Der evangelische Pfarrer Dr. Theo Heckel.
+
„Unsicherheit ist zu spüren“: Dr. Theo Heckel, evangelischer Pfarrer, über die Folgen der Pandemie.

Zurück in die Natur

Der evangelische Pfarrer Dr. Theo Heckel über eine auch persönlich schwierige Zeit

Der evangelische Pfarrer Dr. Theo Heckel aus Geretsried kann der schwierigen Corona-Zeit persönlich auch etwas Positives abgewinnen.

Geretsried – Obwohl im zweiten Lockdown Gottesdienste in eingeschränkter Form stattfinden dürfen, können die Kirchenvertreter nicht so für die Menschen da sein, wie sie es gewohnt sind. In unserer Reihe „Wie geht’s?“ sprach unsere Mitarbeiterin Tanja Lühr mit dem evangelischen Pfarrer Dr. Theo Heckel über diese schwierige Zeit, der er persönlich aber auch Positives abgewinnen kann, wie er sagt.

Herr Dr. Heckel, wie geht es der evangelischen Kirche in Geretsried und deren Mitglieder in der Pandemie?

Dr. Theo Heckel: Nun, vieles bekomme ich nicht mit, weil Begegnungen kaum möglich sind. Ich bin froh, dass wir Gottesdienste abhalten dürfen, wenn auch mit Einschränkungen. Mir tun alle leid, die wegen der Corona-Krise finanzielle Probleme haben, etwa die Gaststätten, die trotz super Hygienekonzepten nicht öffnen dürfen. Bei uns dürfen derzeit 34 Besucher in die Petruskirche kommen und 17 in die Versöhnungskirche. Aber die Zahl der Besucher ist drastisch eingebrochen. Ich glaube, dass gerade ältere Menschen Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus haben. Ich spüre viel Unsicherheit.

Gibt es Online-Angebote für die Gläubigen zu Hause?

Dr. Theo Heckel: Ich stelle meine Predigten auf die Homepage zum Nachlesen. Mein Kollege, Pfarrer Georg Bücheler, arbeitet teilweise mit Podcasts zum Nachhören. Den Klicks nach zu urteilen, werden diese Angebote gut angenommen. Intern arbeiten wir teilweise mit Zoom-Konferenzen, nur zur regelmäßigen Dienstbesprechung treffen wir uns zu sechst unter Einhaltung der geforderten Abstände.

Finden momentan Taufen und Hochzeiten statt?

Dr. Theo Heckel: Kaum. Be?ides ist stark zurückgegangen. Man könnte diese Feste zwar in der Kirche feiern, aber danach darf man ja nicht weiterfeiern, also verschieben die meisten Taufen und Hochzeiten auf später.

Nicht verschieben lassen sich Beerdigungen.

Dr. Theo Heckel: Richtig, die finden natürlich nach wie vor statt. Den Zeitpunkt zum Sterben kann man sich nicht aussuchen. 25 Trauergäste dürfen sich zu Beerdigungen versammeln.

Aber ein schöner, würdiger Abschied sind diese Zusammenkünfte nicht, oder?

Dr. Theo Heckel: Nein, leider überhaupt nicht. Auch für mich sind die Vorbereitungsgespräche mit den Hinterbliebenen, mit Maske und Abstand, nicht schön. Für einen Trauernden sind die Nähe zu einem Freund oder auch mal ein herzlicher Händedruck des Pfarrers wichtig. Mancher alten Witwe ist es ganz schwer zuzumuten, dass ich ihr mit Maske gegenübersitze, aber es hilft ja nichts.

Merken Sie etwas von einer Übersterblichkeit?

Dr. Theo Heckel: Nein. Es gab einige Menschen in der Pfarrgemeinde, die an Corona gestorben sind, aber ich führe da keine Statistik. Für mich ist letztlich unwichtig, woran jemand gestorben ist. Ich will in den Gesprächen erfahren, wie jemand zu Lebzeiten war, was die Angehörigen an ihm hatten.

Suchen die Menschen in diesen Zeiten mehr Trost und Hilfe bei der Kirche?

Dr. Theo Heckel: Im ersten Lockdown war es tatsächlich so, dass Kirchenmitglieder angerufen haben, weil sie verängstigt oder einsam waren oder weil sie ganz konkrete Hilfe brauchten, etwa beim Einkaufen oder der Versorgung mit Essen. Da haben wir auch mal Lebensmittel oder eine Mahlzeit vor die Tür gestellt. Das passiert jetzt in der zweiten Welle gar nicht mehr. Aber ich kriege wie jeder andere mit, dass allein lebende Mitbürger sich nach einer menschlichen Stimme, einer Unterhaltung sehnen. Deswegen rege ich mich auch nicht auf, wenn an der Kasse im Supermarkt zwei Leute ratschen und ich vielleicht ein bisschen länger warten muss.

Gibt es auch positive Aspekte der Pandemie?

Dr. Theo Heckel: Ich habe mehr Zeit, meine Predigten vorzubereiten und das Evangelium zu verkünden. Ich freue mich auch, dass die Menschen die Natur und die Landschaft wieder mehr genießen. Ich selber gehe viel spazieren, am liebsten direkt von meiner Wohnung neben der Petruskirche los in Richtung Schwaigwall oder Isar. Als Schnee lag, habe ich das Langlaufen ausprobiert – eine neue Erfahrung, normalerweise bin ich Skifahrer. Die Dankbarkeit über kleine Dinge ist größer. Bei mir zum Beispiel darüber, dass man wenigstens eine Person zu sich nach Hause einladen darf. Genauso ist es mit der Vorfreude auf weitere Lockerungen. Man nimmt die Dinge wieder weniger selbstverständlich.

Erlauben Sie eine persönliche Frage zum Schluss: Vor drei Jahren schrieben Sie in unserer Kolumne „Gott und die Welt“, dass Sie schwer erkrankt seien. Wie geht es Ihnen jetzt?

Dr. Theo Heckel: Subjektiv gesehen geht es mir sehr gut. Ich fühle mich eigentlich blendend. Seit der Krebsdiagnose vor drei Jahren war ich durchgängig im Dienst. Ich hatte bisher keine schlimme Leidensphase. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Die Medizin hat in dem Bereich unglaubliche Fortschritte gemacht. Ich weiß aber auch: Heilung wäre ein Wunder.

In der Reihe

„Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen nach, wie sie die ungewöhnlichen Corona-Zeiten erleben.

Tanja Lühr

Das könnte Sie auch interessieren: Isar-Kaufhausinhaber Frederik Holthaus über den Corona-Lockdown

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare