Lawinenabgang im Berchtesgadener Land - Großeinsatz

Lawinenabgang im Berchtesgadener Land - Großeinsatz
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Einer seiner Lieblingsplätze: Mathias Schunk im Cockpit eines Segelflugzeugs.

Porträt eines leidenschaftlichen Piloten

Einmal zum Mond

Geretsried - Nur Fliegen ist schöner. Diesen Satz hat Mathias Schunk verinnerlicht. Der 50-Jährige sitzt beruflich im Cockpit eines Linienjets. Privat schwebt er am liebsten im Segelflugzeug über die Alpen. 

Der Mann, der ganz entspannt auf der Couch sitzt, ist schon von der Erde bis zum Mond geflogen. Also nicht wirklich. Aber rund 400 000 Kilometer, so weit ist es von hier zu unserem Erdtrabanten, hat Mathias Schunk in seinem bisherigen Leben in Flugzeugen zurückgelegt. Kein Wunder: Er fliegt so gut wie immer. Muss er seinen Lebensunterhalt verdienen, sitzt er im Cockpit einer Boeing. In der Freizeit steuert er Segelflugzeuge. Schunk hat nachgerechnet und kommt auf etwa 6500 Flugstunden im Segler und 20 000 in einem Linienjet. „Das sind rund drei Jahre“ im Leben des 50-Jährigen.

Das Faible fürs Fliegen hat der „Ur-Geretsrieder“ – er ist der Enkel von Karl Lederer, der erste Bürgermeister nach der Gründung der Gemeinde im Jahr 1950 – von Papa Dieter. Der ist selbst Segelflug-Pilot und nimmt Kleinst-Mathias schon mit auf den Flugplatz in Königsdorf, als der Sohnemann noch im Kinderwagen liegt. Schunk ist „auf dem Platz praktisch groß geworden“. Auch sonst ist schnell klar, wohin die Reise hingehen wird: Aus Legosteinen kreiert er überwiegend Flugzeuge und einen „Kleinen Uhu“, den legendären Modellbausatz, bastelt Schunk natürlich auch zusammen. Zu seinem 30. Geburtstag, erzählt er, habe man ihm einen Fragebogen geschenkt, „den ich als Fünfklässler an der Schule ausgefüllt habe“. Auf die Frage nach dem Berufswunsch setzte er – Fan von Bayern München – damals an erster Stelle Profifußballer und an Nummer zwei Lufthansa-Pilot. „Das Ding hängt heute eingerahmt bei mir zu Hause an der Wand.“

Mit 14 darf Schunk endlich mit der Segelflug-Ausbildung beginnen. Drei Jahre später, genau an seinem 17. Geburtstag, fährt er zum Luftamt nach München und holt sich den Flugschein ab. Nach dem Abitur 1984 bewirbt sich der Teenager bei der Lufthansa. Doch die Airline hat gerade Einstellungsstopp. Die Alternative, Jetpilot bei der Bundeswehr, ist für ihn keine mehr, als ihm klar wird, dass er dort 15 Jahre bleiben muss, auch wenn es mit der Pilotenkarriere nicht klappen sollte. Dann doch lieber Wehrdienst als Sportsoldat in Neubiberg. Mathias Schunk fliegt mittlerweile im Junioren-Nationalteam und wird für Wettkämpfe oft freigestellt. „Rückblickend war das eine geile Zeit“, sagt er

Einen Tag, nachdem er die Uniform abgelegt hat, bewirbt sich der Geretsrieder erneut bei der Lufthansa. Parallel schreibt er sich an der Uni für das Studium der Luft- und Raumfahrttechnik ein. Die Dozenten dort sehen ihn allerdings kaum. Schunk treibt sich mehr in der Werkstatt der Akaflieg München herum, einer Gruppe von Studenten der Münchner Hochschulen, die Segel- und Motorflugzeuge konstruieren, bauen und fliegen. Dann hilft Bruder Zufall: Schunk legt ein langweiliges Lehrbuch zur Seite und beginnt, ein paar Zeilen an die Lufthansa zu verfassen. Weil ihm auch das bald zu mühsam ist, greift er kurzerhand zum Telefonhörer – und hat „unfassbares Glück“. Die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung erklärt, dass just und im Grunde so gut wie nie vorkommend ein Platz freigeworden sei. Im April 1986 beginnt der damals 20-Jährige in der Verkehrsfliegerschule Bremen mit der Ausbildung, die ihn zum praktischen Teil nach Phoenix, Arizona, führt. Im Mai 1988 absolviert er als Co-Pilot auf der Strecke Frankfurt-Oslo seinen ersten Linienflug. An Bord sitzen auch die stolzen Eltern. Als die nach der Ankunft in Norwegens Metropole sofort wieder für den Rückflug einchecken möchten, wundert sich die Dame vom Bodenpersonal dann doch. „Die hat meinen Eltern beinahe verzweifelt erklärt, wie schön Oslo ist“, sagt Schunk und lacht. „Sie wusste ja nicht, was der Grund für ihren Flug war.“

Ist Pilot sein Traumberuf? „Hmm“, zögert der 50-Jährige, „wenn einen der Wecker um 3.30 Uhr früh aus dem Bett klingelt, kann man sich natürlich auch Schöneres vorstellen.“ Aber in den nun 28 Jahren habe er sich noch niemals Gedanken darüber gemacht, „ob ich den falschen Beruf gewählt habe“ – und dies trotz unangenehmer Begleitumstände wie die zunehmende Terrorgefahr.

Zum Abschalten vom Alltag braucht Mathais Schunk kein Sofa. Auch da ist ihm der Sitz in einem Cockpit lieber. Fast jede freie Minute verbringt der dreifache Vater – seine Familie ist natürlich flugaffin – in einem Segler. Fürs Segelflugzentrum Königsdorf bestreitet er Rundenwettkämpfe in Bundes- und Alpenliga. Drei Europarekorde im Streckensegelflug hält er, darunter den für den weitesten Flug mit einem Flugzeug der offenen Klasse auf diesem Kontinent. 1750 Kilometer trug ihn damals der Südwind über 15 Stunden von Sonnenauf- bis -untergang. Schunk gewann zudem mehrmals den Barron-Hilton-Cup, den einzigen dezentralen Streckensegelflug-Wettbwerb der Welt. Das bescherte ihm eine Einladung auf die Flying-M Ranch des Hotelmagnaten und passionierten Segelfliegers Barron Hilton in Nevada. Dort lernte er die besten Piloten der Welt kennen. „Eine unglaubliche Woche, tolle Leute, wahnsinniger Luxus – das Highlight meiner sportlichen Karriere“, schwärmt der 50-Jährige. Toppen würde das wohl nur ein realer Flug zum Mond.

Peter Borchers

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