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Sicht bis zur Frauenkirche: Das Dach des Hauptzollamts in München ist 1950 einer der ersten Großaufträge.

serie: geretsrieder wirtschaftswunder  

Filigrane Stützen für die Bauindustrie

Vor gut 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: der Maschinenbauer Stefan Keller aus Siebenbürgen.

Geretsried – Stefan Keller kommt 1945 nach München – nach achtmonatiger Flucht mit seiner Frau und drei kleinen Kindern. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Stadt ein Trümmerfeld, und als Betriebsleiter einer Metallbaufirma macht sich Keller daran, ein Konzept für den Wiederaufbau der ausgebrannten und zerbombten Häuser zu entwickeln.

Weil er eine Rekonstruktion in konventioneller Holzbauweise kaum für möglich hält, macht er Versuche mit Stahl-Gitterträgern, bei denen T-Profile für die Gurtungen und U-förmig verformte Bleche für die Streben verwendet werden. Danach entwickelt und baut Keller eine elektrisch gesteuerte Punktschweißstraße zur Herstellung dieser leichten Profilträger, die er zunächst für Dachkonstruktionen einsetzt. Sowohl für den Träger als auch für die Produktionsanlage erhält er Patente, sodass er den Schritt in die Selbstständigkeit wagen kann.

Reine Männersache: Ein Teil der Belegschaft im Jahr 1956 mit Betriebsleiter, Konstrukteuren und Lehrlingen.

Am 2. Januar 1949 gründet der Maschinenbauer gemeinsam mit Dr. Harald Richter und Dr. Harold von Steinburg in Gartenberg die Filigranbau Stefan Keller KG. In leer stehenden Gebäuden des Rüstungswerks der Dynamit Aktien Gesellschaft (DAG) kann Keller seine Gitterträger-Schweißstraße aufstellen und mit der Produktion von Dachträgern beginnen. Parallel dazu versucht er, einen ebenen Fachwerkträger mit einer besonderen Betonfußleiste zu versehen. 1950 gelingt ihm das sogar serienmäßig. Das ist ein entscheidender Entwicklungssprung, da die Balken, zwischen denen die Deckensteine aufgelegt werden, ohne Einsatz technischer Hilfsmittel von zwei Mann verlegt werden können. Damit ist die Filigran-Standarddecke geboren und sie bringt bald einen viel größeren Umsatz als die Dachproduktion.

Weil Filigran die Vermarktung dieses Leichtbausystems nicht selbst stemmen kann, übernehmen mittelständische Vertragswerke die Herstellung der Filigran-Decke. Durch diese Kooperation kann Deutschland flächendeckend beliefert werden.

Parallel zur Anwendungstechnik der Gitterträger werden auch die zu ihrer Herstellung notwendigen Automaten laufend weiterentwickelt. 1953 wird die erste vollautomatische Gitterträgerfertigung der Welt aufgenommen, womit Stefan Keller internationale Geltung erlangt. Entsprechende Patente werden 1960 erteilt.

Firmensitz im Wald: In diesen Bunkern an der Blumenstraße fängt Stefan Keller 1949 mit der Produktion von Stahlträgern an. Die separat stehenden Gebäude werden Ende der 1950er-Jahre miteinander verbunden, sodass eine 200 Meter lange Halle entsteht.

1957 wird der zweite Vollautomat in Betrieb genommen, und bereits im Juni 1957 wird die zweite Million von SK-Trägern im Dreischichtbetrieb produziert. Über 50 Beton- und Ziegelsteinwerke werden zu Vertragswerken von Geretsried. In jenem Jahr beschäftigt Filigran rund 70 Mitarbeiter. In Deutschland, Österreich und Holland nehmen vier weitere Firmen die Produktion von SK-Rundstahlträgern in Lizenz auf.

Anfang der 1960er-Jahre entwickelt Stefan Keller den sogenannten X-Träger. Für die Olympischen Spiele 1972 in München liefert Filigran etwa 70 000 Laufmeter X-Träger. Sie dienen als Unterkonstruktion für die überdachten Freibereiche auf dem Areal.

Im Juli 1972 übernimmt Sohn Klaus Keller den Maschinenbau von Filigran. Er führt viele Neuentwicklungen durch und erhält eine Reihe von Patenten für seine Produkte. Daneben richtet Keller in verschiedenen Ländern Gitterträgerproduktionen ein – zum Beispiel in Venezuela, Guatemala und in der Türkei. Neben der Mutterfirma in Geretsried entstehen in den 1960er-Jahren drei weitere Betriebe in Deutschland, die in den Boom-Jahren extrem gut ausgelastet sind. Nach der Ölkrise 1973 erleiden sie allerdings erhebliche Rückschläge. Die Weltwirtschaftskrise führt zur Stilllegung der X-Träger-Produktion in Geretsried und später zur Konzentration aller deutschen Filigran-Werke in der Filigran Trägersysteme GmbH & Co. KG.

1982 übernimmt Wolf von Weiler als alleiniger Geschäftsführer die Leitung des Familienunternehmens Filigran. Sein wesentliches Engagement richtet sich darauf, die Beziehungen zu den Kunden zu festigen und sie durch technische und organisatorische Betreuung an Filigran zu binden, um dem extremen Wettbewerb der Stahlkonzerne standhalten zu können. Nach den Rezessions- und Krisenjahren der Bauwirtschaft ist der Fall der Berliner Mauer 1989 das entscheidende Signal für Filigran, sich voll auf den Aufbau Ost zu konzentrieren.

Der Erfinder und sein Produkt: Stefan Keller zusammen mit seiner Tochter Anita im Jahr 1953 neben einem Lager von Deckenträgern mit Betonleiste.

Ab 1990 werden viele wichtige Kontakte zu neu gegründeten Beton- und Ziegelwerken im Osten hergestellt. Man vermittelt ihnen die Filigran-Bauweise und unterstützt sie beim Aufbau der Produktion. Da Ostdeutschland im Baubereich enormen Nachholbedarf hat, gründet Filigran in Sachsen-Anhalt eine Produktionsstätte, die 1993 in Klieken den Betrieb aufnimmt.

Entscheidende Unterstützung erhält Weiler von seinen Sohn Jörg sowie Prokuristin Ingrid Sauter, die Leiterin des Außendienstes. Nachdem die Produktion in Klieken voll angelaufen ist, wird die Geschäftstätigkeit von Filigran in Geretsried im Dezember 1994 nach 45 Jahren beendet. Jörg von Weiler konzentriert sich auf die Erschließung neuer Einsatzbereiche in Tschechien, Polen und Russland und gründet eine Firma in Warschau. Stefan von Weiler, der jüngere Sohn, übernimmt 2003 die Leitung der deutschen Werke in Leese und Klieken.

Quelle

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried im Jahr 2010 ein eigenes Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung der Autoren Werner Sebb und Friedrich Schumacher veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der vergriffenen Publikation, die es nun auch als E-Book gibt (Infos bei Gerhard Aumüller, E-Mail: gerhard@auge-web.de).

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