Hölzerner Hammer auf Richterbank
+
Das Verfahren wird fortgesetzt, dann soll die Gegenseite zu Wort kommen. 

Verfahren wird fortgesetzt

Amtsgericht: Ein Streit, zwei Versionen

Zu fast jedem Streit gibt es zwei Sichtweisen. Selten gehen die aber so weit auseinander wie bei einer körperlichen Auseinandersetzung, die zwei Geretsrieder im Sommer 2017 auf offener Straße austrugen. Im Wolfratshauser Amtsgericht schilderte nur einer der Beteiligten seine Perspektive.

Geretsried – Die Anklageschrift lässt sich in etwa so zusammenfassen: Der Angeklagte, ein 30-jähriger Geretsrieder, soll an der Egerlandstraße völlig grundlos auf sein Opfer – ebenfalls ein Geretsrieder – losgegangen sein, diesem zweimal auf den Kiefer geschlagen haben und nicht einmal von ihm abgelassen haben, als der Kontrahent auf dem Boden kauernd nur noch versuchte, seinen Kopf zu schützen.

Der 30-Jährige hörte sich die Schilderung seelenruhig an. „Ich bin ein sehr höflicher, respektvoller Mensch“, sagte er zu Beginn seiner Ausführung. Die Auseinandersetzung sei völlig anders abgelaufen – und habe darüber hinaus eine lange Vorgeschichte. Der Angeklagte sieht sich in der Geschichte als das eigentliche Opfer: Zusammen mit seiner Gattin, die als Zeugin seine Version der Geschichte untermauerte, und einer Bekannten sei er in Geretsried unterwegs gewesen, als er völlig unvermittelt vom Kläger angegriffen wurde. „Er hat sich schon von Weitem so aufgeführt, dann ist er auf mich losgegangen, hat mich mit beiden Fäusten gegen die Brust gestoßen und mehrmals versucht, mich zu schlagen. Ich habe ihn nur weggestoßen.“ Sogar mit einer Flasche habe ihn das vermeintliche Opfer bewerfen wollen und ihm im Eifer des Gefechts eine Kette vom Hals gerissen. Erst ein Passant habe die frühabendliche „Rauferei“, wie der Angeklagte es nannte, auflösen können. Dass er sich auf der Anklagebank wiederfand, konnte der Geretsrieder nicht verstehen.

Es sei nicht der erste Streit zwischen den beiden gewesen, erklärte der Angeklagte. Einmal habe ihm der Kläger aus Eifersucht gar die Nase gebrochen. Als sich die beiden Kontrahenten kennenlernten, war die heutige Frau des 30-Jährigen noch mit dem Kläger liiert. „Wir waren zu diesem Zeitpunkt nur Freunde“, beteuerte der heutige Gatte vor Gericht. Dennoch gab es an einem Abend, den der Angeklagte und die Geretsriederin gemeinsam verbrachten, einen handfesten Krach. „Er ist völlig ausgerastet, hat sie als Hure beschimpft, ihr eine Watschn gegeben und ihre Wohnung verwüstet“, erinnerte sich der Angeklagte. Als er gewaltsam versucht habe, die Tür zu öffnen, habe er dem 30-Jährigen die Nase gebrochen. Dass dieser Streit nie angezeigt wurde, löste beim Amtsrichter Unverständnis aus: „Wenn mir jemand die Nase bricht, dann führt mein erster Weg zur Polizei.“

Das Gericht hörte nur die Version des Angeklagten. Weil weder der Kläger noch ein Bekannter von ihm, der als Zeuge aussagen sollte, zur Verhandlung erschienen, wird das Verfahren fortgesetzt, dann soll die Gegenseite zu Wort kommen.

dst

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare