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Corona-Regeln: Konzertveranstalter fühlen sich übergangen - „Eine große Ungerechtigkeit“

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Von: Dominik Stallein

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Eine Lesung im Hinterhalt
Not macht erfinderisch. Mit Livestreams versucht die Geltinger Kleinkunstbühne Hinterhalt seit Ausbruch der Pandemie sich und ihre Künstler über Wasser zu halten. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Die Corona-Regelungen in Bayern wurden für die Gastronomie nicht verschärft. Bei Kulturveranstaltern gilt noch immer 2Gplus. Nicht das einzige Problem für Künstler

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die eine Branche atmet auf, die andere fühlt sich übergangen: Die Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung, dass in der Gastronomie weiterhin die 2G-Regel gilt, sorgt bei einigen Kulturveranstaltern für Verdruss. Für sie gelten deutlich strengere Einschränkungen wie Testpflicht und Begrenzung der Besucherzahl.

Corona-Regeln in Bayern: Konzertveranstalter sprechen von „großer Ungerechtigkeit“

Assunta Tammelleo
Assunta Tammelleo © Peter Knoblich

„Natürlich ist das unfair“, sagt Assunta Tammelleo. Nicht „dass ich’s den Gastronomen nicht gönne“, betont die Betreiberin der Kulturbühne Hinterhalt in Gelting. Aber die inzwischen bald zwei Jahre andauernde Ausnahmesituation für Kunstbühnen zehre an den Nerven. Der Hinterhalt richtet zwar seit Beginn der Pandemie viele Konzerte und Lesungen aus, die über Livestreams im Internet verfolgt werden können, „aber mit Maske, Abstand und 2Gplus kommt bei den Gästen, die noch kommen dürfen, kaum Stimmung auf“. Man hört Assunta Tammelleo ihren Frust an. „Man stößt an seine Grenzen“, sagt sie, „und das nicht nur finanziell, sondern auch moralisch“.

Wolfgang Ramadan ist zermürbt: „Haben Vorverkauf gestoppt“

Wolfgang Ramadan, Veranstalter der Abo-Reihe „Brotzeit und Spiele“, ist nach eigenen Worten „zermürbt“. Seit bald zwei Jahren „arbeiten wir ohne Ergebnis“, sagt der Ickinger. Veranstaltungen würden unter Beachtung aller geltenden Regeln aufwendig geplant und dann doch nicht durchgeführt, weil neue Auflagen dazukämen. „Wir haben bei allen geplanten Auftritten den Vorverkauf gestoppt. Es wurde alles vorbereitet, und wir müssen es doch verlegen. Man fühlt sich wie Sisyphos.“

Ramadan hält dies für eine „große Ungerechtigkeit“. Denn wissenschaftliche Studien würden belegen, dass es sicher ist, ins Theater oder auf ein Konzert zu gehen. „Wir sind die ersten, die zugesperrt wurden, und sind die letzten, die wieder aufsperren dürfen.“ Letzteres wäre jederzeit möglich: „Auf Knopfdruck“, so Ramadan, könne er loslegen, aber die Einschränkungen würden Kulturgenuss wirtschaftlich unmöglich machen. „Für freie Kulturveranstalter ist es unter solchen Bedingungen einfach nicht machbar.“ Nicht nur er als Künstler und Veranstalter leide darunter. „Das Publikum fragt, wie es weitergeht.“ Dass er keine Antwort geben kann, schmerzt ihn. „Wir sind den Gästen unglaublich dankbar. Ohne sie wäre bei uns allen schon lange Schluss gewesen.“

Wolfgang Ramadan
Wolfgang Ramadan © Marcus Schlaf

Kultur: Konzerte und Kabarett werden wegen Corona erneut verschoben - Künstler sind unzufrieden

Die Unsicherheit macht auch Christian Gutmair zu schaffen. Er organisiert unter anderem Konzerte und Kabarettabende im Tölzer Kurhaus. Alle Veranstaltungen, die er bis März geplant hatte, wird er neu terminieren. „Einige davon haben wir jetzt zum dritten Mal verschoben“, klagt er. Die 2Gplus-Regel, die für die Kultur noch immer gilt, sei nicht der einzige Hemmschuh, sondern vor allem die Begrenzung der Zuschauerzahl. „Wir können unsere Kosten bei 60 bis 80 Prozent Auslastung decken – da kann man sich ausrechnen, was 25 Prozent für uns bedeutet.“ Das wiederkehrende Argument, dass die Kultur ja stattfinden könne, aber sich eben an Einschränkungen halten müsse, „ist deshalb Mumpitz“, sagt Gutmair und fasst es mit einfachen Worten zusammen: „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden.“

KKK Lenggries: Veranstalterin hat Verständnis für Corona-Schutzmaßnahmen - aber beklagt Unfairness

Ganz so pauschal möchte Sabine Pfister es nicht sagen. Die Lenggrieserin, die mit KleinKunst & Kultur, kurz KKK, Veranstaltungen ausrichtet, äußert Verständnis. „Ich bin der Meinung, dass es bei der derzeitigen Pandemie-Situation schon Schutzmaßnahmen braucht.“ Dass diese aber in einzelnen Branchen völlig unterschiedlich gehandhabt werden, wurmt sie. Ein möglicher Grund: „Die Gastronomie ist einfach sehr viel lauter als wir.“ Ob ein Restaurantbesuch dadurch automatisch sicherer ist als eine Kulturveranstaltung, bezweifelt Pfister: „Bei uns sitzen Familien mit großem Abstand zu anderen Haushalten, während im Restaurant zehn Fremde an einem Tisch sitzen dürfen.“

Wegen Corona-Regelungen: Kulturveranstalterin lässt Klage prüfen

Eine großflächige Lockerung hält Pfister zwar nicht für sinnvoll, „aber wenn wir zumindest 50 Prozent der Plätze füllen dürften, wäre es ein Anfang“. Die derzeit kontrovers diskutierte 2Gplus-Regel „finde ich schon in Ordnung“, sagt sie. Schließlich sei immer noch Vorsicht geboten, um die Corona-Inzidenz nicht in die Höhe zu treiben.

Bislang ist unklar, wie es für die Branche weitergeht. Derzeit laufen Gespräche zwischen der Landesregierung und Kulturschaffenden. Wolfgang Ramadan sagt: „Die Drähte glühen im Moment. Wir versuchen gemeinsam vieles, um wieder Kunst anbieten zu können.“ Er hofft auf ein positives Ergebnis. Assunta Tammelleo ist skeptischer: „Aktuell lassen wir durch Juristen prüfen, inwieweit wir nicht doch auch Klage erheben werden wegen Nicht-Gleichbehandlung“, schreibt sie in einem Rundbrief. Ausgang: offen.

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