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Große Rüttler: Dr. Inga Moeck (LIAG) und Silke Bißmann (DMT) vor den Vibrationsfahrzeugen, die die Schallwellen erzeugen. 

Geothermie-Bohrungen in Gelting 

Enex horcht ins Erdreich hinein

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Geretsried – Zwei Jahre war das Bohrloch auf dem Hofgut Breitenbach verschlossen. Mitte Dezember wurde es für eine Untersuchung geöffnet: Nach dem Fehlschlag vor drei Jahren will Enex im ersten Quartal erneut nach heißem Thermalwasser bohren.

Deckel drauf: Über diesen speziellen Aufsatz wurden die Geophone in das Bohrloch hinabgelassen.

Seit 1. Mai ist das Geothermie-Vorhaben auf dem Hofgut Breitenbach Teil eines Forschungsprojekts, das vom Bundeswirtschaftsministerium mit einem Millionenbetrag unterstützt wird (wir berichteten). Partner sind neben dem Projektentwickler Enex das Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) aus Hannover, die Technische Universität (TU) München sowie zwei geologische Ingenieurbüros. Auch ein Name wurde für das Verbundprojekt gefunden: Es heißt „Dolomitkluft“ – benannt nach dem Gestein, in das gebohrt werden soll – und hat eine Laufzeit von 30 Monaten.

4200 Meter in die Erde hinein

Dieser Tage wurde das Bohrloch mit einer Sonde untersucht und nachvermessen. Diese so genannte Geophonversenkmessung eröffnet die Möglichkeit, ein noch genaueres Bild des Untergrunds zu erhalten, erklärt Enex-Geschäftsführer Dr. Robert Straubinger. Dazu öffnete man das Bohrloch und ließ bis auf eine Tiefe von 4200 Metern ein Stahlseil hinab. Daran hingen im Abstand von 15 Metern vier Geophone. Diese hochempfindlichen Sensoren registrierten Schallwellen, die Vibrationsfahrzeuge direkt neben dem Bohrplatz von der Erdoberfläche aus sendeten. Etwa 100 Mal wurde dieser Vorgang wiederholt, um die gesamte Strecke von 4200 Metern bis zur Geländeoberkante zu vermessen. Einen ganzen Tag und die halbe Nacht dauerte diese Untersuchung.

Mit den neu gewonnenen Daten will Enex die bereits vorhandene 3D-Seismik abgleichen. Anschließend soll ein neuer idealer Bohrpfad festgelegt werden. Straubinger hofft, dass eine erste Auswertung durch die Geothermie-Experten der DMT aus Essen bis Ende Januar vorliegt. Parallel will das Leibniz-Institut die Daten noch breiter aufbereiten und daraus Erkenntnisse für das Gebiet rund um das Hofgut Breitenbach gewinnen.

Im ersten Quartal wird gebohrt

Erfolgloser Versuch: 35 Millionen Euro hat die erste Geothermie-Bohrung verschlungen. Schon bald soll auf dem Hofgut wieder ein Bohrturm errichtet werden.

Der ursprüngliche Zeitplan verschiebt sich insgesamt um ein paar Wochen. Denn ursprünglich wollte Enex schon Ende des Jahres mit der Ablenkbohrung loslegen. „Wir werden im ersten Quartal bohren“, kündigt Straubinger an. Derzeit bereite man die Vergabe der Bohrarbeiten vor. Für den so genannten Side Track wird das bestehende Bohrloch bis zu einer Tiefe von 2600 Metern genutzt. An dieser Stelle zweigt der neue Bohrpfad ab. Von dort aus wird sich der Bohrmeißel 3000 Meter weit einen anderen Weg durchs Erdreich fräsen. In einer Tiefe von mehr als 4800 Metern hofft Enex, auf heißes Wasser in ausreichender Menge zu stoßen. Beim ersten misslungenen Bohrversuch wurde vermeintlich poröses Gestein angebohrt, das sich im Nachhinein als äußerst kompakt und trocken herausstellte. Jetzt will man zu Bereichen mit größeren tektonischen Verwerfungen vordringen. Das sind Kluftzonen, ähnlich wie sichtbare Risse im Felsgestein.

Dünn und ziemlich lang: So sieht ein Geophon aus der Nähe betrachtet aus. Die Geräte haben hochempfindliche Sensoren und registrieren Schallwellen.

Die erste Bohrung in Gelting hatte die Münchner Rück mit einer Fündigkeitsversicherung abgesichert. Inzwischen ist kein Versicherer mehr bereit, dieses Risiko zu tragen. Derzeit stehe man in Verhandlungen mit einem Investor, und dieser habe zugesagt, zusammen mit Hörmann, dem jetzigen Eigentümer der Enex, dieses Risiko selbst zu übernehmen. Noch sei der Bohrvertrag nicht in trockenen Tüchern. „Aber wir sind sehr zuversichtlich“, so der 64-Jährige. Er hofft auf eine Unterschrift im Januar.

Im Gespräch mit Dr. Inga Moeck: Wie hoch ist die Gefahr, dass in Gelting die Erde bebt?

Dr. Inga Moeck betreut die geplante Bohrung auf dem Hofgut Breitenbach im Auftrag der Wissenschaft.

Zweimal war im Dezember in Poing im Landkreis Ebersberg ein kleines Erdgeben zu spüren. 2,1 und 1,8 auf der Richterskala, keine Schäden. Etliche Bürger spürten die Erschütterung und machten die Geothermieanlage des Unternehmens Bayernwerk AG dafür verantwortlich. Wie hoch ist die Gefahr, dass auch bei uns die Erde bebt, wenn in Gelting Anfang 2017 wieder nach heißem Themalwasser gebohrt wird? Das wollte Redakteurin Doris Schmid von Dr. Inga Moeck vom Leibniz-Institut wissen, die die geplante Geothermie-Bohrung auf dem Hofgut Breitenbach wissenschaftlich betreut.

Frau Dr. Moeck, kann eine Geothermie-Bohrung ein Erdbeben auslösen?

Prinzipiell kann so etwas passieren. Aber ein Beben können auch alle anderen Aktivitäten im Untergrund wie zum Beispiel Öl- und Gasbohrungen oder Bergbau auslösen. Mit genauen Untersuchungen des Untergrunds lässt sich die Wahrscheinlichkeit, ob es zu einem Erdbeben kommen kann, aber recht gut abschätzen. Wichtig ist die Überwachung der unterirdischen Aktivitäten, das erfolgt bereits durch die Behörden. 

Was kann einen Erdstoß auslösen? 

Meistens sind das natürliche Spannungen im Untergrund, die sich an tektonischen Störungen ansammeln. Wir sprechen da vom Gebirgsdruck. Durch die Entnahme von Wasser, Erdöl oder Erdgas oder das Zurückführen von Wasser oder Erdgas kommt es zu einer Veränderung von den Spannungen. Das kann Beben oder Seismizität auslösen. Bisher waren die Spannungsänderungen aber sehr klein, entsprechend schwach die Beben. Das ist nicht vergleichbar mit den großen Spannungen, die an tektonischen Plattengrenzen wie in Italien auftreten.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass es bei der Bohrung in Gelting zu einem Erdbeben kommt? 

Die Störungen im Gestein unter dem Hofgut Breitenbach sind seit etwa 40 Millionen Jahren tot. Das können wir am geologischen Aufbau ablesen. Daher gehen wir nicht von einer Reaktivierung der Störungen, das heißt von einem Beben, aus.

nej


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