Die Stadt Geretsried auf der Landkarte
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Quantensprung: Von etwa 2500 auf über 25 000 Einwohner angewachsen ist die Bevölkerung Geretsrieds innerhalb von fast 75 Jahren.

Gründungsgeschichte

Die Gemeinde Geretsried entsteht: Nachbargemeinden geben Grund ab

Zum Jubiläum der Stadt Geretsried erinnern wir an die Gemeindegründung. 1950 treten Nachbargemeinden Grund ab für die neue Kommune. Allerdings: Nicht alle beteiligten sich.

Geretsried – Ein bäuerlicher Landstrich mit Gehöften und einer kleinen Kapelle war Geretsried, bis die Nazis dort im Wald zwei Rüstungsbetriebe bauten. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden Heimatvertriebene in den Baracken und Bunkern Zuflucht. Im Norden liegt Wolfratshausen, im Süden Königsdorf, im Osten die Isar und im Westen Gelting. Wie war es möglich, dort eine neue Gemeinde zu gründen? Ein Rückblick.

Über drei Jahre leben viele 100 Frauen, Männer und Kinder in einem kommunalpolitischen Provisorium, das zu Gelting gehört. Im März 1950 treffen sich die künftigen Bürger der Kommune zu einer Versammlung. Im Gasthaus Tschannerl würdigt Bürgermeister-Stellvertreter Karl Lederer die „große Leistung von Unternehmern, Arbeitern und Frauen“, die aus einem Trümmerfeld ein geordnetes Gemeinwesen entstehen ließen. So steht es im Isar-Loisachboten vom 14. März 1950. Feste Wohnungen, Verkehrsmittel, Gaststätten, Kaufläden und Handwerksbetriebe seien geschaffen worden. Trotz der damaligen Not und Katastrophen wie dem Lagerbrand sei die Aufbauarbeit „nicht durch Unruhe getrübt worden“. Die Bevölkerung habe nie den Weg der Legalität verlassen. Lederer, bis dato Mitglied im Geltinger Gemeinderat, kündigt an, dass er an der Spitze der überparteilichen Liste für den Posten des ehrenamtlichen Bürgermeisters der neuen Gemeinde kandidieren wolle.

Der gebürtige Graslitzer dankt auch den beteiligten Gemeinden, die „mit Ausnahme Wolfratshausens, das sich nicht zur Aufgabe Föhrenwalds entschließen will, zur Abtretung von Gebietsteilen bereit waren, um so ihren Beitrag zur Lösung der Flüchtlingsfrage zu leisten“. Das neue und exakt 934,8 Hektar große Gemeindegebiet setzt sich zusammen aus 555 Hektar aus dem gemeindefreien Forstbezirk Wolfratshausen, 286 Hektar aus dem Gemeindegebiet Gelting, 85 Hektar aus dem Gemeindegebiet Königsdorf, 6,6 Hektar aus dem Gemeindegebiet Osterhofen und 2,2 Hektar aus dem Gemeindegebiet Ergertshausen. Die neue Kommune erstreckt sich südlich von Wolfratshausen längs des Isarbetts von Nordwesten nach Südosten.

Hier geht’s rein: Mit einem Transparent über der heutigen Elbestraße macht die Kommune auf sich aufmerksam und heißt seine Gäste willkommen.

Auf Anordnung des Innenministeriums findet am 16. April 1950 eine Volksbefragung statt, ob die Bewohner mit der Gründung einer eigenen Gemeinde einverstanden sind. „Sind Sie für die Neugründung der Gemeinde Gartenberg-Geretsried?“, lautet die Frage auf dem Stimmzettel. Die Beteiligung an der Abstimmung ist überwältigend: Von 1424 Wahlberechtigtenmachen sich 1246 Frauen und Männer auf den Weg in eines der beiden Wahllokale. Das entspricht 87,4 Prozent der Bevölkerung. 91,73 Prozent der Wähler sagen Ja zur Gemeinde Geretsried.

Das Innenministerium verfügt, dass die Gemeinde rückwirkend zum 1. April 1950 gegründet wird. Es ist die 38. Kommune des damaligen Landkreises Wolfratshausen. Damit sind die Bewohner des Gebiets Geretsrieder – und nicht mehr Gelting zugehörig. Die offizielle Gründung geht mit einem Staatsakt Ende Juni einher. Für die Übergangszeit bis zur ersten Bürgermeister- und Gemeinderatswahl am 18. Juni wird Karl Lederer mit der Wahrnehmung der Dienstgeschäfte des Geretsrieder Bürgermeisters betraut.

Mit einem kleinen Stab an Mitarbeitern zieht Lederer ein in „drei notdürftig eingerichtete Räume in dem mit Flüchtlingen überbelegten Verwaltungsgebäude“, dem heutigen Rathaus. Die staatliche Erstausstattung „von 10 000 oder 15 000 Mark“ reicht kaum zur Einrichtung einer Gemeindekanzlei, heißt es in einem Rückblick der Heimatzeitung 1970. Eine Hauptsorge ist die Schulfrage. Für 230 Kinder stehen nur zwei Schulsäle zur Verfügung. Aus der Betriebsfeuerwehr soll eine gemeindliche Feuerwehr werden. Zudem sind ein Friedhof und ein Leichenhaus nötig.

Ein Anhänger, ein Wagen und ein Schlitten: Übersichtlich ist der Fuhrpark der noch jungen Gemeinde im Jahr 1951.

„Dass es den Männern im Rathaus gelang, trotz der anfangs nur spärlich fließenden Steuereinnahmen die Durststrecke der ersten Jahre nach der Gemeindegründung zu überwinden und den kommunalen Notwendigkeiten Rechnung zu tragen, ist eines der Wunder in der Geschichte Geretsrieds“, schreibt der Isar-Loisachbote. „Vielleicht ist es aber auch nur die Bestätigung des alten Sprichworts ,Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige.‘“

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