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Gegen Online-Handel chancenlos: Fachgeschäft muss schließen - „Seit Corona gings bergab“

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Von: Doris Schmid

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Alles muss raus: Geschäftsführerin Karin Macher gewährt auf Textilien 40 Prozent Rabatt.
Alles muss raus: Geschäftsführerin Karin Macher gewährt auf Textilien 40 Prozent Rabatt. © Doris Schmid

Räumungsverkauf im Babyparadies: Karin Macher muss ihr Fachgeschäft in Geretsried schließen. Die Umstände zwingen sie dazu.

Geretsried – Schnuller, Strampler, Schmusetuch: Seit 30 Jahren gibt’s Artikel rund ums Kleinkind in einem Fachgeschäft an der Jeschkenstraße. Doch damit ist spätestens Ende des Jahres Schluss. Seit gut einer Woche läuft im Babyparadies von Karin Macher der Räumungsverkauf. „Es ist gut, einen Schlussstrich zu ziehen“, sagt die 59-Jährige auf Nachfrage unserer Zeitung. „Vielleicht hätte ich das schon früher tun sollen.“

Fachgeschäft in Geretsried schließt: Leute bestellen immer mehr im Online-Handel

Nach dem Aus des Isartaler Babycenters vor zehn Jahren wagten die ehemaligen Mitarbeiterinnen Karin Macher und Hanna Baur den Schritt in die Selbstständigkeit. An selber Stelle eröffneten sie das Babyparadies. Die Frauen steckten damals viel Geld, Zeit und Liebe zum Detail in die Umbaumaßnahmen. Das Geschäft entwickelte sich, und das Jahr 2017 habe man mit den besten Zahlen überhaupt abschließen können, berichtet Macher. Dann ging der Umsatz zurück: Die Leute bestellten immer mehr im Online-Handel, so die Geschäftsfrau, die den Laden seit 2019 alleine führt.

Ich habe mir schon vorgestellt, dass ich das bis zur Rente mache.

Geschäftsfrau Karin Macher

Zur nicht einfachen wirtschaftlichen Lage kam die Corona-Pandemie. Im ersten Lockdown musste auch Macher ihr Geschäft schließen. Über Video-Anrufe hielt sie Kontakt zu ihren Kunden und lieferte Waren aus. Während des zweiten Lockdowns durfte die Wolfratshauserin ihren Laden öffnen. „Aber das war so ein Kuddelmuddel, in dem keiner zum Einkaufen gegangen ist“, sagt sie mit Blick auf die Corona-Beschränkungen, die sich immer wieder änderten. Das Geschäft verlagerte sich noch stärker ins Internet. „Ab da ging’s bergab.“ Anfang des Jahres versuchte die 59-Jährige, das Ruder noch einmal herumzureißen, indem sie ihre Waren auf den Portalen von vier großen Online-Händlern anbot. Auch das half nichts.

Geretsried: Babyparadies muss schließen - Geschäftsfrau fühlt sich im Stich gelassen

Als kleine Fachhändlerin fühlt sich Macher im Stich gelassen: zum einen von der Regierung, zum anderen auch von großen Lieferanten. „Ein Umsatzrückgang wegen Corona ist keine Begründung, um einen Antrag auf Kurzarbeit durchzubekommen“, nennt sie ein Beispiel. Bei gewissen Firmen sei man früher gut genug gewesen, um eine Marke mitaufzubauen. Das zähle jetzt nicht mehr. Mit Waren werde zuallererst der Online-Handel beliefert, dann Handelsketten, so ihre Erfahrung. „Mit Glück bleibt dann noch etwas für den Fachhandel übrig.“ Teilweise habe sie Textilien erst mit zwei Monaten Verspätung erhalten. Von den ausschweifenden Sortimenten mit Kindersitzen und Co. bei Discountern will Macher gar nicht erst reden.

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Geretsried: Babyparadies muss schließen - Der Mietvertrag ist gekündigt

Jetzt zieht die Geschäftsfrau die Reißleine für sich und ihr Team. Der Mietvertrag ist gekündigt, der Abverkauf läuft. Alles muss raus – auch die Ladeneinrichtung. Ihr Geschäft gibt sie mit gemischten Gefühlen auf. „Ich habe mir schon vorgestellt, dass ich das bis zur Rente mache“, gesteht die Unternehmerin. Der Gedanke, den Laden zuzusperren, sei ihr anfangs nicht leichtgefallen. Jetzt herrsche eine gewisse Erleichterung. „Die Zeiten werden ja nicht besser“, sagt sie und spricht noch einmal die Corona-Pandemie und die Energiekrise an.

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Macher hofft, nach der Abwicklung ihres Ladens einen Job zu finden. Auch ihre Verkäuferinnen, die längst zu Freundinnen geworden sind, werden sich nach einem anderen Arbeitsplatz umschauen müssen. „Ohne meine Mädels hätte ich das alles nicht geschafft“, sagt Macher. „Die sind einfach toll.“ nej

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