Christian Fahrenschon auf der Theresienwiese in München, im Hintergrund ein Fahrgeschäft.
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Festwiese ohne Fest: Christian Fahrenschon demonstrierte vergangenes Jahr mit anderen Schaustellern in München. Die Corona-Krise trifft die Branche hart.

„Das belastet mich seelisch“

Festwirt Christian Fahrenschon über seine Situation und den „Waldsommer“

Festwirt Christian Fahrenschon trifft die Corona-Krise besonders hart. Ob es heuer in Geretsried einen „Waldsommer“ oder einen „Sommer dahoam“ geben wird, verrät er im Interview mit unserer Zeitung.

Geretsried – Der Termin steht: Von 30. Juli bis 8. August soll es heuer wieder Hendl, Bier und Musik am Festplatz an der Jahnstraße geben. Seit 2017 organisiert die Rosenheimer Festwirtsfamilie Fahrenschon den „Waldsommer“, wie das Volksfest seitdem heißt. 2020 war aufgrund der Corona-Pandemie nur eine abgespeckte Variante möglich, der „Sommer dahoam“.

Seit über einem Jahr sieht es für Großveranstaltungen düster aus. Im Interview spricht Christian Fahrenschon über die schwierige Situation, in der sich seine Branche befindet.

Herr Fahrenschon, wie sind Sie über den Winter gekommen?

Christian Fahrenschon: Meine Kinder haben sich einen Nebenerwerb gesucht, und ich bin dorthin zurück, wo ich als Jugendlicher von 16 Jahren begonnen habe. Ich habe an einem Stand vorm Karstadt in Rosenheim Mandeln, Magenbrot und Popcorn verkauft. Als der Einzelhandel geschlossen hat und die Innenstadt somit tot war, habe auch ich den Betrieb eingestellt. Seitdem leben wir vom Ersparten, das jetzt allerdings aufgebraucht ist. Hilfen sind nicht angekommen. Es müsste jetzt wieder losgehen.

Ihr erster Termin ist das Frühlingsfest Großkarolinenfeld Anfang Mai.

Christian Fahrenschon: Eigentlich wollten wir schon früher mit einem Straßenverkauf in Gmund beginnen, aber wir müssen sehen, ob wir den Weg auf uns nehmen können. Wir hoffen, dass in Großkarolinenfeld ein kleiner Biergarten möglich ist, in dem Stil, wie er vergangenes Jahr in Geretsried war.

Das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen hatte diese Alternativveranstaltung vergangenes Jahr zunächst wegen Corona abgelehnt. Sie haben sich die Genehmigung mit einer Klage erkämpft. Meinen Sie, es wird diese Saison leichter?

Christian Fahrenschon: Nein. Vergangenes Jahr hat jeder Landkreis für sich entschieden, und auch jetzt ist die Regelung nach der Sieben-Tage-Inzidenz nicht praktikabel. Demnach dürfte jemand in seiner Heimatgemeinde nicht in ein Lokal gehen, aber im anderen Landkreis fünf Kilometer weiter möglicherweise schon. Es gehört eine einheitliche Regelung her. Die Regierung muss die Rahmenbedingungen schaffen, und ich als Unternehmer muss dafür sorgen, dass ich sie umsetze, wenn ich aufsperren will. Das Landratsamt sollte kontrollieren, ob die Hygieneauflagen erfüllt sind. Wenn nicht, muss der Betrieb zusperren, bis es passt. So sollte es sein. Ich kann nicht generell eine ganze Branche schließen, weil ich befürchte, dass eine Gefahr davon ausgehen könnte.

Es ist ein Blick in die Glaskugel, aber womit rechnen Sie heuer in Geretsried: „Waldsommer“ oder „Sommer dahoam“?

Christian Fahrenschon: Ich denke, es wir ein Mix aus beidem. Wenn bis zum Sommer genügend Schnelltests vorhanden sind und es mit dem Impfen bis dahin schneller vorangeht, könnte ich mir vorstellen, dass wir ein normales Fest mit Eingangskontrolle veranstalten. Besucher müssen dann vorweisen, dass sie geimpft sind oder einen Test gemacht haben. Das hat meiner Ansicht nach nichts mit Zweiklassengesellschaft zu tun. Wer ungestört feiern will, muss die anderen Gäste schützen. Und ich muss auch für die Sicherheit meines Personals sorgen.

Der „Sommer dahoam“ vergangenes Jahr ist gut angekommen. Wäre so eine Alternative für Sie noch einmal in Ordnung?

Christian Fahrenschon: Eigentlich nicht. Ich bin dazu da, ein Festzelt aufzustellen und ein Programm für alle Generationen zu organisieren. Das Konzept hat sich über Jahrzehnte bewährt. Auf einmal soll ich ein paar Schritte zurückgehen und nur ein paar Biertische und Buden aufstellen? Das soll nicht die Regel für 2021 werden. Es hat mit einem Volksfest im herkömmlichen Sinne nichts zu tun. Ich will gute Laune und positive Erlebnisse verkaufen. Nebenbei bemerkt: Wir hatten 2020 in Geretsried 15 000 Besucher und keine einzige Infektion. Ein Angestellter war mit der Datenerfassung und Archivierung über vier Wochen beschäftigt – kein einziger Fall wurde nachgefragt.

Sie organisieren auch die Schausteller für Ihre Volksfeste. Wie ist die Situation für die?

Christian Fahrenschon: Einige haben das Handtuch werfen müssen. Einer hatte eine kleine Achterbahn, die vergangenes Jahr auf all meinen Veranstaltungen platziert werden sollte. Er durfte sie dann aber nur in Vaterstetten aufstellen. Deswegen konnte er seine Raten nicht mehr bezahlen. Andere fahren Kieslaster, arbeiten im Trockenbau oder verkaufen Mandeln. Sie versuchen sich über Wasser zu halten, aber die Luft wird dünn. Jetzt fängt natürlich auch keiner neu an, was wiederum für die Hersteller ein Problem ist. Und die Bedienungen werden total vergessen. Saisonarbeitskräfte bekommen keinerlei Unterstützung. Ich schätze, 50 Prozent sind jetzt in anderen Arbeitsverhältnissen. Für größere Veranstaltungen wird es künftig schwer werden, Personal zu bekommen.

Wie geht es Ihnen persönlich mit dem Ganzen?

Christian Fahrenschon: Noch vor zwei Wochen habe ich mich als alten Optimisten bezeichnet. Ich hab voller Zuversicht in die Zukunft geblickt. Jetzt habe ich aber gehört, dass die Überbrückungszahlungen wegen ein paar schwarzer Schafe eingestellt werden sollen. Es zieht einen runter, wenn einem das Geld ausgeht, weil die Politik nicht einhält, was sie ankündigt. Was soll ich meiner Bank sagen? Wie soll ich meinen Betrieb aufrecht erhalten? Das belastet mich seelisch. Da war man sein Leben lang fleißig, hat einen Betrieb aufgebaut und wird am Ende bestraft, weil man in der falschen Branche ist. Diese Situation will ich in meinem Leben nicht noch einmal durchmachen müssen.

sw

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