Frank und Aenny Bauer mit ihren Kindern Louisa (2) und Norman (4) am Tag ihrer Abfahrt in New York.
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Bereit für die Reise über den großen Teich: Frank und Aenny Bauer mit ihren Kindern Louisa (2) und Norman (4) am Tag ihrer Abfahrt in New York.

Als Bub erlebte der Amerikaner Norman Weber das Kriegsende im Wolfratshauser Forst

Eine unglaubliche Reise von New York nach Geretsried

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Mit seiner Familie lebte Norman Weber von Juli 1944 bis April 1945 in einem der Ingenieurshäuser. Über seine Erlebnisse hat er ein Buch geschrieben. Auch die Tagebücher seiner Großmutter und seiner Mutter hat er veröffentlicht. Sie geben Einblick in eine schwere Zeit voller Unwägbarkeiten, Leid - und Glück.

Geretsried – Nachdenklich schaut Frank Weber, mit Tochter Louisa (2) auf dem Arm, in die Kamera. Seine Frau Aenny lächelt. Endlich geht es in die Heimat nach Deutschland zurück, mag sie sich wohl denken. Sohn Norman hat sich zum Erinnerungsfoto an diesem denkwürdigen Tag im Mai 1939 vor seine Eltern gestellt. Die linke Hand des Vierjährigen umschließt zwei Finger der rechten.

Sein Blick – skeptisch. Die Familie ist bereit. Bereit für die Überfahrt von New York nach Bremerhaven. Gleichzeitig hofft sie, noch vor dem drohenden Kriegsausbruch wieder in den Staaten zu sein.

Der Vater und Großvater liegt im Sterben

Der Grund für die Reise ist ernst: Aenny Webers Vater liegt im Sterben. Nach etwa sechs Tagen auf See betritt die Familie wieder festen Boden, und das Unheil kommt schneller als erwartet. Es ist der 1. September 1939. Genau an diesem Tag beginnt mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Inzwischen ist klar: Der schwer erkrankte Vater und Großvater hat sich wieder erholt. Doch für die Webers gibt es kein zurück. Sie müssen in Deutschland bleiben.

Die Familie zieht nach Berlin, weil es dort Arbeit gibt. „Mein Mann war jedoch ziemlich unglücklich, und ich musste die Starke sein, die ihn ständig ermutigte“, schreibt Aenny Weber. Die Eltern werden immer wieder verhört, und die Lage wird zunehmend gefährlicher. Weil die Webers als Ausländer gelten, besteht die Gefahr, dass man sie in ein Lager schickt. Um dem zu entgehen, meldet sich Frank Weber bei der Wehrmacht. Er wird als Sonderführer an der Ostfront eingesetzt.

Für die Mutter und ihre zwei Kinder folgt eine sorgenvolle Zeit. „Die Bombenangriffe begannen, und wir mussten oft in den Keller gehen. Manchmal zwei-, dreimal die Nacht. Die armen Kinder wurden ihres Schlafs beraubt“, schreibt Aenny Weber. Immerhin hat die Familie genug zu essen. Aenny Webers Eltern schicken oft Fresspakete, sie haben gute Beziehungen. Ein Lichtblick ist der Besuch von Frank Weber, der auf Heimaturlaub nach Hause darf.

Veröffentlichungen von Norman Weber

• Das Buch „Am Forst #882 Buchberg“ ist im März 2021 erschienen (ISBN 9798703158616). Darin schildert Norman Weber auf Englisch, wie er die Zeit in Buchberg erlebt hat.

• Die Autobiografie seiner Mutter Aenny Weber „My Life – Experiences through Two World Wars in Germany“ hat Weber bereits 2016 veröffentlicht (ISBN 9781535512879).

• Im gleichen Jahr gab er das Tagebuch seiner Großmutter Anna Elisabeth Bauer heraus: „My Diary 1942-1954 Years of War – My Life among my dear Ones“ (ISBN 9781517520663). Es tauchte nach dem Tod der Großmutter im Jahr 1995 auf und war in altdeutscher Schrift verfasst. Norman Weber übersetzte es ins Englische.

Im Mai 1943 stirbt Aenny Webers Vater. Sie reist nach München, aber sie schafft es nicht mehr, ihren Vater lebend zu sehen. Der Brauerei-Direktor wird auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Das große Haus am Nockherberg gibt Witwe Anna Bauer auf. Um Abstand zu gewinnen, reist sie zu Verwandten. Schlussendlich zieht sie zu ihrer Tochter Erika und ihrem Schwiegersohn Jost Lindner, die im heutigen Geretsried in einem der Ingenieurshäuser leben.

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Aenny Weber ist mit den Kindern Louisa und Norman wieder in Berlin. Aber nur für wenige Monate. Über das Radio werden im August 1943 alle Frauen mit Kindern und Besucher dazu aufgerufen, Berlin schnellstmöglich zu verlassen. Die 37-Jährige entscheidet sich, zu ihren Schwiegereltern im 100 Kilometer entfernten Neuzelle zu reisen. Am Nachmittag geht sie zum Bahnhof. „Ich kam erst am nächsten Tag um drei Uhr morgens zurück. So lange musste ich in der Schlange stehen, um die Tickets zu bekommen“, notiert Aenny Weber. „Man kann sich das Chaos nicht vorstellen. Alle wollten Berlin verlassen.“ In Windeseile wird das Notwendigste zusammengepackt.

Mit Zigaretten lässt sich fast alles bezahlen

Im Haus der Schwiegereltern in Neuzelle ist genug Platz für alle. Ein paar Mal fährt Aenny Weber mit dem Zug nach Berlin, um Sachen für die Kinder zu holen. „Diese Trips waren immer schrecklich“, schreibt sie. Die Züge waren überfüllt, und alle hatten Angst vor Luftangriffen der Briten und Amerikaner. Einmal lässt man die Mutter das Drehkreuz im Bahnhof in Neuzelle nicht passieren. Alles Flehen hilft nichts. Erst, als sie den Soldaten mit Zigaretten besticht, darf sie durch. Aenny Weber: „Ich hatte immer Zigaretten dabei. Mein Ehemann hatte mir eine große Menge geschickt. Man konnte fast alles mit Zigaretten bezahlen.“

Kurze Zeit später erkranken die Mutter und ihre beiden Kinder schwer an Gelbsucht. Als Frank Weber im Februar 1944 auf Heimaturlaub darf, erschrickt er, als er seine fast bis auf die Knochen abgemagerten Frau und Kinder sieht. Er entscheidet, sie mit nach Przemysl in Polen zu nehmen, wo er stationiert ist. „Ich hatte das Gefühl, dass alles ein bisschen unheimlich war, in einem fremden Land unter fremden Menschen. Wie auch immer, alle waren sehr freundlich und brachten uns alle Arten von Lebensmitteln. Wir mussten nicht hungern“, berichtet Aenny Weber.

Die Familie ist nur kurze Zeit vereint. Bereits im Juni 1944 muss Aenny Weber Przemysl und ihren Ehemann verlassen, weil die russische Armee immer näher rückt. Mit Louisa und Norman steigt sie in den letzten Zug, der die Stadt verlässt. „Wir mussten uns wieder trennen. Wieder mit der Angst, dass wir uns nie mehr wiedersehen“, schreibt Aenny Weber.

Sie trifft die Entscheidung, zu ihren Angehörigen zu fliehen. Drei Wochen ist die Mutter mit den beiden kleinen Kindern unterwegs. Es geht über Tschechien und Sachsen nach München. In dieser Zeit bemerkt sie, dass sie wieder schwanger ist. Über die Reise, die in ihren Augen turbulent, schrecklich und unglaublich war, verliert sie nicht viele Worte.

Dunkler Tarnanstrich: Das Bild aus dem Jahr 1943 oder 1944 zeigt das Ingenieurshaus, in dem die Webers lebten. Auf der Treppe vor dem Haus stehen Familienmitglieder – unter anderem ist Norman Webers Großmutter darauf zu erkennen (2. v. re.).

Am 20. Juli 1944 treffen die Drei im heutigen Geretsried ein. Zuflucht finden sie bei Aenny Webers Schwester Elly, ihrem Mann, den beiden Kindern und der Großmutter, die dort ebenfalls untergekommen ist. Sie leben im Ingenieurshaus 882. Jost Lindner ist als technischer Leiter beim Munitionswerk Dynamit AG (DAG) beschäftigt. An die ersten Tage im neuen Zuhause kann sich Norman Weber noch gut erinnern. „Wir hatten drei Tage Warnungen vor Luftangriffen und rannten in den Kellerraum“, schreibt er. Das Heulen der Sirenen trifft ihn bis ins Mark.

Der Neunjährige teilt sich ein Zimmer mit seinem Cousin. Das Fenster zeigt nach Südwesten. Er bemerkt die Baracken gegenüber von der Straße und ist neugierig. Sein ein Jahr älterer Vetter erklärt ihm, dass dort die Arbeiter der Munitionsfabriken leben. „Das war alles, was er sagte.“ Es sind Zwangsarbeiter, überwiegend deportierte Russen, die dort hausen.

Fest im Blick: Vom Ingenieurshaus 882 (ganz links im Bild) konnten die Webers direkt auf das Barackenlager auf der heutigen Böhmwiese schauen.

Die Kinder dürfen zum Spielen das Haus verlassen. Aber die Eltern mahnen zur Vorsicht. Einmal wagen sich die Buben in die Nähe der Baracken. Die Tür zu einer Scheune ist angelehnt, und sie entdecken einen abgedeckten Lkw mit drei Rädern. Schwups, ist die Plane unten, und die Jungen spielen. Nach einer Weile bedecken sie das Fahrzeug wieder und stehlen sich in Richtung Baracken davon. Ein deutscher Soldat bemerkt die Buben und ruft ihnen zu, sie sollen umkehren.

Buben müssen zur Hitler-Jugend

Im Februar 1945 bekommen Aenny Weber und ihre Schwester Post: Ihre Buben müssen ins Lager der Hitler-Jugend – die heutige Jugendbildungsstätte Hochland in Königsdorf – einrücken. Sie lernen zu kochen, Fuchslöcher zu graben, eine Pistole, ein Gewehr und ein Maschinengewehr zu bedienen und abzufeuern, wie man eine Handgranate wirft und wie man eine Schulterpanzerfaust abfeuert. „Die Gehirnwäsche blieb nicht hängen“, erinnert sich Norman Weber. Während der Zeit im Lager kommt das dritte Kinder der Webers, Tochter Helga, zur Welt. Nach einer Woche dürfen die Buben nach Hause.

Schwarze Rauchwolken über Gartenberg: Am 9. April 1945 bombardierten die Alliierten die Munitionsfabrik der Dynamit AG.

Luftangriffe

Über 60 Mal mussten die Familien Zuflucht im Keller ihres Hauses oder im Bunker jenseits der heutigen B11 suchen, weil die Sirenen heulten. An manchen Tagen sogar mehrmals. Norman Webers Großmutter, Anna Bauer, schrieb Tagebuch und hielt darin die Luftangriffe auf das heutige Geretsried fest. „Heute ist der erste massive Angriff auf die Fabrik“, vermerkte die Großmutter für den 9. April 1945 – ein Montag. Am Nachmittag um 16.30 Uhr „legte der Feind einen Bombenteppich ab“. Und weiter: „Wir waren im Bunker und durchlebten angstvolle Minuten, weil alles zitterte. Nach eineinhalb Stunden konnten wir den Bunker verlassen. Wir hatten das große Glück, dass die Häuser der Familien noch standen, obwohl alle Fenster zerbrochen waren. Wir hatten kein Licht und kein Wasser, Radio und Telefon funktionierten nicht. 1600 Bomben waren abgeworfen worden.“

In den letzten Kriegstagen Ende April 1945 werden über 7000 ehemalige KZ-Häftlinge im sogenannten Todesmarsch von Dachau in Richtung Alpen getrieben. Daran erinnert sich auch Norman Weber. „Alles, was wir sahen, waren Menschen in zerlumpten Kleidern, einige ohne Schuhe, aber ihre Füße in Stoff gewickelt, und deutsche Soldaten, die ihre Gewehrkolben benutzen, um die KZ-Leute zu drängen.“ Sie kommen im überfüllten Lager Buchberg unter. Am 30. April 1945 trifft der erste amerikanische Gefechtswagen ein, und die Kinder werden Zeuge einer grausamen Szene: Der Lagerführer wird von russischen Arbeitern erschlagen.

Die Straße war mit Menschen verstopft, verstört, abgemagert, schmutzig, mit zerrissenen Kleidern auf dem Rücken. Es war schrecklich.

Norman Weber

Die Lage ist gefährlich, und die Familie entscheidet sich erneut zu fliehen. Aenny Weber und ihre Schwester packen die Habseligkeiten in Koffer und Rucksäcke. Der Kinderwagen wird mit Lebensmitteln gefüllt, darauf kommt Säugling Helga in viele warme Decken gehüllt. „Die Straße war mit Menschen verstopft, verstört, abgemagert, schmutzig, mit zerrissenen Kleidern auf dem Rücken. Es war schrecklich“, schreibt Norman Weber. Die Familie wird bedroht und ausgeraubt, schafft es aber bis nach Wolfratshausen. Aenny Weber zeigt den Amerikanern die Geburtsurkunden ihrer ältesten Kinder, die amerikanische Staatsbürger sind. Sie haben Glück, sie kommen für eine Nacht im Krankenhaus unter. Nach ein paar Tagen im Lager Föhrenwald finden die Flüchtlinge ein Zimmer bei einem Bäcker. Die Amerikaner versorgen sie mit dem Nötigsten. Vater Frank Weber ist zunächst in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Er wird entlassen und kommt nach Wolfratshausen.

Dank seiner guten Englischkenntnisse kann das Ehepaar für die amerikanische Militärregierung einige Zeit als Übersetzer arbeiten. Das bringt Aenny Weber den Titel „Queen of Wolfratshausen“ ein. Wie es dazu kam – das ist eine andere Geschichte.

nej

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