Die St.-Nikolaus-Kapelle steht steht gegenüber dem Gasthof Geiger.
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Die Keimzelle Geretsrieds: 1083 ist die „Schwaige Gerratesried“ erstmals urkundlich erwähnt. Vermutlich gab es damals schon eine Kirche. Im 18. Jahrhundert wurde die St.-Nikolauskapelle gebaut. Sie steht gegenüber dem Gasthof Geiger.

Freundschaftliche Bande

„Es gab immer eine Kanne Milch für uns“: Familie Hahn und ihre Beziehungen zum Gasthof Geiger

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Eine ganz besondere Beziehung hat Familie Hahn zum Gasthof Geiger. Alles fing damit an, als die Hahns 1945 nach Geretsried kamen.

  • Vor 75 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen nach Geretsried
  • Sie bauten sich ein neues Leben auf und machten die Gemeinde zu einer blühenden Stadt
  • Auch Familie Hahn musste flüchten. Zum Gasthof Geiger haben die Hahns eine besondere Beziehung

Geretsried – In verlassenen Baracken und Bunkerruinen begann für Hunderte Heimatvertriebene und Flüchtlinge vor 75 Jahren ein neues Leben. Sie machten Geretsried zu dem, was es heute ist: eine blühende Stadt mit 26 000 Einwohnern. Noch immer sind die Menschen für die Hilfsbereitschaft dankbar, die ihre Vorfahren in den Anfangsjahren erlebt haben.

Die Milch wurde einmal im Monat bezahlt

Es sind die wenigen Bauern in der Gegend, die die Fremden unterstützen. So wie Josef Geiger und sein Bruder Nikolaus, die neben der St.-Nikolauskapelle eine Landwirtschaft und ein Gasthaus betreiben. „Es gab immer eine Kanne Milch für uns. Sie ist im Fenster vom Milchkammerl gestanden“, erinnert sich Anni Hahn, geborene Stammler. „Wir haben die leere hingestellt und die volle mitgenommen. Am nächsten Tag stand wieder eine volle Kanne für uns im Fenster.“ Bezahlt wurde die Milch monatlich.

 Anni Hahn fühlt sich den Geigers sehr verbunden.

Anni Hahn stammt aus Pusztavám im heutigen Ungarn. Den Zweiten Weltkrieg erlebt sie als junges Mädchen. Als die Pusztavámer im Dezember 1944 im Treck vor der Roten Armee fliehen, wird die Elfjährige von ihren Eltern, Elisabeth und Franz Stammler, getrennt. Sie schreibt Feldpost mit ihrem Bruder, die Eltern machen das Gleiche. So erfahren letztere, die zunächst in Beuerberg Zuflucht gefunden haben, wo sich ihre Tochter aufhält. Franz Stammler findet die Adresse heraus und holt das Mädchen. Am 1. März 1945 kann die Mutter ihre Tochter wieder in die Arme schließen.

Für Helmut Hahn spielt die St.-Nikolaus-Kapelle eine wichtige Rolle.

Schuhmacher Franz Stammler gelingt es, in Geretsried Fuß zu fassen. Mit dem Werkzeug, das er auf dem Fluchtwagen mitgenommen hat, baut sich die Familie eine neue Existenz auf. Nach der Arbeit in der Werkstatt zieht es Stammler zu seinen Bienen. Eines seiner zwei Bienenhäuser steht auf einer sonnigen Wiese am Waldrand nahe dem Bauernhaus der Geigers. „Die Bienen zu besuchen war unser Sonntagsvergnügen“, blickt die 86-jährige Hahn zurück.

Schuhmacher hat 50 Bienenvölker

Insgesamt sind es um die 50 Völker, die der Schuhmacher hegt und pflegt. „In den Ferien sind wir oft bei den Bienen vom Großvater gewesen“, erinnert sich Anni Hahns Sohn Helmut. Beim Honigschleudern hilft immer die ganze Familie mit. „Der Opa hat die Rahmen mit den vollen Waben ins Auto raus. Bei der Oma haben wir sie dann durchs Küchenfenster reingehoben“, ergänzt der 58-Jährige. „Tagelang haben wir Honig geschleudert.“

Gute Freunde: 1983 feiert Franz Stammler (li.) seinen 85. Geburtstag. Auch Nikolaus Geiger zählt zu den Gästen. 

Zunächst wohnen die Stammlers in einem ausgebauten Bunker. 1949 können sie ihr eigenes Haus bauen. Das Geld reicht, um die Handwerker zu bezahlen. Aus Dankbarkeit lädt Franz Stammler sie zum Essen ins Gasthaus Geiger ein. „Manchmal hat’s Geld nicht gereicht, weil der Vater die ganze Woche über nicht so viel verdient hat“, erinnert sich Anni Hahn. „Da hat der Josef Geiger gesagt: ,Stammler zahlst halt, wenns’t wieder eins hast.‘ Das hat der Vater nie vergessen.“

Die Geigers waren die ersten, die dem Opa geholfen haben.

Helmut Hahn

So lange Franz Stammler lebt, werden alle Familienfeste beim Geiger gefeiert. „Er wär’ nie woanders hingegangen“, sagt Anni Hahn. „Und ich gehe auch noch gerne hin.“ Auch Sohn Helmut fühlt sich den Geigers verbunden. „Das ist die Keimzelle Geretsrieds, und auch die Keimzelle der Familie“, sagt der Geretsrieder. „Die Geigers waren die ersten, die dem Opa geholfen haben.“ Aus diesem Grund heirateten Helmut und Barbara Hahn in der Nikolauskapelle. Auch die beiden Töchter Johanna und Leonie wurden in dem Kirchlein getauft.

Ein echtes Urgestein: Nikolaus Geiger

Wenn der Begriff Urgestein auf jemanden zutritt, dann auf Nikolaus Geiger. Er wurde 1923 im Bauernhof neben der St.-Nikolaus-Kapelle geboren. 1956 übernahm er den Gasthof, den er 1985 an seine Nichte übergab. Im gleichen Jahr wurde der Land- und Gastwirt in den Gemeinderat gewählt. Dem Gremium gehörte er bis 1960 an. 1972 wählten ihn die Geretsrieder für die CSU in den Stadtrat. 24 Jahre gehörte er dem Gremium an. „Den Aufbau und die Entwicklung der Stadt hat er an entscheidender Stelle mitgestaltet“, würdigte der damalige Bürgermeister Hans Schmid die Verdienste von Nikolaus Geiger. Als Anerkennung wird er an seinem 75. Geburtstag mit der Ehrenmedaille der Stadt ausgezeichnet

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