansteckungsgefahr in geschlossenen Klassenzimmer
  • Der Landkreis schafft CO2-Messgeräte an, um die Raumluft beurteilen zu können
  • Luftreinigungsgeräte kommen nicht infrage

Bad Tölz-Wolfratshausen – Schüler über Stunden in einem Klassenzimmer: Das bereitet in der Corona-Pandemie vor allem Lehrern und Eltern Sorgen hinsichtlich Aerosolen und Ansteckungsgefahr. Der Landkreis stattet seine Schulen jetzt nach und nach mit CO2-Ampeln aus, um das Lüftungsverhalten zu verbessern.

Seit September führen an vielen Schulen Lehrer CO2-Messungen durch, um die Qualität der Raumluft beurteilen zu können. Außerdem lassen sich Lüftungsanlagen, sofern es sie gibt, auf ihre Wirksamkeit überprüfen. „Mit Hilfe der Messdaten können Schüler und Lehrer für ausreichendes Lüften sensibilisiert werden“, erklärt René Beysel vom Landratsamt.

René Beysel, Hauptamtsleiter am Landratsamt

Lehrer erheben in den Schulen Daten

Auch am Gymnasium in Geretsried wurden Daten erhoben. Dort gibt es Zimmer mit und ohne Raumlufttechnik (RLT), sanierte Bereiche, neu errichtete Gebäudeteile, einen Interimsbau und Fachräume. So zeigte sich beispielsweise, dass besonders in einem Klassenzimmer im Interimsbau schlechte CO2-Werte gemessen wurden. Dort reichte das bisherige Lüften nicht aus, so das Fazit eines Physiklehrers. Beysel: „Nach dem Einsatz des CO2-Messgeräts passten die Nutzer ihr Lüftungsverhalten an, so dass der Grenzwert nicht überschritten wird.“

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Auch im Oberstufenraum sowie in den Fachräumen Musik und Physik ist dem Lehrer zufolge regelmäßiges Lüften entscheidend. Das neue Lehrerzimmer im Gymnasium sowie der gemessene Raum in den neuen Lernlandschaften würden relativ geringe CO2-Werte zeigen.

Wo viele Menschen in einem Raum sind, wird viel ausgeatmet. Die ausgeatmete Luft enthält CO2 und Aerosole. In Unterrichtsräumen sollte die CO2-Konzentration nicht über 1000 ppm liegen. Ppm ist die Abkürzung für die Maßeinheit „parts per million“, auf deutsch also Teile pro eine Million Teile. Zum Vergleich: In der frischen Luft draußen liegt die CO2-Konzentration bei 400 ppm.

Aerosole und Lüften 

Aerosole sind winzige Flüssigkeitströpfchen und ein möglicher Übertragungsweg des Coronavirus. Sie verteilen sich laut Umweltbundesministerium insbesondere in geschlossenen Innenräumen schnell und im gesamten Raum. Regelmäßiges Lüften durch Stoß- und Querlüften oder über eine Lüftungstechnik in den Räumen kann das Risiko einer Infektion mit SARS-CoV 2 deutlich reduzieren.

Für Schulen wird empfohlen, in jeder Unterrichtspause intensiv bei weit geöffneten Fenstern zu lüften, bei längeren Unterrichtseinheiten von mehr als 45 Minuten Dauer auch währenddessen. Aber: „Durch das permanente Lüften im Winter wird die Luft in den Räumen immer trockener werden“, befürchtet René Beysel, Hauptamtsleiter am Landratsamt. Möglicherweise gleiche sich dies jedoch aus: Mit der Feuchtigkeit, die die Schüler beim Ausatmen abgeben und von draußen mit ihrer Kleidung ins Klassenzimmer hineintragen.

Mit sogenannten CO2-Ampeln soll in den Klassenzimmern nun die Luftqualität überprüft werden. „Die Nutzer können dieses ,Kästchen‘ im Auge behalten und gegebenenfalls zusätzlich Lüften“, sagt Beysel im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Schwellenwert für Schulen liege bei 1000 ppm. „Ich habe von allen Schulen das Feedback bekommen, dass es geht, diesen Wert einzuhalten“, versichert der Hauptamtsleiter. „Auch in Räumen, die nicht automatisch belüftet werden.“ Bis 1000 ppm steht die CO2-Ampel auf Grün. Auf Orange springt die Anzeige des Messgeräts, wenn 1001 bis 1999 ppm angezeigt werden. Rot leuchtet es ab 2000 ppm. „Spätestens dann ist angezeigt, dass gelüftet werden muss.“

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Landkreis schafft 400 CO2-Ampeln an

Doch das richtige Lüften, vor allem in Zimmern ohne RLT „wird noch eine Herausforderung“, meint Beysel. Vielleicht reiche es, nur ein Fenster zu öffnen, vielleicht müssten aber auch Tür und Fenster offen stehen. Aber: Mit der CO2-Ampel könne man relativ genau sehen, was passiert. Und: Im Winter reiche es vermutlich, zwei Minuten zu lüften, im Gegensatz zum Sommer, wo man schon mal 20 Minuten warten musste, bis sich die Luft ausgetauscht hatte. Grund dafür sind laut Beysel die hohen Temperaturunterschiede von draußen zu drinnen.

Insgesamt wird der Landkreis für seine Schulen 400 CO2-Ampeln anschaffen – 200 sollen noch vor den Weihnachtsfeiertagen geliefert werden, der Rest wird für Ende Januar erwartet. Vom Staat gibt’s dafür eine Förderung. „Das sind 57 000 Euro“, sagt Beysel. Doch dieser Betrag decke die Kosten, die dem Landkreis entstehen, nicht ab.

Luftreinigungsgeräte in Klassenzimmern

Immer wieder erreichen das Landratsamt Anfragen von besorgten Eltern, die Luftreinigungsgeräte für die Klassenzimmer fordern. „Das sind Kästen so groß wie Kühlschränke“, erklärt René Beysel. „Die saugen Luft an und blasen sie wieder raus, dazwischen ist ein Filter, den man regelmäßig tauschen muss.“

Beysel ist der Meinung, dass solche Geräte keine Lösung sind. „Sie ziehen Feinstaub und Aerosole aus der Luft.“ Aber es bestehe nicht die Möglichkeit, den Reinigungserfolg zu messen, sagt der Mitarbeiter des Landratsamts. „Verbrauchte Luft, angereichert mit CO2, Raumluftgiften, Gerüchen und sonstigen Schadstoffen kann nur mit richtigem Fensterlüften oder einer RLT-Anlage aus dem Klassenzimmer gelangen und so die notwendige Raumlufthygiene herstellen.“

Außerdem seien die Geräte 40 Dezibel laut, berichtet Beysel. Der Maximalwert für eine Lüftungsanlage im Klassenraum liege bei 35 Dezibel.

Welche Landkreis-Schule verfügt über Raumlufttechnik ?

Nicht erst seit der Corona-Pandemie stehe das Thema Lüftung und Raumlufthygiene bei Planungen von Neubauten und Renovierungen im Fokus, sagt René Beysel. Generell versuche man, alle Klassenzimmer mit Lüftungsanlagen auszustatten – Lehrerzimmer, Einzelbüros und Verwaltungsbereiche nicht. „Hier kann über das Fenster gelüftet werden“, so Beysel. Bei allen Baumaßnahmen in den vergangenen zehn Jahren seien leistungsfähige Raumlufttechnik-Anlagen eingebaut worden, diese seien mit CO2-Fühlern in den Klassenzimmern ausgestattet. „Somit wird sichergestellt, dass eine ausreichende Raumhygiene erreicht werden kann“, erklärt der Experte. Natürlich gebe es noch eine Menge Klassenräume, die nur über eine klassische Fensterlüftung verfügen – aber hier liege man unter dem Bundesdurchschnitt.

Ein Überblick über die Schulen in der Zuständigkeit des Landkreises:

• Gymnasium Icking: flächendeckend Raumlufttechnik (RLT)

• Realschule Wolfratshausen: keine RLT

• Berufsschule Wolfratshausen: k. RLT

• Gymnasium und Realschule Geretsried: etwa 30 Prozent RLT

• Förderschule Geretsried: keine RLT

• FOS/BOS: etwa 20 Prozent RLT

• Berufsschule Gudrunstraße Bad Tölz: etwa 10 Prozent RLT

• Berufsschule Bairawieser Straße Bad Tölz: keine RLT

• Gymnasium Bad Tölz: etwa 30 Prozent RLT

• Realschule und Förderschule Bad Tölz: flächendeckend RLT

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