Miriam Altinisik, Inhaberin des Kosmetikstudios Jungbrunnen in Wolfratshausen, zeigt einen kostenlosen Schnelltest
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Ab sofort greift im Landkreis die sogenannte Notbremse: In die Einzelhandelsgeschäfte dürfen nur Kunden, die einen negativen Corona-Test vorweisen. Miriam Altinisik, Inhaberin des Kosmetikstudios Jungbrunnen in Wolfratshausen, bietet ihren Kunden kostenlose Schnelltests vor Ort an. Altinisik ist ausgebildete Sanitäterin.

„Das ist weltfremd“

Einkaufsbummel nur mit negativem Corona-Test: Händler fürchten massive Einbußen

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Wer shoppen will, braucht einen Termin und einen Test. Das sind die neuen Regeln ab Donnerstag im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Das stellt Geschäftsleute vor Probleme.

Geretsried/Wolfratshausen – Am dritten Tag in Folge lag der Inzidenzwert im Landkreis über 100. Eine Konsequenz der „Notbremse“, die nun greift: In Einzelhandelsgeschäfte dürfen ab sofort nur Kunden, die einen negativen Corona-Test vorweisen können. Das besagen die Regeln, die ab Donnerstag im Landkreis gelten. Viele Ladenbetreiber fürchten einen erneuten massiven Umsatzeinbruch. Der Inhaber des Isar-Kaufhauses in Geretsried, Frederik Holthaus, hat entschieden, sein Kaufhaus bis auf Weiteres zu schließen.

Holthaus steht mit zahlreichen Berufskollegen in ganz Deutschland in Kontakt. Unter anderem in Nordrhein-Westfalen gilt die Testpflicht vor dem Einkaufsbummel bereits seit Ende März. „Meine Kollegen haben die Erfahrung gemacht, dass seither kaum noch Kunden kommen“, sagt Holthaus. Auch er selbst stellt seit Montag einen „starken Umsatzrückgang“ fest. Er führt das auf eine „große Verunsicherung“ bei den Bürgern zurück, die längst nicht mehr wüssten, welche Regeln aktuell gelten. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen habe er angesichts der „Notbremse“ beschlossen, das Isar-Kaufhaus vorläufig zu schließen. Nur die Möglichkeit, nach dem „Click und Collect“-Prinzip (bestellen und abholen) einzukaufen, bestehe weiterhin.

Möbelhaus XXXLutz bietet Kunden Selbsttests an

Holthaus ist der Meinung, dass die Impfung „der einzige Weg ist“, die Pandemie zu überwinden. Er ist „recht zuversichtlich“, dass schon im nächsten Monat rund 30 Prozent der Deutschen mindestens eine Erstimpfung erhalten haben. Das könnte zu nachhaltigen Lockerungen führen. „Sobald es wieder erlaubt ist, wird das Isar-Kaufhaus natürlich wieder öffnen“, betont Holthaus.

Ines Boodevaar, die drei Geschäfte in der Wolfratshauser Altstadt betreibt, lässt sich überraschen. „Alle drei Läden sind offen, die Mitarbeiterinnen motiviert, schauen wir mal, was passiert.“ Selbsttests – wie sie das Möbelhaus XXXLutz im Wolfratshauser Gewerbegebiet seinen Kunden vor Ort anbietet – gibt’s bei Boodevaar nicht. Die Tests vor den Geschäften zu organisieren und zu kontrollieren, das möchte sie ihren Mitarbeiterinnen nicht zumuten. Boodevaar verweist auf die Teststation der DLRG Schäftlarn-Wolfratshausen am Schwankl-Eck.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie können Händler nicht mehr planen

Mit den Entscheidungen der Bundes- und Landespolitiker steht die Kauffrau derzeit auf Kriegsfuß. „Weltfremd“ seien mittlerweile viele Anordnungen. Ein Beispiel: Wer ein Sommerkleid kaufen möchte, muss einen negativen Corona-Test vorlegen, „und bei Aldi und Lidl treten sich die Leute auf die Füße“. Warum, das fragt sich Boodevaar, „wird dort nichts und niemand kontrolliert?“ Anstatt dem Einzelhandel „immer wieder Prügel zwischen die Füße zu werfen“, hätte sie es lieber gesehen, „wenn alles zwei, drei Wochen lang konsequent heruntergefahren würde“.

In der Pandemie habe sie lernen müssen, „quasi alles über Bord zu werfen“, was im Einmaleins für selbstständige Unternehmerinnen steht. Schon ihr Vater, der 2012 verstarb, habe ihr stets eingeschärft, vorausschauend zu denken und zu planen. Perspektivisch planen? Das sei seit Ausbruch des Coronavirus Anfang 2020 unmöglich. „Ich plane nichts mehr, sondern reagiere ad hoc auf die aktuellen Geschehnisse.“ Und zwar überlegt und unaufgeregt, betont Boodevaar: „Ich bin die Gelassenheit in Person.“

Schnelltests in Geretsried-Wolfratshausen: Hier sind sie möglich

Wer ähnlich gelassen in Geretsried einen Einkaufsbummel unternehmen will, hat zwei Möglichkeiten: „Wir haben in der Stadt aktuell zwei Teststationen für die sogenannten PoC-Antigen-Schnelltests – das BRK-Testzentrum in der Sudetenstraße 68 im südlichen Stadtgebiet sowie die Paracelsus-Apotheke an der Egerlandstraße 56 im Stadtzentrum“, bilanziert Thomas Loibl, Pressesprecher der Stadt Geretsried. Weitere Teststationen gibt es derzeit nicht, der Betrieb einer zusätzlichen Einrichtung „durch die Stadtverwaltung ist leider nicht möglich“. Aber: „Sollten mögliche Betreiber ein Interesse bekunden, eine solche zu errichten, greifen wir hier gerne unter die Arme, beispielsweise mit der Bereitstellung von Infrastruktur“, so Loibl.

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Ähnlich äußert sich die Sprecherin des Landratsamts, Marlis Peischer, die auf bestehende „größere Testzentren als auch viele kleinere Testmöglichkeiten vor Ort“ im Kreis hinweist. „Gleichzeitig wird sowohl aktiv als auch auf Initiative anderer hin kontinuierlich daran gearbeitet, die Testkapazitäten aufrecht zu erhalten beziehungsweise sie weiter anzupassen.“ Denn: „Als eine Säule der Pandemiebekämpfung spielt das Testen im gesamten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben eine wichtige Rolle“, so Peischer.

In der Stadt Wolfratshausen laufen derzeit Gespräche, in der Innenstadt eine zweite Teststation zu installieren, berichtet Stadtmanager Dr. Stefan Werner. Die Kapazitäten der „bewährten Teststation am Schwankl-Eck“ seien ausgereizt. Zudem weiß Werner von Apothekern, die in Erwägung ziehen, künftig PoC-Antigen-Schnelltests anzubieten. Dies macht bereits (nach telefonischer Anmeldung) die Ostufer-Apotheke in Münsing.

Infos im Internet

Eine Übersicht über Schnelltestangebote (Testzentren, Ärzte, Apotheken) gibt’s auf der Homepage des Landratsamtes.

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