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Zusammenhalt: Ein ganzes Dorf – hier die Temenos-Hortgruppe und ehrenamtliche Asylhelfer – steht hinter Ibrahim, Elizabeth und Isha Kamara. Die gut integrierte Familie soll nach Sierra Leone abgeschoben werden. 

Familie aus Sierra Leone soll in Heimat zurück 

Gelting kämpft gegen die Abschiebung der Kamaras

Innerhalb von zweieinhalb Jahren haben sich Elizabeth, Ibrahim und Isha Kamara perfekt integriert. Jetzt soll die Familie in ihre Heimat Sierra Leone abgeschoben werden. Haupt- und ehrenamtliche Asylhelfer kämpfen um eine Härtefallregelung.

Gelting – Ibrahim Kamara (29) hätte eine Stelle als Elektriker in Aussicht. Seine Frau Elizabeth (27), gelernte Pflegefachhelferin, könnte nach eigenen Angaben sofort im Seniorendomizil Haus Elisabeth in Geretsried anfangen. Die neunjährige Tochter Isha spricht einwandfrei Deutsch. Sie hat Freunde an der Isardamm-Grundschule, wo sie Klassenbeste ist, und im Geltinger Temenos-Hort, den sie nachmittags besucht. „Sie hilft uns, indem sie für andere Asylbewerber-Kinder übersetzt“, berichtet Hortleiterin Ulla Köhler.

Vater Ibrahim spielt außerdem Fußball beim SV Gelting. Die Kamaras werden zu Familienfesten im Dorf eingeladen, sie beteiligen sich am Adventsmarkt und an anderen Veranstaltungen. Mutter Elizabeth erzählt, um ihr Deutsch zu verbessern, leihe sie sich regelmäßig in der Geretsrieder Stadtbücherei Bücher aus. „Wir fühlen uns wohl hier. Wir wollen unbedingt hierbleiben“, sagt sie.

Doch im Oktober erhielten die Westafrikaner, die mittlerweile im Zuge der Zusammenlegung von Flüchtlingen in der Gemeinschaftsunterkunft am Geretsrieder Schulzentrum wohnen, einen Abschiebebescheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Eine Klage dagegen scheiterte. Die Drei sind illegal in Deutschland. Ohne Pässe flüchteten sie 2015 aus ihrem Heimatland über Libyen und Italien nach München, wo sie zunächst in der Bayern-Kaserne untergebracht waren. Von dort aus wurden sie nach Gelting in eine Wohnung an der Siedlungstraße verlegt.

„Super integrierte“ Familie soll in Deutschland bleiben dürfen

Birgit Schleemilch ist eine der ehrenamtlichen Helferinnen, die sich von Beginn an um die Asylbewerber im Ort kümmerten. „Die Eltern und besonders Isha sind mir ans Herz gewachsen. Das Mädchen geht bei uns ein und aus“, erzählt sie. Helfer Stefan Lerche nahm Ibrahim mit zu Eishockeyspielen in Geretsried, brachte ihn zum SV Gelting und verschaffte ihm ein dreimonatiges Praktikum in seiner Werbeartikel-Firma. „Ich habe ihm auch unsere Regeln erklärt, dass man es in Deutschland nur mit Fleiß zu etwas bringt und dass man keine krummen Sachen macht“, sagt Lerche.

Gemeinsam mit der Rechtsanwältin der Kamaras, mit dem Helferkreis und dem Temenos-Team setzt er sich dafür ein, dass die seiner Aussage nach „super integrierte“ Familie bleiben darf. Man könne nicht alle Menschen aus angeblich sicheren Herkunftsländern über einen Kamm scheren und abschieben, findet der Geltinger, der sogar eine Wohnung für seine Schützlinge hätte. „Es wäre unser größter Wunsch, in Gelting zu leben“, sagt Ibrahim. In Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt, gebeutelt vom Bürgerkrieg und der Ebola-Krise, sehe er keine Zukunft.

Schreiben an bayerische Härtefallkommission

Susanne Bötel von der Asylsozialberatung „Hilfe von Mensch zu Mensch“ betreut die Menschen in der Gemeinschaftsunterkunft an der Jahnstraße. Auch ihr geht das Schicksal der Kamaras nahe. Sie habe viele Briefe bekommen von Geltinger Bürgern, die die Afrikaner unterstützten, sagt sie. Im Moment sei sie dabei, ein Schreiben an die Härtefallkommission des Landes Bayern zu verfassen. Diese kann dem Staatsministerium des Innern empfehlen, ausnahmsweise eine Aufenthaltserlaubnis an Ausländer zu erteilen, die eigentlich zur Ausreise verpflichtet sind. Dazu müssen dringende persönliche oder humanitäre Gründe vorliegen, die den weiteren Aufenthalt in Deutschland rechtfertigen.

Laut Bötel haben sich Ibrahim, Elizabeth und Isha nicht nur bestens in Deutschland eingelebt, ihnen droht in Sierra Leone auch die Verfolgung. Die Eltern hätten sich dagegen entschieden, ihre Tochter beschneiden zu lassen und sich dadurch mit einem Geheimbund angelegt, berichtet die Sozialarbeiterin. Wie die Chancen auf eine Härtefallregelung stehen, kann sie nicht sagen. Sie bemühe sich zum ersten Mal darum. Es gebe jedoch bundesweit viele Beispiele für die erfolgreiche Anwendung dieser Regelung.

Tanja Lühr

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