Historische Fundstücke zeigt Friedrich Schumacher: Mit einem alten Plan Geretsrieds sitzt der Hobbyhistoriker am Tisch und erklärt ein Foto aus dem Jahr 1938 auf seinem Laptop. Das Bild stammt von Familie Scheumann/Hermann und zeigt Walter Scheumann, den Chef der Firma Scheumann aus Magdeburg. Scheumann steht am Rand der damals noch zweispurigen Reichsstraße 11. Sie wirkt wie eine heutige, kaum ausgebaute Gemeindeverbindungsstraße.

Dreimal geplant, zweimal gescheitert

Dreimal geplant, zweimal gescheitert: Die B11-Verlegung bei Geretsried

Bereits vor 80 Jahren war die Verlegung der Reichsstraße 11 (R 11 S) an den Schwaigwaller Hang zum ersten Mal geplant – aus einem interessanten Grund. Heute befasst sich das Staatliche Straßenbauamt in Weilheim abermals mit dem Projekt.

Geretsried – Ende November hat der Stadtrat beschlossen, das Thema B 11-Verlegung an das Straßenbauamt zu übergeben. Denn sollte die S 7-Verlängerung nach Geretsried kommen, müsste die Straße auf jeden Fall hinter den Gleisen und dem Bahnhof auf der Böhmwiese entlang des Schwaigwaller Hangs verlaufen, um Zentrum und S-Bahnstation nicht zu zerschneiden.

Hobbyhistoriker Friedrich Schumacher hat die Nachricht im Geretsrieder Merkur zum Anlass genommen, unserer Zeitung seine Recherchen über die Geschichte der R 11 S vorab vorzustellen. Sie sollen Teil des neuen „Geretsrieder Hefts“ über die Werksbahn und das frühe Straßennetz werden. Der Band wird voraussichtlich noch vor Ostern erscheinen.

1938 bauten die Nationalsozialisten die Werksbahn zwischen Wolfratshausen und Geretsried-Süd. Sie brachte Material und Arbeitskräfte in die beiden Munitionsfabriken der DAG und der DSC. Der Verbindung stand jedoch die Reichsstraße 11, damals noch zweispurig, teilweise im Weg. „Bei Kilometer 34,8 und bei Kilometer 36 war die Streckung von zwei engen Straßenkurven unabdingbar, weil die Gleise nur in einem bestimmten Radius verlegt werden konnten“, berichtet Friedrich Schumacher. Diese Kurven befanden sich auf Höhe der heutigen Aral-Tankstelle und des heutigen „Hollywood“-Schriftzugs. Der Ausbau der beiden Kurven erfolgte ebenfalls 1938 und kostete insgesamt 90.000 Reichsmark.

Verlegung der Reichsstraße wurde nicht umgesetzt

Nicht umgesetzt wurde hingegen die 1939 geplante Verlegung der Reichsstraße an den Schwaigwaller Hang. Schumacher hat zwar noch keine konkreten Entwürfe dazu gefunden, doch aufgrund von Schriftstücken hat er die Trasse nachkonstruiert. Sie sollte bei Kilometer 35 nach Westen abzweigen, durch das Lager Buchberg auf der Böhmwiese führen und bei Kilometer 38 (zwischen Gasthof Geiger und Geretsried-Stein) zurück nach Osten schwenken. Der Autor des „Geretsrieder Hefts“ vermutet, dass die abseitige Verlagerung dazu dienen sollte, die Öffentlichkeit von den Tätigkeiten in den beiden Munitionsfabriken so weit wie möglich fernzuhalten.

Die Verwirklichung der Idee scheiterte allerdings an „kriegsbedingten Einschränkungen“, wie es hieß. Zu Deutsch: Die veranschlagten 530 000 Reichsmark waren dem Führer zu viel. Am 14. Juni 1939 fiel folglich die Entscheidung, aus Kostengründen von dem Vorhaben Abstand zu nehmen.

Friedrich Schumacher hofft, dass er demnächst im Staatsarchiv oder im Hauptstaatsarchiv in München doch noch einige Skizzen zu der geplanten Verlegung entdeckt. „Das ist aber vergleichbar mit der Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass solche Pläne aus Geheimhaltungsgründen gar nicht existieren.“

Wie die verlegte Reichsstraße 11 durch das Lager Buchberg verlaufen sollte, hat Friedrich Schumacher mit einem roten Strich auf der Karte eingezeichnet

Zweite Verlegung vor der Gemeindegründung geplant

Ein zweites Mal wurde die Idee einer Verlegung nach Westen im Jahr 1949, also vor der Gründung der Gemeinde Geretsried, aufgegriffen. Belegt ist dies unter anderem durch einen Brief des Straßen- und Flussbauamtes München an die Regierung von Oberbayern. Darin steht, die Montanindustrie als Treuhänderin der ehemaligen Dynamit AG plane eine Siedlung westlich der Straße auf der sogenannten „Viehweide“ (heute Böhmwiese) mit Querverbindungen zu den Fabriken. Der Neubau der Bundesstraße 11  hätte 850 000 D-Mark kosten sollen.

Erneut fehlte es am Geld. Dem damaligen Stadtplaner Fritz Noppes wurde empfohlen, seine Wohnbausiedlung östlich der B 11 zu planen. Tatsächlich entstanden noch 1949 die ersten Häuser am Kirchplatz. Dennoch ist laut Schumacher seit 1949 auf allen Plänen die Verlegung der B 11 an den Schwaigwaller Hang eingezeichnet: in den Wirtschaftsplänen von Fritz Noppes von 1949, 1950 und 1956 sowie in den Flächennutzungsplänen von 1962, 1970 und 1980.

Heute ist die Verlegung zudem Bestandteil des „Masterplans“ der Stadt für die Entwicklung eines künftigen Zentrums auf der Böhmwiese mit S-Bahnhof und Fußwegen Richtung Karl-Lederer-Platz. Es gab also drei unterschiedliche Aspekte für das Projekt, fasst Schumacher zusammen: 1939 die Geheimhaltung und Tarnung, 1949 der Siedlungsbau und heute die Verlängerung der S-Bahn. Trotz der wiederholten Anläufe seit 80 Jahren ist der 76-jährige Geretsrieder doch zuversichtlich, „dass ich die Jungfernfahrt der S 7 nach Geretsried noch erleben werde“. Ihr müsste die Verlegung der Bundesstraße ja vorausgehen.

Tanja Lühr

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