1. Startseite
  2. Lokales
  3. Geretsried-Wolfratshausen
  4. Geretsried

Einblicke ins Gästebuch des Gasthauses Korb: Autogramme und asiatische Schriftzeichen

Erstellt:

Von: Doris Schmid

Kommentare

„Danke für gute Bewirtung in Ihrem gastfreundlichen Haus“: Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt stattete dem Gasthaus Korb 1976 einen Besuch ab.
„Danke für gute Bewirtung in Ihrem gastfreundlichen Haus“: Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt stattete dem Gasthaus Korb 1976 einen Besuch ab. © Doris Schmid

Der Geretsrieder Klaus Sandner hat einen ganz besonderen Schatz: Das Gästebuch des ehemaligen Gasthauses Korb. Unserer Zeitung gewährte er einen Einblick.

Geretsried – Fast 30 Jahre gab es das Gasthaus Korb in Geretsried. Für zahlreiche festliche Anlässe empfing die Wirtschaft mit dem großen Saal während dieser Zeit Besucher. Neben den Geretsriedern gingen dort internationale und prominente Gäste ein und aus. Das beweist ein Blick ins Gästebuch, das sich seit mehr als 40 Jahren im Besitz von Klaus Sandner befindet.

Durch Zufall entdeckt

Nach unserem Bericht über das Gasthaus an der Elbestraße meldete sich Sandner in der Redaktion und bot unserer Zeitung an, im Gästebuch zu schmökern. Der 78-Jährige verriet zudem, wie er an das Buch gelangt ist. „Ich habe früher bei der Firma Speck als Meister gearbeitet“, erzählt der gebürtige Sachse. „Und von meinem Meisterbüro aus konnte ich direkt rüberschauen zum Korb.“ Als das Gasthaus für immer seine Pforten geschlossen hatte und abgerissen werden sollte, ging Sandner, der in der Wirtschaft selbst oft Gast war, nochmals hinüber. „Alle Bücher waren aus den Regalen herausgerissen und lagen am Boden“, erinnert sich der gelernte Akkordeonbauer, Reinstimmer und Dreher. Er entdeckte das Gästebuch und nahm es mit. Sandner: „Eine Woche später rückte ein Bagger mit Abrissbirne an und machte alles platt.“

Die Familie Korb kam im April 1946 mit den ersten Graslitzern im Lager Buchberg auf der heutigen Böhmwiese an. 1949 pachteten die Heimatvertriebenen einen Bunker an der heutigen Elbestraße, um dort ein Gasthaus zu eröffnen. Wie berichtet führte die Familie das Lokal knapp 30 Jahre, später ersetzte eine Wohnanlage den Bunker.

Sänger und Schauspieler verewigten sich mit ihrer Unterschrift

Mutmaßlich handelt es sich beim Gästebuch, das Sandner rettete, nicht um das erste seiner Art. Denn der erste Eintrag stammt aus dem Jahr 1959 – da gab es die Wirtschaft schon einige Jahre. „Wer wünscht wirklich gut zu speisen, sollte nur zum Korb hinreisen“ heißt es auf der ersten Seite. Und diesen Ratschlag befolgten die Geretsrieder, die dort Familienfeiern ausrichteten, ebenso wie Firmen, die Gäste einluden. Auch Sänger und Schauspieler gaben sich die Klinke in die Hand.

Mit einer Autogrammkarte verewigten sich beispielsweise Schlagersängerin Barbara Evers, Schauspieler Jean Thomé und die Geschwister Fahrnberger, ein deutsches Gesangsduo bestehend aus Rosa und Anni Fahrnberger. Die Schwestern traten in den 1950er-Jahren mit volkstümlichen Schlagern auf, daneben hatten sie mehrere Filmauftritte. Auch Volkssänger und Schauspieler Georg Blädel, genannt Blädel Schorsch, war zu Gast. Ein Schreiber bedankt sich für die „1A-Forellen“, ein anderer für den guten Faber-Kaffee. Daneben gibt es Einträge auf Englisch, Französisch, Spanisch und Koreanisch. Unterschrieben haben die Mitglieder einer dänischen Delegation ebenso wie vier indische Journalisten von der „Hindustan Times“.

Auch eine Speisekarte befindet sich im Gästebuch

Zu besonderen Anlässen war der große Saal festlich eingedeckt. So zum ersten richtigen Jubiläum, das die Stadt 1975 feierte: nämlich 25 Jahre Geretsried. Dem Gästebuch ist eine Speisekarte beigelegt. Serviert wurden Hummer-Cocktail, Leberconsommé, Hirsch- und Hasenkeule nach Wiener Art, Pökelzunge mit Gemüse, Kalbsmedaillon und Rinderfilet. Als Beilagen gab es böhmische Knödel, Kartoffelpüree, Petersilien-Kartoffeln und einen gemischten Salat. Ein edler Tropfen durfte ebenfalls nicht fehlen. Zum Jubiläumsmahl kredenzte die Küche einen 1966er Niersteiner Ratsherrenwein und einen französischen Beaujolais aus dem gleichen Jahr. Als Dessert servierte der Chefkoch Pfirsich-Melba und Feingebäck.

Auch ein Foto von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt klebt im Gästebuch. Darunter steht geschrieben: „Danke für gute Bewirtung in Ihrem gastfreundlichen Haus“. Der letzte Eintrag datiert auf den 12. April 1977. Ein Besucher aus Nordirland schreibt: „Herzlichen Dank für das exzellente Mahl, unser Kompliment dem Haus.“ Knapp ein halbes Jahr später schließt die beliebte Wirtschaft für immer ihre Pforten.

Lesen Sie auch: Hier ging es auch mal mit dem Pferd bis an den Tresen

Klaus Sandner denkt gern an seine Sonntagsbesuche im Gasthaus Korb zurück. „So mit 17, 18 Jahren haben wir uns dort getroffen, bevor wir ins Kino gegangen sind“, erzählt der Geretsrieder. Man habe eine gute Hose, ein sauberes Hemd und eine „gescheite Jacke“ angehabt. „Wir haben Fernsehen geschaut und bei der Gelegenheit eine Halbe Weißbier getrunken.“ Das sei ein richtiges Ritual gewesen. Der Senior: „Damals hat ja noch nicht jeder einen Fernseher gehabt.“

nej

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter.

Serie In unserer Serie „Historische Wirtshäuser“ stellen wir in loser Reihenfolge ehemalige Geretsrieder Gaststätten vor. Wer Infos und Fotos beisteuern kann, meldet sich per E-Mail an redaktion@isar-loisachbote.de

Auch interessant

Kommentare