Zwei Frauen vor einem Geschäft
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Die Folgen der Corona-Pandemie setzen dem stationären Handel schwer zu. „Das Ziel im Moment heißt Überleben“, formuliert Hans-Joachim Kunstmann, Vorsitzender des Werbekreis Einkaufsstadt Wolfratshausen, drastisch.

Chefs von Werbekreis und ProCit sind sich einig

Einzelhandel: „Das Ziel im Moment heißt Überleben“

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Der stationäre Handel ächzt unter den Folgen der Corona-Pandemie. Dennoch müssten jetzt Pläne für den Tag X geschmiedet werden, sagen die Chefs der Einzelhandelsverbände in Geretsried und Wolfratshausen.

Geretsried/Wolfratshausen – Ludwig Schmid und Hans-Joachim Kunstmann haben mehrere Gemeinsamkeiten. Beide sind selbstständige Unternehmer. Schmid ist seit gut vier Jahren Vorsitzender des Geretsrieder Einzelhandelsverbands ProCit, Kunstmann lenkt seit März 2020 die Geschicke des Werbekreises Einkaufsstadt Wolfratshausen. Einig sind sich die zwei mit Blick auf den Einzelhandel, der seit Monaten unter den Folgen der Corona-Pandemie ächzt: Jetzt müssen nach ihrer Meinung Pläne für den Tag X geschmiedet werden, an dem die Ladentüren wieder geöffnet werden dürfen. „Dann müssen wir massiv anschieben“, sagt Schmid. „Wir müssen nicht dauernd zusammen reden, wir müssen nicht gemeinsam jammern oder lästern, wir müssen zusammen handeln“, lautet Kunstmanns Credo.

Viele Händler und Dienstleister sind „am Limit“

Das latente Problem seit Monaten sei, dass das dynamische Infektionsgeschehen „kaum Planungen erlaubt“, bilanziert ProCit-Vorsitzender Schmid. „Wirtschaftlich und nervlich“ seien viele Einzelhändler und Dienstleister „am Limit“. Das gelte insbesondere für „One-Man-Shows“ wie den Massagetherapeuten, „der nicht mal eine Lobby hat“. Je spezieller die Branche, „desto spezieller die Probleme“, bringt es Schmid auf einen einfachen Nenner. Doch branchenübergreifend habe sich „Perspektivlosigkeit“ breitgemacht.

Auch Schmid selbst musste sein Café schließen und seinen Cateringservice einstellen. Seiner Bäckerei fehlen Schulen und Gastronomiebetriebe als Abnehmer, der Umsatz seines „Mischbetriebs“ brach um 25 Prozent ein. Für den Unternehmer eine Katastrophe, für den Staat nicht schlimm genug: Überbrückungsgeld gibt’s erst ab 30 Prozent Umsatzverlust. „Und jetzt muss ich auch noch für 2000 Euro im Monat Corona-Selbsttests für meine Mitarbeiter kaufen.“ Mindestens drei Cent teurer müsste vor diesem Hintergrund eine Schmid-Bäck‘-Semmel werden. Doch von der Preisschraube lässt der Geschäftsführer die Finger.

Wir müssen digitaler werden, müssen uns vernetzen, wir müssen zeitgemäßer werden und den Sofa-Shopper abholen.“

Hans-Joachim Kunstmann, Werbekreis-Vorsitzender

Schmid ist kein Schwarzmaler, aber nicht resistent gegen Resignation. Was ihn zermürbt? „Wenn Lockerungsperspektiven aus nicht nachvollziehbaren Gründen wieder einkassiert werden.“ Ein Beispiel: Nachdem im Landkreis die berühmt-berüchtigte Sieben-Tage-Inzidenz zwei Wochen unter 100 geblieben war, beantragte Landrat Josef Niedermaier, die Kulturstätten im Kreis – regelkonform – wieder öffnen zu dürfen. Doch das zuständige Ministerium habe urplötzlich eine Kehrtwende hingelegt – und den Antrag abgelehnt, erinnert sich Schmid.

Der ProCit-Chef setzt auf die Solidarität der Mitgliedsbetriebe, der Kunden und der Kommune: „Innenstadt funktioniert nur als Gemeinschaftsleistung.“ Vor allem jetzt, nachdem Geretsried „erstmals in seiner Geschichte“ ein „echtes Zentrum“ bekomme, dürfe man die Flinte nicht ins Korn werfen. Der Einzelhandelsverband stehe in engem Kontakt mit Bürgermeister Michael Müller und Wirtschaftsförderin Rebecca Geißler. „Aktuell kann die Stadt genau genommen nichts für uns tun“, räumt Schmid mit Blick auf die wenigen Kunden ein, die eiligen Schrittes Dinge des täglichen Bedarfs kaufen. Stattdessen müsse jetzt für den Tag X geplant werden: „Das A und O wird sein, die Menschen wieder in die Stadt zu holen.“ Dazu müssten Anlässe kreiert und kräftig auf die Werbetrommel geschlagen werden.

Werbekreis-Chef hadert mit Schlingerkurs der Politik

Ins selbe Horn stößt Werbekreis-Vorsitzender Kunstmann. „Das Ziel im Moment heißt Überleben“, formuliert er drastisch. Wer nicht ein Opfer der „fürchterlichen Katalyse“ werde, für den heiße es hoffentlich bald: „Durchstarten!“ Kunstmann setzt darauf, dass sich in der Krise eine „Schicksalsgemeinschaft“ bildet, dass „Kräfte gebündelt werden“. Schon heute hat er den Eindruck, dass das Zusammenspiel zwischen Werbekreis, dem Verein Lebendige Altstadt und der Stadt „noch besser funktioniert“ als vor dem Ausbruch der Pandemie. Allerdings müsse König Kunde sein Scherflein dazu beitragen, dass der stationäre Handel nicht ausblutet: „Wir brauchen den Kunden, der lokal einkauft, mehr denn je“, sagt Kunstmann. An die Kaufmannschaft appelliert er: „Wir müssen digitaler werden, müssen uns vernetzen, wir müssen zeitgemäßer werden und den Sofa-Shopper abholen.“ Kunstmann begrüßt die Initiative der Stadt Wolfratshausen, die sich wie berichtet für ein Modellprojekt des Staatsministeriums für Digitales bewirbt, ausdrücklich.

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Über den Schlingerkurs, den Land und Bund nach seiner Meinung seit Monaten fahren, ist Kunstmann „unglücklich“. Typisch deutsch sei die „Verbotsmentalität“. Statt die Bürger durch staatliche Anordnungen „100 Prozent kontrollieren zu wollen“, hätte man ihnen „80 Prozent Selbstverantwortung einräumen sollen“. Kunstmann ist sich sicher, dass „der konstruktiv denkende Mensch, wohlgemerkt nicht der querdenkende Mensch“, in der Lage wäre, sich pandemiekonform zu verhalten. Statt einen undurchdringbaren Dschungel aus „konkurrierenden Verbotsregeln“ wuchern zu lassen, wäre es besser gewesen, „eine Kultur des freundlichen Abstandshaltens in der Gesellschaft zu implementieren“. Dass nicht jeder mit der individuellen Freiheit umgehen kann, ist Kunstmann klar. Eine Krise bringe stets das Beste einer Gesellschaft zum Vorschein, „aber auch das weniger Gute“. Allerdings: „Eine Krise verändert die Gesellschaft nicht grundlegend, sondern zeigt, wie sie ist“, meint Kunstmann.

Noch werde der Blick in die nahe Zukunft „monothematisch“ von der Corona-Pandemie überschattet. Doch wie sein Geretsrieder Procit-Kollege Schmid betont Kunstmann, dass nun Weichen gestellt werden müssen. „Mit aller Kraft, die der Werbekreis und die Stadt haben“, müsse der Neustart des Handels und der Dienstleister beflügelt werden. „Wir stehen mit vielen Aktionen in den Startlöchern“, kündigt der Werbekreis-Vorsitzende an. „Framework“, das heißt übersetzt die Rahmenstruktur, „muss aber von allen kommen, die das leisten können“. (cce)

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