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Neue Heimat: Isobel Muir-Ruckstuhl (li.) und Carmen Genzinger (re.) unterstützen Mohamed Rajabi, seine Frau Fatima Ahmadi und ihre beiden Kinder Negar und Nilufar. Sie haben eine lange Flucht aus dem Irak hinter sich und wohnen in Geretsried.

Flucht damals und heute

„Jetzt müssen wir fleißig Deutsch lernen“

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Geretsried - Unser Landkreis wird nicht nur heute, sondern wurde auch schon vor 70 Jahren Heimat für viele Flüchtlinge. Was erleben Menschen in diesen Ausnahmesituationen, wie verarbeiten sie die Ereignisse?

„Wir wollen doch nur in Frieden leben“, sagt Mohamed Rajabi. Zehn Monate waren er und seine Frau Fatema Ahmadi auf der Flucht. In dieser Zeit haben sie geheiratet, ein Kind bekommen – aber vor allem Schreckliches durchlebt. Jetzt, in Geretsried, fühlen sie sich endlich sicher und können nach zwei Jahren auch über ihre Odyssee sprechen.

Mohamed Rajabi (21) kommt aus der Provinz Ghazni in Afghanistan. Er lebte dort mit seiner Familie in einem kleinen Ort und betrieb Obstanbau. Doch irgendwann stießen die Taliban in die Region vor. „Sie klopfen an die Türen und besetzen Häuser, um dort zu schlafen“, schildert der junge Mann die Situation. „Sich ihnen entgegen zu stellen, bedeutet den sicheren Tod.“ Fatema Ahmadi, die aus einem Dorf ganz in der Nähe stammt, erzählt: „Die Taliban kommen ins Haus und benutzen die Frauen. Danach schneiden sie ihnen die Kehle durch.“

In der Zeit des Schreckens gibt es Momente des Glücks

In dieser Zeit des Schreckens gibt es aber auch kleine Momente des Glücks. Obwohl sie sich nur ein paar Mal gesehen haben, verlieben sich Mohamed Rajabi und Fatema Ahmadi. Weil ihr Vater gegen die Heirat ist, beschließen sie, fernab der Heimat neu anzufangen. Bei Nacht und Nebel flieht das Paar in den benachbarten Iran. „Dort haben wir geheiratet“, sagt Rajabi. Und von hier aus planen sie ihre weitere Flucht. Mehr als 5000 Kilometer Luftlinie sind es bis nach Deutschland. „Aber wir wollten es schaffen.“

Das Paar vertraut sich Schleusern an. Eines Nachts kommt das Zeichen zum Aufbruch. „Wir packten für jeden zwei Garnituren Kleidung in einen Rucksack“, erzählt Fatema Ahmadi. Auf der Flucht stellt die 17-Jährige fest, dass sie schwanger ist. Doch ein Zurück gibt es nicht. „Mal ging es stundenlang zu Fuß, mal mit einem Fahrzeug“, erinnert sich Rajabi. „Wir saßen immer mit ein paar anderen Leuten übereinander gestapelt im Wagen. Es war eng, man bekam kaum Luft.“ Nach jeder Etappe wartet der nächste Schleuser und übernimmt die Gruppe – gegen Geld. Meist sind es zwischen 20 und 100 Menschen.

Die junge Frau hat bis heute Schmerzen im Unterschenkel

Die Flucht führt aus dem Iran über die Türkei nach Bulgarien. Noch kommen sie ganz gut über die Grenzen – „bis wir durch einen Fluss mussten, um Serbien zu erreichen“, berichtet Rajabi. Es herrscht tiefster Winter. Sie waten durch das eiskalte Wasser. Rajabi geht voraus, seine Frau Fatema hinter ihm. Sie ist inzwischen im neunten Monat schwanger. Als sie an Land wollen, werden sie von serbischen Grenzsoldaten zurückgeschickt. „Zweimal, dreimal, ging das so. Sie standen da und schrien uns an“, erzählt Rajabi. „Ich hatte nur noch Angst um meine Frau und unser ungeborenes Kind.“ Fatema erinnert sich an „die unglaubliche Kälte, die sich tief in die Knochen fraß“. Bis heute, rund zwei Jahre später, hat die junge Frau Schmerzen in den Unterschenkelknochen.

Irgendwann schaffen es die beiden an Land. Sie werden in einem Haus untergebracht, in dem bereits andere Flüchtlinge leben. Hier kommt Tochter Negar zur Welt – ohne ärztliche Versorgung, ohne familiäre Unterstützung. Lange rasten kann die Familie nicht: Fünf Tage nach der Geburt geht die Flucht weiter. Über Ungarn und Österreich erreichen sie Deutschland. „Als wir in München ankamen, waren wir überglücklich“, sagt Rajabi. „Wir hatten keine Angst mehr.“ Seine Frau nickt. „Sogar die Polizisten haben gegrüßt und uns angelächelt. Das war unbeschreiblich.“

Zwei Monate Erstaufnahmelager, dann Geretsried

Zwei Monate lebt die Familie in einem Erstaufnahmelager. Dann wird sie nach Geretsried gebracht. Hier wohnt sie in einem kleinen Zimmer – knapp 20 Quadratmeter, nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Küche und Bad teilen sie sich mit ihren Mitbewohnern. Aber die beiden beklagen sich nicht. „Jetzt müssen wir weiter fleißig Deutsch lernen“, sagt die 19-Jährige. Vor wenigen Wochen hat sie ihr zweites Kind, Tochter Nilufar, auf die Welt gebracht.

Unterstützt werden Rajabi und seine Frau im Alltag von Familienpatin Carmen Genzinger und Hauspatin Isobel Muir-Ruckstuhl. „Ein erster Schritt wäre eine eigene kleine Wohnung, allein schon wegen der Kinder“, sagen Muir-Ruckstuhl und Genzinger. „Es ist schon sehr beengt hier, und die beiden sind wirklich ehrgeizig, fleißig und gut integriert.“ Um seine Familie ernähren zu können, möchte Rajabi gern als Automechaniker oder Elektroniker arbeiten. Seit zehn Monaten besucht er die Berufsschule und absolviert Praktika. Seine Frau möchte „am liebsten als Krankenschwester anderen helfen“. Sie drückt ihre beiden Kinder an sich. „Noch schöner wäre es, als Hebamme zu arbeiten.“

von Sabine Hermsdorf

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